Wie Moskauer Obdachlose den Winter überleben

Elena Pochetova
Das Leben von russischen Obdachlosen ist insbesondere in den Wintermonaten hart. In Moskau, wo es Zehntausende Wohnungslose gibt, kümmern sich teils private, teils staatliche Initiativen um die Menschen auf der Straße. RBTH hat das Zentrum Miloserdije besucht.

Vor dem Hoftor eines Wohnhauses in der Nikolojamskaja-Straße, unweit der Moskauer Innenstadt, stehen etwa zehn Personen. Darunter zwei alte Männer mit stacheligem Bart, die recht unwirsch wirken, ein sichtlich erschöpfter Mann, der aussieht, als käme er aus Zentralasien, und eine Frau mit verschmitztem Lächeln und ungepflegtem Haar. Hinter dem Tor sind Zelte und ein paar Buden zu sehen. Ein Feldlager mitten in Moskau, so scheint es.

Ein Wachmann schließt das Tor auf und bittet die Wartenden hinein. Verlegen, unsicher, teils stolpernd treten sie ein, auf der Suche nach Essen und Wärme oder nach Hilfe. Alle haben sie etwas gemeinsam: Sie sind obdachlos. Ihr Zufluchtsort nennt sich Hangar der Rettung. Es ist ein Sozialzentrum, das von der russisch-orthodoxen Hilfsorganisation Miloserdije gegründet wurde. Die Obdachlosen kommen gerne hierher: Es gibt Essen, Kleidung und medizinische Versorgung. Sie können sich hier waschen und die Haare schneiden lassen. Auch Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten erhalten sie im Hangar.

Roman Skorossow, Leiter des Zentrums für Obdachlose "Hangar der Rettung". Foto: Oleg Jegorow

Um die hundert Hilfsbedürftige kommen täglich, sagt der Leiter des Zentrums Roman Skorossow. Das blaue Zelt bietet bis zu 55 Personen Platz. Ein Stromgenerator verbreitet wohlige Wärme, es ist voll, fast alle Plätze sind besetzt. Einige essen etwas, zum Beispiel die kostenlos angebotenen Nudeln und Brot, oder trinken einen heißen Tee. Andere schlafen, wieder andere unterhalten sich miteinander. Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die hier zusammenkommen: Jung und Alt, Männer und Frauen. Teils sieht man ihnen an, dass sie auf der Straße leben, sie wirken verwahrlost. Aber manche wirken auch gepflegt. Einige spielen mit ihren Smartphones. 

Von der Kanalisation in die Notunterkunft

Wenn die Temperaturen in Moskau im Winter bis auf minus 20 Grad Celsius sinken, wird das Leben der Obdachlosen unerträglich. Im Raucherraum neben den Duschkabinen erzählen sie, wo sie an solchen Tagen Unterkunft finden: Abends können alle, die einen Schlafplatz suchen, direkt aus dem Hangar mit einem kostenlosen Bus ins Zentrum für soziale Adaption, einer Notunterkunft für Obdachlose, fahren. Allerdings mangelt es dort meistens an Plätzen, denn es gibt nur eine Einrichtung dieser Art in ganz Moskau.

Obdachlose warten auf neue saubere Kleidung, mit der sie das Zentrum "Hangar der Rettung" versorgt. Foto: Oleg Jegorow

„Das Zentrum ist meistens überfüllt, es gibt dort nur 570 Plätze, sodass man im Sitzen schlafen muss, auf dem Boden“, erzählt Jura, ein stämmiger Mann in mittleren Jahren. „Daher nächtigen wir in Hauseingängen und auf Bahnhöfen. Aber auch in der Kanalisation. Dort gibt es Heißwasserrohre, sodass man eine Matratze hinlegen und schlafen kann“, sagt er.

Juras Erfahrungen kann man vertrauen, seit gut zwei Jahren wandert er durch Moskau. Sein Leben betrachtet er philosophisch: „Es ist schon okay. Es gibt ausreichend Schlafplätze, auch ausreichend Orte, wo man Nahrung findet. Hauptsache, man kennt sie.“ Fotografieren lassen möchte er sich aber nicht: „Lassen Sie das lieber. Junge Menschen hier mögen keine Kameras, bitten Sie lieber die Alten um ein Foto.“

Sascha war früher alkoholsüchtig, heute arbeitet er in der Obdachlosenhilfe. Foto: Oleg Jegorow

Sascha ist nicht alt, lässt sich aber gerne fotografieren. Vor ein paar Jahren landete er wegen Alkoholproblemen auf der Straße. Doch er hatte Glück: Er traf Menschen aus dem Hangar der Rettung, die ihm halfen, und arbeitet seitdem in der Obdachlosenhilfe mit. „Menschen landen aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße: die einen wegen Konflikten in der Familie, andere werden bei Immobiliengeschäften über den Tisch gezogen“, erzählt Sascha. Seiner Meinung nach ist die größte Gefahr im Winter der Alkohol: „Viele, die auf der Straße landen, fangen zu trinken an, statt sich um ihre Papiere zu kümmern. Das ist für Obdachlose gefährlich. Alkohol ist die Todesursache Nummer eins im Winter.“

Das Mitgefühl rettet Leben

Im Laufe der vergangenen Jahre ist die Zahl der Todesopfer im Winter allerdings drastisch gesunken. Laut Angaben des Departements für Sozialversorgung der Stadt Moskau lag die Zahl der Erfrorenen im Winter 2002/2003 bei 1 200, im Winter 2014/2015 hingegen nur bei 57 Toten. Für Roman Skorossow liegt der Grund in einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung: „Es entstehen neue Vereine, die sich um Obdachlose kümmern und auch das Departement für Sozialversorgung widmet sich diesem Problem deutlich mehr.“

Mit diesem kleinen Bus fährt der Dienst "Soziale Straßenstreifen" die Obdachlosen aus dem Hangar ins Zentrum für Sozialversorgung der Stadt Moskau, damit sie dort übernachten können. Foto: Oleg Jegorow

Zudem verhielten sich Menschen Obdachlosen gegenüber zunehmend humaner. „Die Menschen sind auch von sich aus freundlicher und empathischer. Wer früher einen Obdachlosen im Hauseingang auffand, jagte ihn auf die Straße. Heute wissen die Leute, dass man zuerst den Sozialdienst anruft, damit der Person geholfen wird und sie an einen sicheren Ort gebracht werden kann. Man setzt Menschen nicht mehr einfach auf die Straße.“

Info:

– Unterschiedlichen Angaben zufolge beträgt die Zahl der Obdachlosen in Moskau 12 000 bis 15 000 Personen. Eine genauere Zahl lässt sich nicht ermitteln, da die Obdachlosen ständig ihren Ort wechseln und viele von ihnen keine Papiere haben.

– Das Departement für Sozialversorgung der Stadt Moskau hilft Obdachlosen über den Dienst der „Sozialen Straßenstreifen“, das Zentrum für soziale Adaption und Armenküchen.

- Neben dem Staat kümmern sich viele private Organisationen und Stiftungen um die Belange von Obdachlosen, unter anderem die russisch-orthodoxe Hilfsorganisation Miloserdije, der Verein Freunde auf der Straße und andere.

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