Gesund leben: Ein Trend nur für Besserverdienende?

Yury Smityuk / TASS
Vegetarismus, Veganismus, Yoga – auch in Russland sind das längst keine unbekannten Vokabeln mehr. Doch der Gesundheits-Hype ist trotz wachsender Anhängerschaft kein Massentrend. Denn gesundes Leben hat seinen Preis, den viele Russen nicht zahlen können.

Seit fünf Minuten steht Waleria in der sogenannten Baumposition, einer Yoga-Übung, die das Gleichgewicht fördern soll. Waleria ist Geschäftsführerin des Nationalen Ausschusses zur BRICS-Forschung. Vor Kurzem hat sie mit Yoga begonnen, als Ausgleich: „Yoga ist für mich gewissermaßen ein Mittel, um dem stressigen Alltag zu entfliehen.“ So ganz abschalten kann Waleria dann aber doch nicht und denkt auch dabei an die Arbeit. „Indien, das Ursprungsland des Yoga, ist BRICS-Mitglied“, sagt sie. Es sei ein „unglaublich spannendes Land“ und sie hoffe, dass Yoga ihr helfen werde, „Indien noch besser zu verstehen“.

Yoga ist in Russland im Trend. Die Kurse sind überfüllt. Es gibt viel zu wenig Yoga-Lehrer, vor allem in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, wie Sergej Litau, Präsident der Moskauer Yoga Federation, berichtet. „Derzeit praktizieren etwa 500 000 Menschen in Russland Yoga. Ihre Zahl steigt, jedoch nicht so schnell wie zum Beispiel in den USA.“

Das Gesundheitsbewusstsein wächst im Land. Eine Entwicklung, die in allen Städten zu beobachten ist. Wellness statt Party ist angesagt. Statt üppiger Mahlzeiten und großzügigem Alkoholgenuss wird immer häufiger vegetarisch gegessen. Statt der herkömmlichen Kosmetikprodukte bevorzugen immer mehr Menschen Selbstgemachtes oder Naturkosmetik. Die Wirtschaft reagiert zunehmend auf diese Nachfrage. 

Gesunde Ernährung und Naturkosmetik liegen im Trend

Vegetarische oder vegane Ernährung und Rohkost sind Begriffe, die sich erst seit Kurzem im Sprachschatz der Russen wiederfinden. Mittlerweile haben sie sich aber einen festen Platz erobert. „Heute denken die Menschen viel mehr darüber nach, was sie essen und wie sie leben. Auch deshalb findet vegetarische Ernährung immer mehr Anhänger“, sagt Rasa Neapolitanskaja, Sprecherin von Dschagannat, einer Kette vegetarischer Restaurants und Naturkostläden. 

Trotz der Krise expandiert Dschagannat. „Pro Tag bekommen wir drei Franchise-Anfragen aus verschiedenen Städten“, so Neapolitanskaja. „Wir sind Trend. Eine gesunde Lebenswiese ist populärer denn je. Das Interesse an unseren Produkten wächst und wächst“, zeigt sie sich zufrieden.

Auch Julia Zeschkowskaja ist auf den Gesundheitszug aufgesprungen. Sie gründete ein Startup für Naturkosmetik, die sie selbst herstellt. Angefangen hat sie damit, alle Produkte, die sie selbst benutzt, zu Hause zu mischen. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe herkömmlicher Produkte brachte sie dazu. Mittlerweile erfreuen sich ihre Mittel auch bei Freundinnen und Kolleginnen großer Beliebtheit. Zeschkowskaja bietet ihre Ware nun auf Bestellung an. Sie hofft, dass sie bald eine eigene Kosmetiklinie auf den Markt bringen kann und damit ebenso erfolgreich wird wie etwa die Naturkosmetikfirma Natura Siberica, die 2007 von Andrej Trubnikow gegründet wurde. Später entwickelte er mit Organic Shop und Planeta Organica zwei weitere Produktlinien. Momentan gehören ihm in Russland 22 Läden. Jetzt wartet der europäische Markt auf seine Eroberung.

Gesundheitszeugnis mit der Note „mangelhaft“ 

Es ist kein Zufall, dass der Gesundheits-Hype vor allem Moskau und Sankt Petersburg ergriffen hat. Dort ist das Durchschnittseinkommen höher als in anderen russischen Regionen. Zudem seien es vor allem die Besserverdienenden, die Wert auf eine gesunde Lebensweise legten, sagt Iwan Pautow, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Soziologie an der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Der Anteil der wohlhabenden Bevölkerung in Russland, die auf ihre Gesundheit achtet, liegt deutlich höher als in einkommensschwachen Bevölkerungsschichten.“ Die Mehrheit der Bevölkerung treibe jedoch nicht einmal regelmäßig Sport, geschweige denn würde sie sich Naturkosmetik leisten können.  

Und auch sonst ist es um den Gesundheitszustand der Russen eher mäßig bestellt. Der Anteil der Raucher liegt in Russland weiterhin bei rund 40 Prozent,  62 Prozent konsumieren regelmäßig Alkohol. Jeder dritte Russe im arbeitsfähigen Alter ist übergewichtig, insgesamt gelten 54 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen als übergewichtig. 15 Prozent der Männer und 28,5 Prozent der Frauen sind sogar fettleibig. Eine gesunde Lebensweise in Russland scheint eher ein Trend für wenige Auserwählte. 

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland