Der statistische zweite Russe

Alena Repkina
„Jeder zweite Russe“, so beginnen Auswertungen von Meinungsumfragen häufig. RBTH hat nachgeforscht, in welchen Fragen sich die Russen besonders uneins sind. Fest steht: Halb Russland klaut gerne aus Hotelzimmern, ist religiös und rechnet mit einem Krieg.

Russland scheint ein Land mit erstaunlich klaren Ansichten zu sein. In Meinungsumfragen sprechen sich häufig 50 Prozent der Befragten für eine Sichtweise aus. Und fragt man Google, zeichnet sich ein deutliches Bild ab, wie „jeder zweite Russe“ aussieht – demnach ist diese statistische Person unter anderem militaristisch und abergläubisch.

Zurück in die Sowjetunion, her mit der Zensur!

Tatsächlich ist überraschend, in wie vielen Fragen sich die russischen Geister scheiden. Beispiel Nostalgie: Soziologen fanden heraus, dass sich jeder zweite Russe auch nach 25 Jahren noch daran erinnert, wie gut es ihm in dem Staat ging, den es nicht mehr gibt. Laut Meinungsumfragen wünscht sich die Hälfte der Russen zurück in die Sowjetunion.

Bemerkenswert dabei ist, dass bei der Wiedereinführung eines sozialistischen Systems nicht nur die Planwirtschaft ersehnt wird, sondern auch ein Staatsoberhaupt „wie Stalin“. Die Idee, Marktwirtschaft und Privateigentum gegen eine Wirtschaft zu tauschen, die vom Staat gesteuert und geregelt wird, finden 52 Prozent der Befragten gut. Etwa genauso viele (54 Prozent) verspüren Achtung vor Stalin und bewundern „seine Weisheit“. Allerdings stuft wiederum die Hälfte der Russen die stalinschen Säuberungen als Verbrechen ein.

Nicht verwunderlich also, dass halb Russland keine Sympathien für diejenigen hegt, die beim Niedergang der Sowjetunion oder nach deren Zusammenbruch am Ruder waren: 47 Prozent der Befragten meinen, dass der erste und einzige Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow – der Glasnost und Perestroika ermöglichte – sich um das Wohl des Staates nicht gekümmert habe, und 50 Prozent meinen, dass der erste russische Präsident Boris Jelzin für die Krise verantwortlich sei.

Dazu kommt noch eine starke Armee, von der jeder zweite Russe träumt. Einen wachsenden Einfluss des Militärs auf die Gesellschaft würde die Hälfte der Russen deswegen begrüßen. 48 Prozent der Russen meinen nämlich, der Feind ruhe nicht. Sie rechnen durchaus mit einer militärischen Invasion von außen.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weswegen jeder Zweite die Einführung einer Internetzensur begrüßen würde. Besonders die ausländischen Webseiten müssten kontrolliert werden – denn wer weiß schon, was dort alles geschrieben wird. Sicherheit geht vor. Ihr zuliebe würde die Hälfte der Russen selbst den Wiederaufbau der militärischen Präsenz in Syrien begrüßen.

Urlaub auf der Datscha, Glühbirnen aus dem Hotel

Trotz der Schwärmerei für die sowjetische Vergangenheit sehen die Befragten auch das heutige Russland als einen mächtigen Staat an. Natürlich teilen genau 50 Prozent der Russen diese Meinung. Dennoch hat jeder Zweite die derzeitige Wirtschaftskrise bereits finanziell zu spüren bekommen und ist auf günstigere Lebensmittel umgestiegen. So macht sich halb Russland Sorgen über die verarmende Bevölkerung und meint gar, dass die Russlandkrise von 1998 sich wiederholen könne.

Allerdings glaubt das halbe Land auch, dass die Regierung in der Lage sei, eine wirksame Anti-Krisen-Politik durchzusetzen. Dafür ist jeder zweite Russe bereit, sich die Sanktionen des Westens gefallen zu lassen – vor allem zur Unterstützung der russischen Außenpolitik in der Ostukraine, die übrigens ebenfalls die Hälfte der Russen für richtig hält.

Kein Wunder, dass jeder Zweite keine Währungsschwankungen verfolgt und auf teure Smartphones verzichtet. Stattdessen werden einfache (und billige) Handys gekauft, die nur die nötigsten Funktionen bieten. Auch am Urlaub wird gespart: Jeder zweite Russe hat ihn im vergangenen Jahr auf der Datscha verbracht.

Überlebensstrategien in der Krise finden sich aber auch bei Urlaubern, die sich für eine Pauschalreise entschieden: Die Hälfte der Pauschalurlauber lässt etwas aus dem Hotelzimmer mitgehen. Wie Umfragen zeigen, sind vor allem Toilettenartikel, Bademäntel und der Inhalt der Minibar begehrt. Besonders dreiste Reisende nehmen darüber hinaus Kleiderbügel, Batterien aus der Fernsehbedienung und Glühbirnen mit.

Ein Fluch, sie aufzuhalten

Insgesamt ist jeder zweite Russe aber zuversichtlich. Sie sind sich sicher, dass sie bei einer Kündigung einen neuen Arbeitsplatz finden würden, der dem alten in nichts nachstünde. Ebenso unbekümmert zeigt sich die Hälfte der Russen bei der Frage nach Unabhängigkeit: Wenn international nicht anerkannte Staaten Souveränität anstreben – sei’s drum. Südossetien, Abchasien, Transistrien und Bergkarabach haben den Segen von halb Russland.

Und auch wenn etwas schon geschehen ist, so glauben viele, kann man nichts machen – es sei eben der Wille Gottes: Jeder Zweite glaubt an die Vorbestimmtheit seiner Lebensreise. Religiöse Wunder hält die Hälfte der Russen für absolut real, genauso wie Hexen und die Macht des bösen Blicks. Die Angst, verflucht zu werden, ist also alles andere als abwegig. Mit einem Fluch könnte man wohl halb Russland in Schockstarre versetzen.

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