Karriere mit Handicap: Inklusion im russischen Arbeitsmarkt

Ein Sehbehinderter beim Sammeln von Wäscheklammern im Obmytposhiv-Betrieb des russischen Blindenverbands.

Ein Sehbehinderter beim Sammeln von Wäscheklammern im Obmytposhiv-Betrieb des russischen Blindenverbands.

Dmitry Feoktistov / TASS
Die Integration in die Berufswelt ist für Menschen mit Behinderungen nicht immer einfach. Unterstützung finden sie bei privaten Initiativen. Dabei geht es nicht um Alibi-Beschäftigungen, sondern um qualifizierte Beschäftigung zum marktüblichen Gehalt.

Seit 1997 fördert die regionale gemeinnütze Organisation Perspektiva den Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung in Russland und unterstützt ihre Integration in die Arbeitswelt. Perspektiva veranstaltet Job-Coachings, bietet berufsbildende Maßnahmen an und vermittelt Praktika in großen Unternehmen wie Nestlé, KPMG oder Volvo. „Wir sind Vorreiter in diesem Bereich und befassen uns damit bereits seit 13 Jahren“, berichtet Sofja Pak, Projektkoordinatorin bei der Organisation. 

Menschen mit Behinderung hätten heute viel bessere Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, als früher, findet Pak. Auf der Webseite der Organisation listet eine Übersicht eine ganze Bandbreite an möglichen Berufen auf, etwa ein Angebot als 3-D-Designer mit einem Gehalt von 1 200 Euro oder eine Tätigkeit als Social-Media-Manager für 500 Euro in der Probezeit. Weiter werden Köche, Kundenmanager, Programmierer und Administratoren gesucht. 

Blinde Programmierer

Programmierer Adi Kuschner. Foto aus dem persönlichen ArchivProgrammierer Adi Kuschner. Foto aus dem persönlichen Archiv„Blinde Programmierer sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt und haben ein großes Zukunftspotenzial“, sagt Pawel Osipow, Entwicklungsbeauftragter des Unternehmens Elita Group. Die Firma hat in Russland das erste Smartphone für Blinde, Elsmart, und das erste Computerausgabegerät, ElBraille, für blinde Menschen auf den Markt gebracht. Die Gadgets wurden von Blinden und Sehbehinderten selbst entwickelt.

Das Team der Programmierer und Entwickler ist in den letzten drei Jahren entstanden. Früher beschäftigte sich Elita Group, das von dem blinden Unternehmer Nusret Adigesalow gegründet wurde, mit dem Vertrieb von importierten elektronischen Hilfsmitteln. „Es war öfter der Fall, dass ein blinder Käufer ein Hilfsmittel, etwa eine Braillezeile, erwarb und später mit einer selbst programmierten App zurückkam“, berichtet Osipow. Talente, die der Unternehmer geschickt zu nutzen wusste: Am Ende kam so sein 20-köpfiges Team aus ganz Russland zusammen.

Viele seiner Programmierer, Designer und Entwickler arbeiten von zu Hause aus. Sie verdienen rund 850 Euro im Monat, was dem marktüblichen Gehalt in dieser Branche entspricht. In Zukunft will Elita Group die Zahl der blinden Angestellten noch erhöhen. 

Raus aus dem Schatten

Die Organisation Perspektiva umfasst mit ihrem Projekt ein wesentlich breiteres Spektrum von Berufen. Sofja Pak zufolge haben sich im vergangenen Jahr 458 behinderte Jobsuchende an die Moskauer Vertretung der Organisation gewandt. 154 von ihnen konnten vermittelt werden. „Die Erfolgsquote von 30 bis 40 Prozent ist ein akzeptabler Wert für uns. Vielen raten wir zu einer Weiterbildung, etwa zu einem Englischkurs. Einigen gelingt der Einstieg in ein befristetes Arbeitsverhältnis“, erzählt die Koordinatorin. 

Dass Arbeitgeber grundsätzlich bereit sind, Arbeitsplätze an behinderte Menschen zu vergeben, bestätigen die konventionellen Arbeitsagenturen. Auf Headhunter.ru, einem der größten Jobportale Russlands, sind momentan 317 000 offene Arbeitsstellen vorzufinden. Davon sind 18 000 für Menschen mit Behinderung geeignet. In der Regel sind diese Stellen in der IT-Branche, im Bankensektor sowie im Verkauf und Marketing angesiedelt.

Hindernisse bei der Arbeitsuche

Sofja Pak glaubt, dass viele Bewerber nicht überzeugend genug auftreten. „Man darf den Fokus nicht auf die Krankheit und die damit verbundenen Hindernisse richten, sondern auf die eigenen Stärken, mit denen diese Hindernisse aus dem Weg geräumt werden können“, betont sie. Viele blinde Menschen könnten beispielsweise mit Microsoft Office umgehen. Und der Arbeitgeber könne sogar an Bildschirmen und stationären Computern sparen – die blinden Arbeitnehmer benötigten sie nicht. Sie haben eigene spezielle Hilfsmittel, weiß Pak.

Bevor Menschen in die Berufswelt integriert werden könnten, müsse allerdings zunächst ihre Arbeitsmotivation geweckt werden, bemerkt Julija Plenkowa, Leiterin des Programms „Soziale Integration“ von Connection, einer Stiftung zur Unterstützung von Blinden und Gehörlosen (Russisch So-edinenie). „Weniger als zehn Prozent der gehörlosen und blinden Befragten im arbeitsfähigen Alter haben den Wunsch, eine Beschäftigung aufzunehmen“, berichtet sie. Es sei leichter, mit der finanziellen Hilfe vom Staat und Verwandten den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Doch das sei nur ein Ausdruck der eigenen Unsicherheit: Viele denken, sie hätten keine Chance, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Beschäftigung zu finden.

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