Feministische Illusion: Warum die Mehrheit der Richter Frauen sind

Artyom Geodakyan / TASS
Knapp zwei Drittel der russischen Richter sind Frauen – deutlich mehr als im Ausland. Junge Juristinnen bewerben sich für die Arbeit bei Gerichten, weil sie sich davon gute berufliche Aussichten und ein gesichertes Einkommen im Alter versprechen. Sie nehmen dabei in Kauf, in den ersten Jahren nach dem Studium für ein kleines Gehalt zu arbeiten.

Jelena Iwanowa (Name von der Redaktion geändert), die als Richterin in einem Moskauer Bezirksgericht arbeitet, steht jeden Morgen um 6.30 Uhr auf, um durch den Stau zur Arbeit zu fahren. Hier verbringt sie den Großteil ihres Lebens, denn ihr Arbeitstag endet offiziell um 18 Uhr. Allerdings gibt es stets viel Arbeit, sodass Jelena des Öfteren bis in die späten Abendstunden im Büro bleibt. „Manchmal hat man den Eindruck, im Papierwust zu versinken“, sagt Jelena. Kein Wunder, da die junge Richterin wöchentlich 20 bis 30 Fälle zu bearbeiten hat.

Jelena erzählt, dass ihre Gerichtssekretärin und ihre Assistentin ebenfalls Frauen sind. Auch unter ihren Richterkollegen gebe es viele Frauen. Davon zeugt auch die Statistik. Eine Studie des Instituts für Probleme der Rechtsanwendung (IPP) der Europäischen Universität in Sankt Petersburg aus dem Jahr 2014 kommt zu dem Ergebnis, dass 64,7 Prozent der russischen Richter Frauen sind. Damit liegt Russland deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Laut Angaben des Internationalen Juristenverbands liegt der Frauenanteil in nationalen Justizgremien bei im Schnitt 25 Prozent.

Ein Erbe des Sozialismus und der 1990er-Jahre

Die Autoren der Studie stellen fest, dass es in anderen ehemals sozialistischen osteuropäischen Staaten ebenfalls viele Richterinnen gibt: „Zu sozialistischen Zeiten galten Gerichte nicht als Schlüsselinstitutionen für Konfliktlösungen. Vieles wurde über Parteigremien geregelt. Ambitionierte junge Männer bevorzugten daher eher eine Karriere in der Partei oder eine Laufbahn bei der Staatsanwaltschaft“, erklärt Ko-Autor der Studie Kirill Titajew.

In den 1990er-Jahren wurden die einst hohen Richtergehälter zudem durch die hohe Inflationsrate entwertet. Viele Männer verließen das Metier auf der Suche nach besser bezahlten Jobs. Die meisten Frauen bevorzugten es hingegen, ihre schlecht bezahlten jedoch stabilen Arbeitsplätze nicht aufzugeben. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde ihre Ausdauer belohnt: Die Regierung passte die Gehälter von Richtern an, sodass deren Einkünfte erheblich zulegten.

Ungleichheit in der Gerichtsverwaltung

Jelena ist als Richterin mit ihrem Gehalt zufrieden. Monatlich verdient sie etwa 80 000 Rubel, umgerechnet rund 1 063 Euro, was am russischen Durchschnitt gemessen als gutes Einkommen gilt. Ihre Kollegen, die bei föderalen Gerichten tätig sind, verdienen 140 000 Rubel, also rund 1 860 Euro monatlich, das Monatseinkommen eines Richters des Obersten Gerichts beträgt 300 000 Rubel, beinahe 4 000 Euro.

Weltweit liegen Richtergehälter über dem durchschnittlichen nationalen Monatseinkommen. In Russland sind Mitarbeiter der Gerichtsverwaltung hingegen unterbezahlt. „Während das Durchschnittsgehalt eines Gerichtsassistenten 17 000 Rubel beträgt (226 Euro, Anm. d. Red.), liegen die Gehälter seiner europäischen Kollegen in der Regel über dem Landesdurchschnitt“, sagt Titajew.

Der Wohlstand kommt später

Laut IPP-Statistik werden Gerichtsmitarbeiter am häufigsten Richter. Nach fünf bis sieben Berufsjahren bei Gericht müssen sie hierfür lediglich eine Qualifikationsprüfung ablegen. In der Regel wird dieser Weg von Frauen eingeschlagen, nur 17 Prozent der Männer, die in der Gerichtsverwaltung tätig waren, werden Richter. In der russischen Geschäftskultur, die als sehr patriarchalisch gilt, wird körperliche Routinearbeit nicht den Frauen überlassen. Je bürokratischer die Stelle ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von einer Frau besetzt ist.

Amtierende Richter begünstigen gern jene Mitarbeiterinnen, denen sie vertrauen. Somit zahlt sich deren jahrelange schwere Arbeit letztlich aus: Wenn Gerichtsvorsitzende über eine Beförderung entscheiden, beachten sie in erster Linie junge Frauen, die sich während ihrer Arbeit beim Gericht bereits als fleißig und vertrauenswürdig erwiesen haben. „Das ist klar. Wenn wir mit einer Person über Jahre gut zusammengearbeitet haben und wissen, dass sie uns nicht im Stich lässt, werde ich sie für das Amt des Richters vorschlagen“, meint Jelena.

„Mitarbeiter der Gerichtsverwaltung geben sich jahrelang mit niedrigen Gehältern zufrieden, um sich später mit einem gutbezahlten Job und einer Beamtenrente abzusichern“, sagt Titajew. In Russland haben Richter Anspruch auf eine Pension: Nach 20 Dienstjahren hat man die Option, in den Ruhestand zu gehen und eine Altersversorgung zu erhalten, die dem Durchschnittsgehalt eines Richters im selben Rang gleichkommt.

Diskriminierung existiert dennoch

Somit dominieren Frauen bei russischen Gerichten vor allem dank dem Unwillen der Männer, über Jahre routinemäßige und schlecht bezahlte Arbeit zu leisten.

Je höher jedoch die gerichtliche Instanz, desto weniger Frauen sind dort laut Statistik tätig. Am Obersten Gerichtshof Russlands ist die Mehrheit der Richter männlich. „In gehobene Positionen werden zunächst Männer befördert, in diesem Sinne können wir von einer Diskriminierung der Richterinnen sprechen. Dies ist jedoch eine allgemeine Tendenz in allen westlichen Gesellschaften“, schließt Titajew.

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