Bikes statt Burkas: Wie eine Frau Tabus einfach überfuhr

Madina Magomedowa war eine Zeit lang die einzige Bikerin in Dagestan.

Madina Magomedowa war eine Zeit lang die einzige Bikerin in Dagestan.

Aus dem persönlichen Archiv.
Madina Magomedowa ist die erste Bikerin in der russischen Republik Dagestan. Sie hat es geschafft, Anerkennung in einer von Männern dominierten Motorradgang zu verdienen – und das in einer kaukasischen Republik, in der viele Frauen Burkas tragen.

An Wochenenden trifft sich vor dem  Russischen Dramen-Theater in Machatschkala, knapp 1 800 Kilometer südlich von Moskau, die hiesige Biker-Community. Am Straßenrand stehen Honda-Sportwagen und schicke Harleys neben getunten sowjetischen Izh- und Jawa-Motorrädern.

Nicht weit entfernt unterhalten sich die Besitzer der Maschinen – großgewachsene bärtige Männer in Biker-Lederkleidung. Und „Vschick“: Madina Magomedowa, die ihren Spitznamen ihrer hell klingenden Stimme und kleinen Körpergröße von 1,58 Meter verdankt.

Eine Zeit lang war die junge Frau die einzige Bikerin in Dagestan. Vor ein paar Jahren stießen dann drei weitere Frauen dazu. Magomedowa ist aber die einzige, die auch außerhalb der Stadt fährt und an längeren Touren teilnimmt. Oft fährt sie von Machatschkala nach Grosny, der Hauptstadt von Tschetschenien. Das sind über 150 Kilometer.

Eine Bikerin ist unvorstellbar

„Alles begann vor sieben Jahren. Ich liebte Motorräder und bewunderte sie, wenn ich sie auf den Straßen sah“, erzählt Magomedowa. „Damals war ich eine zierliche junge Frau mit langen Haaren und konnte mir kaum vorstellen, auf einem Motorrad zu fahren. Dennoch erzählte ich einem Freund, der Biker war, von meinem Wunsch – er schaute mich aber bloß an und meinte, dass ich davon nicht einmal träumen sollte.“ Eine bittere Enttäuschung.

Doch sie gab nicht auf: Ihr Interesse war endgültig geweckt und sie begann, sich mit Motorrädern zu beschäftigen. Sie informierte sich, wo sie zur Motorradfahrerin ausgebildet werden und welches Fahrzeug sie kaufen könnte. Ein Sandkastenfreund half ihr dabei: Er vermittelte Magomedowa einen privaten Fahrlehrer. Und sie lernte schnell, ein altes Jawa-Motorrad zu fahren – sie brauchte nur vier Fahrstunden.

Bild aus dem persönlichen Archiv. „Mein Vater fuhr in seiner Jugend selbst Motorrad, daher hatte er Verständnis für mich“, erzählt Madina. Bild aus dem persönlichen Archiv. 

Die Eltern der jungen Frau, gebürtige Machatschkaliner, hatten ihre Tochter nie gezwungen, ein Kopftuch und einen langen Rock zu tragen. Ihre neue Leidenschaft stieß bei ihnen dennoch nicht gerade auf Begeisterung. Ihre Mutter war so entschieden gegen ihr gefährliches Hobby, dass Madina Magomedowa beschloss, das Motorradfahren fünf Jahre lang geheim zu halten.

Dabei war ihre übrige Familie durchaus zu überzeugen. „Mein Vater fuhr in seiner Jugend selbst Motorrad, daher hatte er Verständnis für mich“, erzählt die Bikerin, die ihm dankbar für seine Unterstützung ist: „Mein Bruder war zunächst ebenfalls strikt dagegen – er konnte nicht verstehen, wie eine unverheiratete Frau mit Männern unterwegs sein konnte. ‚Das ist eine Schande für die Familie!‘, schimpfte er. Mein Vater aber erwiderte: ‚Es ist keine Schande, lass sie Motorrad fahren!‘“ Bald darauf beruhigte sich der Bruder und er lernte Madinas Freunde aus der Biker-Community kennen.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Akzeptanz fand sie auch in der Biker-Community zunächst nicht. Die Männer verdächtigten sie, sich nur bei ihnen aufzuhalten, weil sie einen von ihnen heiraten wolle. Außerdem befürchteten sie, die junge Frau würde auf langen Strecken launisch werden, und nahmen sie daher auf längere Routen nicht mit.

Foto: Anton Podgaiko„Wenn ich Motorrad fahre, versuchen andere Biker, mit mir zu flirten.“ Foto: Anton Podgaiko

Wieder erhielt Magomedowa Unterstützung von einem Freund: Der in ganz Dagestan bekannte Biker Rustam (Spitzname „Kamikaze“) griff ihr unter die Arme. Er half ihr beim Kauf ihres ersten Motorrads und begleitete sie bei ihren ersten Fahrten einen Monat lang durch die Stadt; er brachte ihr das Lenken bei und schützte sie vor vorbeifahrenden Autos.

Es dauerte einige Monate, bis sie in die Community aufgenommen wurde. Geholfen hat ihr dabei aber kein Mann, sondern ihre eigene Unbeirrbarkeit, die sie bei ihrer ersten Fahrt von Machatschkala nach Grosny unter Beweis stellte. „Damals wurden wir mitten auf der Strecke von einem Regenguss überrascht, und viele Biker auf soliden ‚Pferden‘ (russischer Slang für Motorräder) kehrten um und fuhren heim. Ich setzte die Fahrt auf meinem damaligen ersten Motorrad, einer Kawasaki Nindja, fort und gelangte ans Ziel. Ich beschwerte mich nicht und blieb bei der Gruppe“, erinnert sich die Bikerin.

Ein Hobby, das fordert

Eine Sonderbehandlung gibt es für Madina Magomedowa dennoch. Auf dem Motorrad sei sie nicht mit einem Mann zu verwechseln, man erkenne sofort, dass sie eine junge Frau sei, sagt sie, auch wenn sie volles Equipment trage: „Wenn ich Motorrad fahre, versuchen andere Biker, mit mir zu flirten.“ Doch die junge Frau weiß sich zu wehren: „Wenn sie mir zum Beispiel zurufen: ‚Fahr mich!‘, dann antworte ich: ‚Mein Mann erlaubt es mir nicht!‘ Und sie geben nach und lassen mich in Ruhe“, lächelt Magomedowa.

Bild aus dem persönlichen Archiv. „Mein Bruder konnte zunächst nicht verstehen, wie eine unverheiratete Frau mit Männern unterwegs sein konnte. ‚Das ist eine Schande für die Familie!‘, schimpfte er. Bild aus dem persönlichen Archiv. 

Viele Menschen in Dagestan sind von dem Mut der jungen Frau begeistert, doch einige kritisieren sie auch, wie Magomedowa erzählt: „Gläubige Männer sagten mir, mein Hobby verstoße gegen den Islam. Ich befände mich unter Männern und würde zu viel Aufmerksamkeit auf mich lenken.“ Zwar seien die meisten der Meinung, dass ihr Hobby nicht im Konflikt zu den kaukasischen Traditionen stehe, ergänzt sie, doch sie weiß, dass sie mit Vorwürfen rechnen muss, wenn ihr etwas passiert. „Worauf hast du dich da eingelassen? Sitz’ zu Hause und hör’ auf deinen Mann!“, hört sie bereits die Stimmen sagen. 

Ungeachtet dessen, dass Motorradfahren für reichlich Adrenalin sorgt, sieht sich die junge Frau nicht als Extremsportlerin. Im Alltag arbeitet Madina Magomedowa als Buchhalterin. Sie trägt Bürokleidung und eine Brille. Ihre Motorradleidenschaft bleibt ein Hobby, das sie jedoch voll fordert, wie die selbstbewusste Frau zugibt.

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