Warum es in Russland bald keine Hostels mehr geben könnte

Der Massentourismus in Russland ist in Gefahr.

Der Massentourismus in Russland ist in Gefahr.

Maksim Blinov/RIA Novosti
Bald könnte in Russland ein Gesetz verabschiedet werden, das die Schließung der meisten Hostels zur Folge hätte. Viele sehen darin nicht nur eine große Gefahr für die kleinen Unternehmen, sondern auch für den Massentourismus in Russland.

Im Mai hat die russische Staatsduma in erster Lesung ein neues Gesetz verabschiedet, das Hostels in Russland weitgehend verbietet. Unter dieses Gesetz fallen alle Hostels als auch die sogenannten Mini-Hotels, die in Wohnhäusern betrieben werden. Diese machen der russischen Vereinigung der Hostelbetreiber zufolge etwa 80 bis 90 Prozent des gesamten Hostelangebots aus. Die Unterbringung von Hostels in Wohngebäuden laufe jedoch der Wohnordnung zuwider und störe die Bewohner, erklärten die Abgeordneten. Somit sollen Hostels nur noch Gewerbeflächen nutzen dürfen.

Kritiklos wollen sich das die Betreiber nicht gefallen lassen. In Moskau und Sankt Petersburg gab es mehrere Protestaktionen gegen das neue Gesetz. Die Mini-Hoteliers verfassten einen offenen Brief an Präsident Wladimir Putin, in dem sie vor der „schrecklichen Korruption“ und dem „Rechteverlust für kleine Unternehmen“ als Folgen des Gesetzes warnen. Dies werde der russischen Wirtschaft einen großen Schaden zufügen.

Ärger mit Hausbewohnern

Bereits seit dem vergangenen Jahr wird das neue Gesetz diskutiert. Initiiert wurde es von Galina Chowanskaja, Abgeordnete der Partei Gerechtes Russland und Vorsitzende des Ausschusses für Wohnpolitik in der Staatsduma. Dieses Gesetz werde dem Chaos in den Wohnhäusern endlich ein Ende bereiten, erklärte sie. „Mehrfache Klagen zeugen davon, dass das Angebot von hotelähnlichen Dienstleistungen mit vielen Problemen einhergeht: Überall gibt es Kippen, Spritzen und Schmutz“, sagte Chowanskaja in einem Interview der russischen Zeitung „Kommersant“.

Tatsächlich gab es Beschwerden einiger Bewohner, die Tür an Tür mit Touristen leben. Olga Skworzowa aus Moskau etwa beklagt sich über das neue Hostel Panamas, das in ihrem Wohnhaus eröffnet wurde. Die Bewohner hätten überhaupt keine Kontrolle mehr darüber, wer in den Hof kommen kann und wer nicht, sagt sie. „Das Wohngebäude ist eingezäunt. Doch seitdem das Hostel eröffnet wurde, hat das Schloss des Zauns keinen Sinn mehr – jeder kann rein. Daher sieht man ständig fremde Menschen vor dem Haus.“

Die Moskauerin räumt aber ein, dass es seit längerer Zeit keine Zwischenfälle mehr gegeben und sich einiges gebessert habe: „Die Hostelmitarbeiter haben draußen einen Aschenbecher aufgestellt, damit alle an einem dafür vorgesehenen Platz rauchen.“ Und die Vorteile der Mini-Hotels liegen für sie klar auf der Hand: „Als meine Familie und ich in Sankt Petersburg waren, haben wir auch in einem Hostel übernachtet. Es ist besser und kostengünstiger als ein Hotel“, sagt Skworzowa.

„Völliger Unsinn und eine Katastrophe“

Die Politiker zeigen Kompromissbereitschaft. So wollen sie den Betreibern die Möglichkeit einräumen, den Wohnraum, in dem sie ihre Herberge führen, in eine Gewerbefläche zu überführen. Dafür bedarf es des Einverständnisses aller Hausbewohner sowie der Einrichtung eines separaten Eingangs. Außerdem müssen alle Brandschutzvorschriften erfüllt werden. Experten halten diesen Vorschlag jedoch für kaum realisierbar: Er ziehe einen Prozess mit vielen bürokratischen Hürden nach sich, die kleine Unternehmen nicht überwinden könnten.

Das Gesetz bedeute praktisch das Ende des gesamten Tourismuszweigs in Russland, klagen die Unternehmer bereits. Der Vorsitzende des Verbands Hostel-Liga und Leiter der Hostelkette Clever, Jewgenij Nasonow, bezeichnete es als „völligen Unsinn und eine Katastrophe“. Er betonte, das Gesetz könne in der aktuellen Fassung nicht verabschiedet werden.

Sein Kollege Ara Pogosjan befürchtet, dass dieses Gesetz die erst vor Kurzem in Gang gesetzte Entwicklung des Massentourismus in Russland zunichtemachen wird. „Moskau kann bis zu einer Million Low-Budget-Touristen verlieren. Die normalen Hotels sind für Reisegruppen, Schüler und Studenten keine Alternative“, mahnt er.

Druck durch die Hotelindustrie

Für die Hostelbetreiber steckt die Hotellerie hinter der Durchsetzung des Gesetzes. Indem die Konkurrenz wegfällt, hoffe diese, neue Gäste zu gewinnen und die Preise zu erhöhen. „Die großen Hotels können preismäßig nur in der Nebensaison mit Hostels konkurrieren. Der Niedergang der gesamten Branche der Hostels wird die Übernachtungspreise in die Höhe treiben, da es keinen Wettbewerb mehr geben wird“, warnt Bogdan Swjatezkij, Inhaber des Minihotels Moi Otel, in einem Interview des „Kommersant“. 

Auf der anderen Seite seien die Klientel von Hostels und Hotels völlig unterschiedlich, bemerkt Maja Lomidze, Geschäftsführerin des russischen Verbands der Reiseveranstalter. Die Hostelgäste könnten sich eine Übernachtung in einem Hotel gar nicht leisten – das neue Gesetz spiele also nicht in die Hände der Hoteliers. Ein Problem ist das Gesetz dennoch: „Wenn Hostels verboten werden, werden ihre Gäste andere Wege finden und zum Beispiel in Privatunterkünften übernachten. Doch die Low-budget-Nachfrage kann nur durch Hostels gedeckt werden.“

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