Russlands Monostädte: Mirny, die Stadt der Diamanten

Die Stadt Mirny gilt als Russlands Diamanten-Hauptstadt. Sie ist eine sogenannte Monostadt: ein Ort, der allein von einem Wirtschaftszweig abhängt. Die Nachfrage nach Edelsteinen zieht kontinuierlich Arbeitskräfte an, doch nicht jeder wird hier glücklich.

Foto: www.alrosa.ruFoto: www.alrosa.ru

Gleich am Stadtrand von Mirny erblickt der Anreisende einen gigantischen Tagebau mit einem Durchmesser von über einem Kilometer: den Kimberlitschlot „Mir“, dem die Stadt ihren Namen und ihre Existenz verdankt. Hier werden Diamanten gefördert. Das im Westen der Republik Sacha (Jakutien) gelegene Mirny wird daher auch Diamanten-Hauptstadt Russlands genannt.

Gebaut wurde Mirny in den 1950er-Jahren, als man in Jakutien einige Diamanten-Vorkommen entdeckt hatte und begann, diese industriell zu fördern. Mirny ist eine typische Monostadt. Die Mehrheit seiner Bewohner arbeitet in der Diamantenmine des Unternehmens Alrosa, eines der größten Diamantenproduzenten der Welt.

Eine fortschrittliche Stadt

Ajtalina (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) wurde in der Hauptstadt der Republik Jakutsk geboren und wuchs dort auf. Vor acht Jahren zog sie mit ihrem Mann Gennadi nach Mirny. Man hatte ihm eine leitende Stelle in dem Diamantenwerk angeboten. „Als ich Gennadi heiratete und wir hierhin zogen, träumte ich davon, in Diamanten zu baden“, erinnert sich Ajtalina und lacht. „Natürlich klärte mein Mann mich schnell darüber auf, dass alle Diamanten dem Staat gehören und ihre Förderung streng überwacht wird. Es ist unmöglich, Diamanten unbemerkt aus dem Bergwerk hinauszuschaffen.“

Sie selbst leitet einen Supermarkt. Das Paar hat zwei Kinder. „Obwohl Mirny wesentlich kleiner ist als Jakutien, würde ich um keinen Preis dorthin zurückziehen“, sagt Ajtalina. „Mirny ist ein wunderbarer Ort für eine junge Familie. Jenseits der Stadtgrenzen beginnt die saubere Taiga, dort gibt es Flüsse und Seen. Wir verdienen genug, um unseren Kindern alles Notwendige bieten zu können. Jakutien dagegen ist eng und schmutzig.“

Lori/Legion Media
www.alrosa.ru
Lori / Legion Media
Nikolai Zaytsev/RIA Novosti
 
1/4
 

Das hohe Einkommen der Familie reicht für die laufenden Ausgaben und regelmäßige Reisen, die dank des Flughafens vor Ort komfortabel sind. Ajtalina hält Mirny für eine fortschrittliche und tolerante Stadt: „In Jakutien wurde mein Mann öfters wegen seiner russischen Nationalität diskriminiert. Ich musste mich rechtfertigen dafür, als Jakutin einen Russen geheiratet zu haben. Hier kommt so etwas nicht vor. Die Hälfte der Einwohner sind Russen und arbeiten bei Alrosa. In Mirny zählt nicht die Nationalität, sondern die Arbeitsleistung.“

Eine Stadt für Besserverdienende

Doch nicht für alle ist das Leben in Mirny so rosig. Auch Olga und Chotoj sind vor ungefähr zehn Jahren nach Mirny gezogen, die beiden haben ebenfalls zwei Kinder. Chotoj arbeitet in dem Diamantenwerk, Olga ist Lehrerin in einer Schule.

Hier hören die Parallelen zur Familie von Ajtalina und Gennadi aber auch schon auf. Olga und Chotoj kommen mit ihrem Einkommen mehr schlecht als recht über die Runden. Sie wohnen in einer Holzbaracke und sind schon einige Jahre lang nicht mehr in den Urlaub gefahren. Den Grund für die spürbaren sozialen Unterschiede zwischen den Beschäftigten sieht Olga in der Politik des Diamantenproduzenten: „Mein Mann arbeitet schon viele Jahre im Bergwerk. Sein Lohn aber ist bescheiden, Aufstiegschancen gibt es nicht. Das Unternehmen spart an den Lohnkosten. Die Sozialleistungen werden immer weiter gekürzt. Wer seinen Mund aufmacht und sich beschwert, riskiert seinen Job.“

www.alrosa.ru
www.alrosa.ru
www.alrosa.ru
 
1/3
 

Für Olga sind die hohen Preise in Mirny eine Belastung. „Lebensmittel sind hier extrem teuer, die Qualität lässt dabei zu wünschen übrig“, sagt sie. Ähnlich ist es um die Mobilität bestellt: „Ich würde gerne nach Moskau fliegen, Verwandte besuchen, den Kindern das Meer zeigen. Wir können uns das aber nicht leisten. Die Tickets sind zu teuer.“

In Mirny ist außerdem außerhalb des Bergbaus ein ständiger Mangel an Fachkräften zu beklagen, so Olga weiter. Es gebe fast keine guten Ärzte und Lehrer. Das Problem ließe sich durch Anwerben qualifizierter Leute aus anderen Regionen lösen. Das aber ist nach den Worten von Olga nicht möglich: „Die Löhne in der Stadt außerhalb des Bergwerks sind sehr niedrig, vor allem im staatlichen Sektor. Ich verdiene 19 000 Rubel (etwa 270 Euro), und das ist bei unseren Preisen sehr wenig. Wer will da schon zu uns kommen?“

Russlands Monostädte: Das finnische Erbe von Kostomukscha

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland