Lewada-Umfrage: Russen geben Putins Politik recht

In puncto Sanktionen und Ukraine stehen sie hinter ihrem Präsidenten.

In puncto Sanktionen und Ukraine stehen sie hinter ihrem Präsidenten.

Evgeny Biyatov / RIA Novosti
Die Mehrheit der russischen Bürger will einer Umfrage zufolge an der bisherigen Sanktionspolitik festhalten – trotz internationaler Isolation und wirtschaftlicher Belastungen.

Das Lewada-Zentrum, ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Moskau, hat Anfang August in einer Umfrage erneut die Einstellung der Russen zu den Sanktionen des Westens und den russischen Gegensanktionen ermittelt. Ergebnis: Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich nicht viel verändert. Doch das gesellschaftliche Meinungsbild zeigt Widersprüche auf, sagen die Meinungsforscher.

Die aktuelle Lage gibt noch immer Grund zur Sorge

So geht aus der Untersuchung hervor, dass Russlands internationale Isolation infolge von Putins Politik im Ukraine-Konflikt 78 Prozent der Befragten beunruhigt, bei 40 Prozent sei die Verunsicherung gar „sehr groß“. Jeden fünften Befragten verängstigt die Isolation hingegen überhaupt nicht.

Ähnliche Werte zeigten die Umfragen der letzten zwei Jahre: 2015 zeigten sich 78 Prozent der Befragten durch die Isolation beunruhigt, für 18 Prozent war sie kein Anlass zur Sorge. 2014 waren es 80 respektive 16 Prozent.

Die gegen Russland gerichteten Sanktionen des Westens sind für 77 Prozent der Umfrageteilnehmer ein Grund zur Sorge – bei 39 Prozent ist die Beunruhigung besonders groß. 21 Prozent sind hinsichtlich der Sanktionen jedoch unbesorgt. Auch diese Werte bleiben seit zwei Jahren praktisch konstant: 78 respektive 19 Prozent im Jahr 2015; 79 respektive 18 Prozent im Jahr zuvor.

Dass die Sanktionen die wirtschaftliche Situation in Russland negativ beeinflussen, gaben 79 Prozent der Befragten an – 29 Prozent sehen gar eine gravierende Verschlechterung der Wirtschaftslage. 20 Prozent hingegen sind überzeugt, dass die Sanktionen keine negativen Folgen für die russische Wirtschaft haben.

Moskau ist auf dem richtigen Weg

Über die Hälfte der Russen – 58 Prozent – gab an, die Embargopolitik hinsichtlich der Lebensmittel aus Europa und den USA sei effektiv und zeige positive politische Ergebnisse: Russland werde in der Welt mehr respektiert, seine Interessen fänden mehr Berücksichtigung. 23 Prozent dagegen sagten, diese Politik sei „sinnlos, absurd und schädlich“. In erster Linie leide dadurch Russlands Bevölkerung. Immerhin 19 Prozent ließen die Frage unbeantwortet.

70 Prozent der Befragten meinen überdies, Russland müsse als Reaktion auf die Sanktionen des Westens seine Politik fortsetzen. In den beiden Jahren zuvor waren 68 Prozent dieser Meinung. Jeder Fünfte – 21 Prozent – ist derweil davon überzeugt, dass Kompromisse gesucht und Zugeständnisse gemacht werden müssen, um die Sanktionen aufzuheben. Ähnliche Werte gab es auch zuvor: 20 respektive 22 Prozent in den Jahren 2015 und 2014.

Widersprüchliche Stimmung?

Die Umfrageergebnisse bilden den gegenwärtigen Zustand der russischen Gesellschaft ab, sagt die Soziologin Natalia Sorkaja, Leiterin für sozialpolitische Studien am Lewada-Zentrum: „Nach der Angliederung der Krim assoziieren sich die meisten russischen Bürger mit dem Staat. Sie sind bereit, Isolation und Sanktionen hinzunehmen – zugunsten der Idee einer Großmacht, die alle in der Welt fürchten“, erklärt die Expertin.

Für die Russen sei es charakteristisch, keinen Zusammenhang zwischen Alltagsproblemen und der politischen Agenda zu erkennen, fährt die Soziologin fort. „Sie verstehen, dass sie durch Sanktionen und internationale Isolation leiden. Zugleich begrüßen sie die Gegensanktionen und unterstützen die gegenwärtige Außenpolitik. Das ist eine gewisse Dissonanz zwischen den Bewusstseinsebenen“, stellt Sorkaja fest.

Michail Tschernysch vom Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften hält dagegen: „Ich sehe keine Widersprüche in den Umfrageergebnissen“, kommentiert der Wissenschaftler. „Sanktionen und die Isolation beunruhigen in der Tat. Doch Beunruhigung bedeutet nicht, dass man etwas ablehnen muss.“ Die Mehrheit der Bevölkerung sei überzeugt, dass alle für die gegenwärtige Lage verantwortlich sind – nicht Russland allein. Deshalb seien die meisten Russen dafür, die bisherige Politik fortzusetzen, erklärt der Soziologe.

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