Mord an Anna Politkowskaja: Die Suche nach den Hintermännern

Zehn Jahre nach dem Tod Anna Politkowskajas – eine Bilanz.

Zehn Jahre nach dem Tod Anna Politkowskajas – eine Bilanz.

AP
Moskau erinnert an die Ermordung Anna Politkowskajas, einer Journalistin, die zum Sinnbild des russischen investigativen Journalismus‘ wurde. Russische Behörden sehen ihren Tod als aufgeklärt an, doch ihre Kollegen vermuten Vertuschung. Am vergangenen Freitag jährte sich ihr Todestag zum zehnten Mal.

Am zehnten Todestag Anna Politkowskajas, die am 7. Oktober 2006 mit mehreren Kopfschüssen im Fahrstuhl ihres Wohnhauses hingerichtet wurde, fanden in Moskau zahlreiche Gedenkfeiern statt. Diese prangerten mit den Worten „Der Auftraggeber wurde nicht gefunden“ ihren nicht aufgeklärten Tod an. Durch ihre Arbeit als Journalistin für die Zeitung „Nowaja Gazeta“ wurde sie als Kritikerin der russischen Kriege in Tschetschenien bekannt. Sie konzentrierte sich in ihrer Arbeit auf die Dokumentation von Folter, Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen, die in dieser Region laut ihren Angaben von obersten Regierungskreisen verübt wurden.

Politkowskajas Kollegen stellten im Vorfeld ihres Todestages ein „Video-Mahnmal“ auf der Website der Zeitung online. Dieses dokumentiert die wichtigsten Fakten, Ermittlungsschritte und offene Fragen. Zudem wurden am Gebäude der Zeitung Plakate aufgehängt, die Anna Politkowskaja zeigen. Auch der stellvertretende Chefredakteur Sergej Sokolow meldete sich auf der Website zu Wort und erklärte, warum er und seine Kollegen den Mord an der Journalistin auch weiterhin für nicht aufgeklärt erachten.

Es gebe keine „Spur nach Tschetschenien“ – nur eine nach London

„Journalisten fragen sich: Was fühlen wir als Mitarbeiter von „Nowaja Gazeta“ an diesem Tag – dem 7. Oktober 2016? Zehn Jahre, nachdem eine zarte, mutige, schöne und starke Frau – Anna Politkowskaja – im Eingangsbereich ihres Wohnhauses mit Kopfschüssen hingerichtet wurde. Die Antwort lautet: Wut.“ Mit diesen Worten eröffnet Sergej Sokolow seine Kolumne, in der er erklärt, warum er und seine Kollegen den Stellungnahmen der Generalstaatsanwaltschaft und des Ermittlungskomitees zur Aufklärung des Falls Anna Politkowskaja nicht glauben.

„Es ist nicht möglich, einen politischen Mord als aufgeklärt anzusehen, nur weil die Täter verurteilt sind. Es ist nicht möglich, bis auch der Auftraggeber vor Gericht steht“, schreibt der Journalist.

Er erinnert daran, dass der Generalstaatsanwalt bereits wenige Tage nach dem Mord den flüchtigen Oligarchen Boris Beresowskij als Auftraggeber nannte. Dieser lebte damals in London und war einst der „Pate“ Wladimir Putins, bis er zu dessen „Feind Nummer 1“ wurde. „Der Auftraggeber ist ein Feind Russlands aus der Riege der Oligarchen und hält sich derzeit im Ausland versteckt“, so die Ermittler.

Die Wahrheitsfindung gestaltet sich schwierig

In der darauffolgenden Zeit versuchte die Zeitung diese Behauptung der Generalstaatsanwaltschaft über eigene Ermittlungen zu entkräften. Ihrer Meinung nach zog der tschetschenische Geheimdienst die Fäden hinter Politkowskajas Mord.

Im ersten Prozess waren alle Verdächtigen aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen worden. Erst in einem zweiten Prozess im Jahr 2013 erkannte das Gericht offiziell die Mittäterschaft von Mitarbeitern des Innenministeriums und des russischen Geheimdienstes FSB an dem Mord an Anna Politkowskaja an. Verurteilt wurden jedoch nur sechs Personen – die Organisatoren des Mordes und die Täter.

Nach der Verurteilung wurde lediglich ein einzelner Ermittler mit der Suche nach dem Auftraggeber der Tat betraut. Dieser Ermittler untersuchte zudem auch noch alleine den Mord an Paul Klebnikow, dem Chefredakteur der russischen Ausgabe des „Forbes Magazine“. Nach einiger Zeit ging der Ermittler in Pension und der Fall Politkowskaja wurde aufgeteilt und heruntergestuft – von der Generalsebene auf die Majorsebene. „Danach war nichts mehr über die Ermittlungen zu hören. Der Auftraggeber konnte somit beruhigt durchatmen und den Mord an weiteren Menschen veranlassen, wenn er dies nicht ohnehin schon getan hat“, schreibt Sokolow abschließend.

„Sie schrieb das, woran man in Tschetschenien nicht einmal zu denken wagte“

Die einen bezeichnen ihre Ermordung als „Geschenk“, die anderen als „Provokation“. Anna Politkowskaja wurde zwei Tage nach dem Geburtstag des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und an genau jenem Tag, an dem Wladimir Putin seinen Geburtstag feiert, ermordet. So finden sich in russischen Medien seit nunmehr zehn Jahren an jedem 7. Oktober Bilder mit Geburtstagsglückwünschen an Wladimir Putin neben solchen, die an Anna Politkowskaja erinnern. Ihr Tod gilt als einer der schwerwiegendsten politischen Morde in der neueren Geschichte Russlands.

Sie sprach und schrieb offen darüber, woran viele in Tschetschenien nicht einmal zu denken wagten – mit diesen Worten beschreiben viele die Arbeit von Anna Politkowskaja.

Sie hatte keine Angst davor, mit Rebellen oder gar Terroristen aus dem Kaukasus zu sprechen. Während des Geiseldramas im Moskauer Dubrowka-Theater im Jahr 2002 wurde sie von den Terroristen als mögliche Verhandlungspartnerin genannt. Auch beim Geiseldrama in einer Schule in Beslan am 1. September 2004 war sie dazu bereit, mit den Terroristen zu verhandeln. Sie wurde jedoch auf ihrem Weg dorthin im Flugzeug vergiftet, laut ihren Kollegen ein Attentat auf ihr Leben.

Der letzte Artikel Anna Politkowskajas, der in der „Nowaja Gazeta“ veröffentlicht wurde, berichtete über tschetschenische Truppen, die Seite an Seite mit dem russischen Militär kämpften und trug den Titel „Karatelnij sgowor“ (zu Deutsch: Sträfliche Abmachung). Für die nächste Ausgabe wollte Politkowskaja einen Bericht vorbereiten, der Folterungen in Tschetschenien dokumentieren und auch die Mittäterschaft des damaligen tschetschenischen Ministerpräsidenten Ramsan Kadyrow an Entführungen bestätigen sollte.

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