Mord an Botschafter Karlow: Trauer und Wut in Russland

Der russische Botschafter in der Türkei Andrej Karlow ist am Montag bei einem Attentat in Ankara tödlich verletzt worden.

Der russische Botschafter in der Türkei Andrej Karlow ist am Montag bei einem Attentat in Ankara tödlich verletzt worden.

Reuters
Nach der Ermordung des russischen Botschafters in Ankara am Montag trauern sowohl Amtsträger als auch die Bürger des Landes um den Diplomaten, verurteilen den Terrorismus und stellen sich die Frage, wie der Mörder so leicht in die Nähe eines ausländischen Botschafters kommen konnte.

Mevlüt Mert Altuntaş, ehemaliger Offizier der türkischen Polizei, erschoss Andrei Karlow, den russischen Botschafter in der Türkei, am Montag im Rahmen der Eröffnung einer Fotoausstellung in Ankara. Nach Angaben der türkischen Behörden sei Altuntaş nach dem gescheiterten Putsch am 15. Juli entlassen worden.

Eine Tragödie dieser Größenordnung gab es in Russland seit 90 Jahren nicht mehr. Der letzte Mord an einem Botschafter fand im Jahr 1923 statt.

„Am Gefechtsstand gestorben“

Kurz nach dem Mord gab Wladimir Putin eine offizielle Erklärung ab. Er sprach Karlows Familie und seinen Verwandten sein Mitgefühl aus. Der Botschafter sei „am Gefechtsstand“ aus dem Leben geschieden. Der Präsident hatte Karlow persönlich gekannt und bezeichnete ihn als einen „hervorragenden Diplomaten“ und einen „guten und sanften Menschen“.

Der Mord geschah im Vorfeld eines Treffens der Außenminister Russlands, des Irans und der Türkei in Moskau. Putin betonte, dass die Tat eine Provokation sei, die dazu diene, die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei zu verschlechtern. „Die Antwort darauf kann nur ein noch intensiverer Kampf gegen den Terror sein. Und die Banditen werden es spüren“, versprach Russlands Präsident.

Das Außenministerium demonstriert Stärke

Die Geschehnisse sind vor allem für die diplomatische Gemeinschaft von besonderer Bedeutung. Bereits in der Nacht nach dem Mord brachten die Menschen Blumen zum Gebäude des Außenministeriums am Smolenski-Platz. Außenminister Sergej Lawrow sagte, dass sich die Präsidenten Russlands und der Türkei bereits geeinigt hätten, den „brutalen Mord“ gemeinsam zu untersuchen.

Lawrow glaubt, dass das Ziel des Verbrechens vor allem die Verhinderung eines effektiven Kampfes gegen den Terror in Syrien sei. Das werde den Drahtziehern nicht gelingen, so Lawrow. Der Minister dankte seinen russischen und ausländischen Kollegen für ihre Solidarität in solch schwierigen Zeiten.

Das russische Außenministerium bietet bei Facebook ein virtuelles Gedenkbuch für jeden, der sein Beileid zum Ausdruck bringen möchte. Sowohl russische als auch ausländische Bürger hinterlassen dort Einträge. „In dieser schwierigen Zeit wünsche ich Ihnen Kraft und Stärke. Das ganze Land ist in Gedanken bei Ihnen. Mein Beileid“, schreibt Anna Mezentseva. „Die ganze Welt trauert um seinen Tod und hofft, dass die Erinnerung an ihn dazu dienen wird, für eine Welt ohne politische Gewalt zu kämpfen“, sagt David Lemire aus Neuseeland.

Vorwürfe an die türkischen Geheimdienste

Neben der Trauer und der Verurteilung der Terroristen stellt sich den offiziellen Stellen eine Frage: Wie konnte Mevlüt Altuntaş so leicht ein Gebäude betreten, in dem eine Ausstellung mit ausländischen Botschaftern stattfand?

Konstantin Kossatschow, Vorsitzender des Komitees für internationale Angelegenheiten im Föderationsrat, schreibt bei Facebook: „Karlows Mörder wurde nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli aus dem Dienst entlassen, seinen Dienstausweis hat er jedoch behalten. Wie ist das möglich?“ Der Senator glaubt, dass Altuntaş entweder den Polizistenstatus behalten oder seinen Ausweis nicht abgegeben habe. Beide Möglichkeiten würden für eine „schreckliche Unordnung“ in der türkischen Polizei sprechen, so Kossatschow. Bis zur Klärung des Mordes sei es für Russen besser, nicht in die Türkei zu reisen.

Eine ähnliche Sicht teilt auch Oleg Syromolotov, stellvertretender Außenminister Russlands. „Ich glaube, dass jeder, der in die Türkei reist, es sich ernsthaft nochmal anders überlegen sollte. Fast jeden Tag finden dort Angriffe statt“, so Syromolotow.

„Russland wird im Nahen Osten gehasst“

Nicht nur die Türkei habe dabei versagt, die Sicherheit von Andrei Karlow zu gewährleisten, betont Marianna Belenskaja, Arabistin und Redakteurin der Nachrichtenagentur „Tass“. „Wir waren nicht bereit“, sagt sie und erinnert daran, dass viele Länder des Nahen Ostens Russland aufgrund seiner Aktivitäten, vor allem in Syrien, hassen würden.

Russland müsse sich ein Beispiel an den USA nehmen, die zum Schutz ihrer Diplomaten im Nahen Osten präzedenzlose Sicherheitsmaßnahmen anwendeten. Sie seien stets darauf vorbereitet, dass sie jeden Moment von einer Bombe erwischt werden könnten. Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen seien der Preis für eine aktive Politik in der Region, glaubt die Arabistin. Der Mord an Karlow sei ein Zeichen dafür, dass die Sicherheit verstärkt werden müsse.

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