Hacking-Vorwürfe: „Wenn Russen etwas gehackt haben, dann den Bericht“

V.l.n.r.: Marcel Lettre, Staatssekretär für Geheimdienste im Pentagon, US-Geheimdienstdirektor James Clapper und NSA-Chef Michael Rogers bei einer Anhörung über ausländische Cyberbedrohungen in Washington am 5. Januar 2017.

V.l.n.r.: Marcel Lettre, Staatssekretär für Geheimdienste im Pentagon, US-Geheimdienstdirektor James Clapper und NSA-Chef Michael Rogers bei einer Anhörung über ausländische Cyberbedrohungen in Washington am 5. Januar 2017.

Reuters
Fehlende Beweise und Spurensammlungen in den sozialen Netzwerken – der Bericht der US-Geheimdienste, der Russland eine Einmischung in die Präsidentschaftswahlen vorwirft, ruft in Russland vor allem eines hervor: Spott.

Es ist ein unerhörter Vorwurf: Wladimir Putin, der russische Präsident selbst, soll Hackerangriffe und eine Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen Herbst angeordnet haben. Zu diesem Schluss kommen die US-Geheimdienste CIA, FBI und NSA, die einen entsprechenden Bericht am Freitag in Auszügen vorgestellt haben.

In Russland ist diese Einschätzung mit Befremden aufgenommen worden. Hauptkritikpunkt: Die veröffentlichten Teile des Berichtes beinhalten keine handfesten Beweise.

Eine unendliche Hexenjagd

Moskau sei mittlerweile müde von solchen Vorwürfen, kommentierte der Kreml den US-Bericht. „Unsere amerikanischen Kollegen haben schon früher ab und zu solche Hexenverfolgungen organisiert“, sagte der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dimitrij Peskow. Diesen „Gefühlsausbrüchen“, so fügte er hinzu, folgten jedoch stets rationale Handlungen. Peskow unterstrich, dass die russische Regierung und Behörden nichts mit den Hackerangriffen zu tun hätten. 

Die Staatsduma bezeichnete den Bericht als Beleidigung – für das amerikanische Volk. Denn die Hälfte des Berichts widme sich dem russischen Auslandssender Russia Today (RT), der im Laufe der Präsidentschaftswahlen nicht die Demokratin Hillary Clinton, sondern den Republikaner Donald Trump unterstützt habe.

„Die Behauptung, dass russische Medien einen erheblichen Einfluss auf die Stimmungen der Wähler in den USA genommen hätten, muss für die amerikanische Öffentlichkeit eine Beleidigung sein“, stellte Leonid Lewin, Leiter des Komitees für Informationspolitik in der Staatsduma, fest. Noch diffamierender müsse allein die Annahme sein, dass ein paar Kommentare zu einer der größten amerikanischen Parteien genügten, das zweihundertjährige amerikanische Staatswesen ins Wanken zu bringen, sagte der Abgeordnete.

Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa machte sich über die Vorwürfe lustig: „Ich denke, falls ‚russische Hacker‘ überhaupt etwas gehackt haben, dann zum einen Obamas Gehirn und zum anderen natürlich den Bericht selbst“, schrieb sie auf Facebook.

Jubel als Beweislast

Kritik kam auch von den kremltreuen Medien in Russland. Sie wiesen auf fragwürdige Aussagen der Autoren des Berichtes hin. Demnach zogen diese einige Schlussfolgerungen über die vermeintlichen Absichten des Kremls aus den Aussagen russischer Politiker, russischer Medienberichte und aus einigen Kommentaren in den sozialen Netzwerken. „Die USA haben einen Bericht über Hackerangriffe erstellt, der auf Fernsehsendungen und Twitter basiert“, spottete die Zeitschrift „Wsgljad“ („Blick“).   

Die Behauptung, russische Beamten hätten den Sieg Trumps „gefeiert“ und seien deswegen ebenfalls an der Hackingkampagne beteiligt gewesen, mutet in der Tat merkwürdig an. Der Bericht zitiert beispielsweise den russischen Politiker und Vorsitzenden der Liberal-Demokratischen Partei Wladimir Schirinowski: „Falls Trump siegen wird, werden wir am 9. November Sekt trinken!“

Dabei seien Stimmungen dieser Art nachvollziehbar gewesen, wie der Experte für internationale Beziehungen Michail Troizki dem Radiosender Kommersant FM erklärte: Es sei kein Geheimnis gewesen, dass russische Politiker einer Fortsetzung der Obama-Politik ablehnend gegenüberstanden und deswegen nicht für Clinton waren. „Aber dieser Jubel an sich ist doch noch kein Beweis dafür, dass sie Trump aktiv geholfen haben“, stellte der Politikwissenschaftler klar.

Imageschaden für die US-Geheimdienste?

Hieb- und stichfeste Beweise, die in den veröffentlichten Auszügen des Berichtes fehlen, könnten im geheimen Teil enthalten sein. Dieser wurde nur dem amtierenden US-Präsidenten Barack Obama und dem künftigen Präsidenten Donald Trump vorgelegt. Die Öffentlichkeit hingegen muss sich ihre Meinung anhand des veröffentlichen Teils bilden.

„Ohne den geheimen Teil sieht der Bericht recht hilflos aus. Er beinhaltet weder Schlussfolgerungen noch Argumente, obwohl sie zuvor versprochen wurden“, stellte Leonid Wolkow, Oppositioneller und Mitstreiter von Alexej Nawalni, enttäuscht in den sozialen Netzwerken fest. Völlig außer Rand und Band seien die Verfasser des Berichtes geraten, als sie versucht hätten, die RT-Präsenzen in den sozialen Netzwerken in Form einiger Grafiken als Beweis zu präsentieren. „Ich kann nur hoffen, dass die Beweisdarstellung im geheimen Teil des Berichtes substanzieller ist“, schrieb Wolkow.  

Ob der Bericht der Wahrheit entspricht oder nicht, sei derzeit nicht so wichtig, glaubt der Politikexperte Troizki. Wichtiger sei das politische Klima, das dadurch geprägt werde. Die Sache sei sehr ernst zu nehmen, weil der Bericht von allen amerikanischen Geheimdiensten unterschrieben worden sei. „(Die Autoren) riskieren ihr Renommee und vielleicht sogar ihre Karriere, wenn sie solche Schlussfolgerungen ziehen“, sagte Troizki und betonte: „Die Risiken für den Ruf sind ziemlich hoch.“

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