Märchen und Migranten: Neue Einwanderer-Broschüre sorgt für Wirbel

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Die Stadtverwaltung von Moskau
Die Stadtverwaltung von Moskau hat eine Infobroschüre für Gastarbeiter veröffentlicht. Damit wollen die Autoren zum wechselseitigen Verständnis zwischen Einwanderern und Einheimischen beitragen. Viele kritisieren das Infoheft jedoch als rassistisch, irreführend und unverhältnismäßig teuer. Doch das sei besser als gar nichts, meinen Experten.

Wer in Moskau ankommt, um dort zu arbeiten und ein neues Leben zu beginnen, kann ab jetzt in einer 100-seitigen Broschüre nachlesen, worauf dabei zu achten ist. Denn in der russischen Hauptstadt „gibt es Regeln und Gesetze, die man kennen und befolgen muss“, weiß eine junge Frau mit langem Zopf im traditionellen russischen Outfit. Die weise Wassilissa, eine russische Märchengestalt, ist neuerdings die hilfsbereite Begleiterin von Neuankömmlingen in der russischen Metropole.

Gemeinsam mit ihren Märchenkollegen führt Wassilissa die Arbeitsmigranten durch die „Verhaltensregeln für Einwanderer in der Stadt Moskau“. So lautet der Titel der besagten Broschüre, die im Auftrag der Moskauer Stadtverwaltung von der Initiative zur Unterstützung von Arbeitsmigranten für 7,3 Millionen Rubel (115 000 Euro) herausgebracht wurde.

Führen Sie die Maus über das Bild und klicken Sie auf die roten Symbole, um die deutsche Version des Textes zu sehen. Quelle: Die Stadtverwaltung von Moskau

Gut gemeintes Konzept

Gestaltet ist das Infoheft in Form von Lerncomics. Darin sprechen Märchengestalten Menschen mit erkennbarem Migrationshintergrund an. „Ausländische Bürger, die wir ebenfalls als Märchenfiguren darstellen, kommen nach Moskau und werden von russischen Sagenhelden empfangen“, erklärt Alexander Kalinin, Leiter der Initiative, das Konzept. Zunächst habe man die Migranten nach Nationalität benennen wollen, doch dann habe man darauf verzichtet, um „niemanden vor den Kopf zu stoßen“.

Die gastfreundlichen Märchenhelden zeigen vollen Einsatz: Sie führen die Neuankömmlinge durch die Stadt, erklären ihnen die Tücken der Anmeldung, prüfen ihre Russischkenntnisse und warnen vor Tabus – wie lautem Reden auf offener Straße oder das Angaffen von Frauen. Ein Recke mit der Aufschrift „Innenministerium“ auf der Brust erklärt, es sei keine Anklage und keine Beleidigung, wenn russische Polizisten um den Ausweis bitten würden.

Vor lauernden Gefahren warnt das neue Infoheft auch. Da taucht plötzlich der heimtückische Koschtschei auf, der die ahnungslosen Migranten zur Schwarzarbeit anstiften will. Damit die Einwanderer dem Bösewicht nicht auf den Leim gehen, klärt die Broschüre auf: Man dürfe nur in jenem Bezirk arbeiten, für den man auch eine Arbeitserlaubnis habe.

 

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Irreführend und überteuert

Im Internet wird die Broschüre heftig kritisiert. Der schwerste Vorwurf: Moskau werde so dargestellt, als wäre es eine Stadt ethnischer Russen, die von nicht-russischen Einwanderern heimgesucht werde. Für einige ist das ein Ausdruck von Rassismus: „Was will die Stadtverwaltung damit bezwecken? Den Nationalismus befeuern?“, empört sich zum Beispiel der Facebook-Nutzer Sergej Zwetkow. Unter den Einwanderern seien ja auch viele ethnische Russen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, betont er.

Auch von Soziologen kommt Kritik. „Hier wird offenbar der Widerstand russischer Helden gegen die Horden wieder hervorgeholt“, kommentierte Jewgenij Warschawer, Leiter des Zentrums für Migrations- und Ethnizitätsforschung an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst, gegenüber dem Radiosender BBC. Außerdem sei der Inhalt der Broschüre irreführend. So heiße es etwa, man dürfe in Moskau nicht auf der Straße essen: „Für mich ist das neu. Und ich bin Moskowiter in dritter Generation“, monierte der Experte.

Ein weiterer großer Kritikpunkt sind die Kosten. Viele halten die Broschüre für überteuert: „Ernsthaft? Sieben Millionen für Comics?“, fragt die Facebook-Nutzerin Aljona Netrebskaja entgeistert.

 

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Die Vorteile überwiegen

Migrationsforscher Warschawer betont jedoch, dass „jede Broschüre besser ist als gar keine“. Wjatscheslaw Postawnin, Leiter der Stiftung „Migration: 21. Jahrhundert“, stimmt seinem Kollegen in diesem Punkt zu: „Früher hat die Moskauer Stadtverwaltung überhaupt nichts unternommen, um Migranten zu erklären, wie man sich in der Stadt verhalten soll. Deshalb ist jede auch noch so unvollkommene Broschüre ein kleiner Schritt nach vorn“, sagt der Stiftungsdirektor.

Postawnin fährt fort: „Die Migranten kommen in eine für sie neue Gesellschaft, mit einer anderen Kultur und anderen Werten. Sie orientieren sich in der Regel an ihren Landsleuten, an der Diaspora, die in sich geschlossen ist und im Grunde nur die Verhaltensregeln reproduziert, die bei ihnen zu Hause üblich sind.“ Mit der Broschüre versuche die Moskauer Stadtverwaltung nun, die Integration der Migranten und ihre Anpassung an russische Gegebenheiten zu erleichtern.

Die strittigen Stellen kommen laut Postawnin daher, dass die Autoren sich mit dem Entwurf beeilt hätten und es dabei nicht nur den Migranten, sondern auch der russischen Öffentlichkeit und ihren Auftraggebern recht machen wollten. „Unsere Gesellschaft behandelt Migranten leicht von oben herab. Das spiegelt sich auch in der Broschüre wider“, erklärt der Stiftungsdirektor. Dahinter stecke keine böse Absicht, weshalb die Vorteile dieser Broschüre am Ende überwiegen würden.

 

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