Anschlag in Sankt Petersburg: Der falsche, typische Terrorist

Andrej Nikitin verlor wegen eines falschen Verdachts sogar seinen Job.

Andrej Nikitin verlor wegen eines falschen Verdachts sogar seinen Job.

Russian Archives/Global Look Press
Die Geschichte von Andrej Nikitin ist nervenaufreibend: Der Geheimdienst nimmt ihn in einer Passagiermaschine fest, Reporter verfolgen ihn auf Schritt und Tritt und dann verliert er auch noch seinen Job. Und alles wegen eines Verdachts: Er soll den Anschlag in der Sankt Petersburger U-Bahn verübt haben. Ein fataler Irrtum.

Schwarze Kleidung, langer Bart und eine für Muslime typische Gebetsmütze – fertig ist der typische Terrorist, oder? Jedenfalls sah so der vermeintliche Attentäter auf dem Foto aus, das binnen weniger Stunden nach dem Bombenanschlag in der Sankt Petersburger U-Bahn von Medien verbreitet wurde.

Der russische Fernsehsender REN TV berichtete, der angebliche Bombenleger hätte die Metrostation Petrogradskaja 20 Minuten vor der Explosion betreten, eine Aktentasche in der U-Bahn abgelegt und die Metro gleich darauf wieder verlassen. Doch der Beschuldigte meldete sich noch am selben Tag bei der Polizei, wo er glaubhaft versichern konnte, mit dem Anschlag nichts zu tun zu haben.

Jener Mann, den die Medien zum mutmaßlichen Terroristen erklärt haben, ist Andrej Nikitin, ehemaliger Offizier der russischen Luftlandetruppen. Inzwischen heißt er Iljass, weil er vor Kurzem zum Islam konvertiert ist. Andrej alias Iljass absolvierte eine Militärakademie in der russischen Stadt Rjasan, diente danach in Tschetschenien und arbeitete bis vor Kurzem als Fernfahrer.

„Lassen Sie mich in Ruhe“

Nachdem die Polizei den Mann noch am selben Abend wieder gehen ließ, nahm er einen Flug nach Orenburg an der Grenze zu Kasachstan, rund 1 300 Kilometer von Moskau entfernt, mit Zwischenstopp in der russischen Hauptstadt. Dort gingen die Probleme für Nikitin los: Reisende erkannten ihn als den Mann auf dem Foto aus den Nachrichten wieder und alarmierten die Fluggesellschaft. Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB nahmen Iljass im Flieger fest. Nach der Befragung in Petersburg folgte nun ein weiteres Verhör. Die Maschine nach Orenburg startete ohne ihn.

Dass die Passagiere so reagiert haben, sei für ihn überraschend gewesen, sagte Iljass dem Nachrichtenportal „Islam News“. Er hoffe, den nächsten Flug nehmen zu können. Immerhin sei ihm das Ticket für die verpasste Flugreise erstattet worden.

Ob er sein Ziel letztlich erreichen konnte, ist nicht bekannt. Dass der verpasste Flug für ihn nicht das Ende der Fahnenstange war, hingegen schon: Zwei Tage nach dem Anschlag sei er auf Drängen der regionalen Terrorfahnder gefeuert worden, berichtete Nikitin dem Newsportal. „Meine Verwandten, meine Freunde und ich werden ständig von Reportern verfolgt, die mich vorher schon als Terroristen bezeichnet haben“, sagte er und fügte an die Medien gewandt hinzu: „Ich bitte Sie, mich nicht zu verfolgen und mich in Ruhe zu lassen.“

Der „typische“ Terrorist

Die Verantwortung für den Fauxpas ist nicht allein bei den Medien zu suchen. Die Bilder der Überwachungskameras in der Sankt Petersburger U-Bahn seien ja nicht zufällig, sondern durch die Sicherheitsbehörden an die Medien gelangt, betont der Soziologe Leontij Bysow von der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Das Vorurteil, dass ein „typischer Terrorist“ so aussehe wie der Mann auf dem Foto, sei nicht nur bei den Fahndern verbreitet, sondern in der ganzen Gesellschaft. „In der Öffentlichkeit hat sich das Terroristen-Stereotyp verfestigt: Muslim, Bart, Gebetsmütze. Nicht nur bei uns, auch im Westen“, bemerkt der Soziologe. Da sei es nicht überraschend, dass die Wahl bei der Suche nach einem Verdächtigen erst einmal auf eine Person gefallen sei, die so aussehe.

„Ich halte das für etwas ganz Natürliches“, ergänzt Bysow. „Die Statistik bestätigt das Bild. Russland hat leider viel Erfahrung mit solchen Tragödien. Wenn auch nicht in den letzten Jahren, so gab es doch zu Beginn der 2000er-Jahre sehr häufig Anschläge. Und nicht ein einziges Mal wurde ein Anschlag von ‚typischen‘ russischen Christen verübt.“ So erklärt sich der Wissenschaftler das gängige Muster in der Gesellschaft, das er so beschreibt: „Wir wollen ja nichts Schlechtes sagen, aber irgendwie sprengen uns nur Muslime in die Luft“.

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