Auslands-Knigge für Russen: „Vergleiche Deutsche nie mit Holländern“

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Das Außenministerium der Russischen Föderation hat eine Broschüre herausgebracht, die seine Landsleute mit Empfehlungen und Hinweisen auf Auslandsreisen vorbereitet. Der wichtigste Rat: Russen sollten sich in Zurückhaltung üben.

„Mit einer äußerst harschen Reaktion muss rechnen, wer den Kenianer mit einem Affen vergleicht oder sein Denkvermögen abschätzig bewertet“, steht es in der Broschüre vom Außenministerium. / AFP„Mit einer äußerst harschen Reaktion muss rechnen, wer den Kenianer mit einem Affen vergleicht oder sein Denkvermögen abschätzig bewertet“, steht es in der Broschüre vom Außenministerium. / AFP

Die nahende Feriensaison nahm das russische Außenministerium zum Anlass, den Russen einige Verhaltensregeln in Erinnerung zu rufen und seine einschlägigen Empfehlungen für Auslandsreisen zu aktualisieren. Das Merkblatt bündelt Ratschläge, was es zu vermeiden gilt, um Einheimische nicht zu brüskieren, nicht hinter Gittern zu landen, nicht das Klischee vom „bösen Russen“ zu bedienen und um nicht niedergeschlagen oder ausgeraubt zu werden. Kurzum: Die Beamten klären auf, wie man sich in einem anderen Land nicht zu verhalten hat.

Die Infobroschüre enthält einerseits standardmäßige Benimmregeln für alle Länder. Diese schreiben zum Beispiel vor, freundlich zu sein oder die Nationalküche nicht derart heftig zu kritisieren, dass das ganze Restaurant davon Kenntnis nimmt. Es finden sich dort aber auch besondere Ratschläge für einzelne Länder. Deutschland fehlt auf dieser Liste – wie übrigens auch die USA, Italien und einige andere. 

„Nicht der beste Ort für schmierige Witze“

„Versuche, die französischen Namen von Speisen wiederzugeben, ohne die Ausspracheregeln zu beherrschen“, könne zu kritischen Situationen führen, weiß die Broschüre. / Reuters„Versuche, die französischen Namen von Speisen wiederzugeben, ohne die Ausspracheregeln zu beherrschen“, könne zu kritischen Situationen führen, weiß die Broschüre. / Reuters

Zu zwei möglichen Konfliktfeldern spricht das Außenamt besonders nachdrückliche Warnungen an seine Landsleute aus: zu sexuellen Minderheiten und der Hautfarbe der Einheimischen.

Über Kenia etwa stellt die Behörde fest: „Mit einer äußerst harschen Reaktion muss rechnen, wer den Kenianer mit einem Affen vergleicht oder sein Denkvermögen abschätzig bewertet.“ Grundsätzlich sollte in Ländern, in denen eine schwarze Bevölkerung vorherrscht oder einen bestimmten Anteil ausmacht, vom Gebrauch der Wörter „Neger“ oder „Nigger“ abgesehen werden.

Warum sich dieser Hinweis in einem offiziellen Dokument findet? Das ließ das Außenministerium auch auf Nachfrage von RBTH unbeantwortet. Ein Grund mag sein, dass viele Russen tatsächlich nicht verstehen, warum der Ausdruck „Neger“ beleidigend ist. Für sie ist es ein Wort ähnlich wie „schwarz“. Sie folgen der Logik: „Wenn es für Weiße kein Affront ist, als Weiße bezeichnet zu werden, warum stellt der Ausdruck ‚Neger‘ dann eine Beleidigung dar?“

Ähnlich problematisch verhält es sich im Umgang mit sexuellen Minderheiten. Meinungsumfragen zeigen, dass homophobe Ressentiments bei zwei Drittel der Russen verbreitet sind. Die vorherrschende Einstellung macht also ebenfalls einige einschränkende Regeln erforderlich. Hier wird besonders Kanada hervorgehoben, wo die „Homoehe“ schon lange legalisiert ist: „Dies ist nicht der beste Ort für ‚schmierige Männeranekdoten‘ und Witze über sexuelle Minderheiten. In den Metropolen, die von Vertretern sexueller Minderheiten dicht besiedelt sind, besteht im Falle des Verstoßes gegen diese Regel gar die Gefahr, mit einem Bußgeld sanktioniert zu werden“, warnt die Broschüre.

Norwegischen Kindern gibt man besser keinen Klaps

Kanada ist "nicht der beste Ort für schmierige Männeranekdoten und Witze über sexuelle Minderheiten". / APKanada ist "nicht der beste Ort für schmierige Männeranekdoten und Witze über sexuelle Minderheiten". / AP

Frankreichbesuchern wird empfohlen, die Anrede des Kellners mit „Garҫon“ zu vermeiden. Zu bevorzugen seien „Monsieur“ oder „Madame“. Wer des Französischen nicht mächtig sei, sollte die Speisen in russischer oder englischer Sprache bestellen. „Versuche, die französischen Namen von Speisen wiederzugeben, ohne die Ausspracheregeln zu beherrschen“, könne zu kritischen Situationen führen, weiß die Broschüre.

Das Außenministerium betont außerdem das „Selbstbewusstsein und das Gefühl der Unterschiedlichkeit“ der Kanadier gegenüber den US-Amerikanern, wie auch der Holländer gegenüber den Deutschen – man dürfe die Bevölkerungen dieser Länder keinesfalls miteinander vergleichen. Besondere Umsicht sollte man dem amtlichen Ratgeber zufolge gegenüber den Dänen walten lassen: Distanz wahren, Fragen zur Höhe des Einkommens, über die Arbeit, die Religionszugehörigkeit, die sexuelle Orientierung und die ethnische Zugehörigkeit besser vermeiden. Wer persönliche Themen im Gespräch vollkommen ausspare, stehe bei den Dänen in jedem Fall auf der sicheren Seite.

„Äußerste Behutsamkeit“ sei auch bei Gesprächen zum Thema der Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea geboten. Für Reisende nach Norwegen wiederum gilt das oberste Gebot, die Ächtung aller Formen der Gewalt gegenüber Kindern zu berücksichtigen, „einschließlich Tätscheln, Klapsen und Erheben der Stimme“, präzisieren die Beamten. Vermutlich, weil Norwegen häufig im Zusammenhang mit der in Verruf geratenen Agentur für Kinderwohlfahrt im russischen Fernsehen präsent ist und dort als „Kinderhölle“ bezeichnet wird. Klapse gelten in Russland aus Sicht der Regierung und auch der Kirche übrigens nicht als Gewalt.

Gewarnt werden müssen Russen auch davor, Thailänder über den Kopf zu streicheln oder sie anzuschreien. In diesem Fall könnten sie „sämtlichen Umgang mit Ihnen verweigern, auch wenn dieser in ihre dienstlichen Pflichten fällt“.

Warum das Außenamt keinerlei Empfehlungen an USA-Reisende ausspricht, bleibt unverständlich. Immerhin in einem Land dürfen die Russen sich aber offenbar willkommen fühlen: In China, so rät das Außenministerium, solle den Gesprächspartnern umgehend erklärt werden, man sei aus Russland angereist, „weil das Russlandbild in China positiv“ sei und man hier „auf besondere Sympathie stoßen“ könne.

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