Milder als bei Pussy Riot: Bewährung für Pokémon-Go-Spieler

Weil er in der Kathedrale Jekaterinburgs Pokémon Go gespielt hatte und das Video mit beleidigenden Kommentaren über Gläubige und die Russisch-Orthodoxe Kirche unterlegte, ist der russische Blogger Ruslan Sokolowskij zu dreieinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Öffentlichkeit hatte ein härteres Urteil erwartet. Dennoch zeigen sich alle Prozessbeteiligten und auch die Kirche mit der Entscheidung des Gerichtes zufrieden.

Der Blogger Rusland Sokolowskij hatte beleidigende Videos in einer Kathedrale gedreht.. / Pavel Lisitsyn/RIA NovostiiDer Blogger Rusland Sokolowskij hatte beleidigende Videos in einer Kathedrale gedreht.. / Pavel Lisitsyn/RIA Novostii

Was sagt das Gesetz dazu, das bekannte Handyspiel Pokémon Go in einer Kirche zu spielen? Gilt dies bereits als eine Verletzung religiöser Gefühle? Seit dem skandalösen Auftritt der Punkgruppe Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale im Herzen Moskaus im Jahr 2012 ist dies in Russland ein strafrechtlicher Tatbestand. Der 23-jährige Videoblogger Ruslan Sokolowskij aus Jekaterinburg wollte es genau wissen und machte im August letzten Jahres die Probe aufs Exempel.

Sokolowskij spazierte in die Kathedrale auf dem Blut im Zentrum der sibirischen Metropole und suchte dort während der Tagesmesse nach Pokémon. Seine Handlungen hielt er dabei auf Video fest. Im Nachhinein fügte er der Aufzeichnung orthodoxe Kirchengesänge, seine persönliche Meinung zur Religion und einen obszönen Witz über den orthodoxen Glauben und den Patriarchen Kyrill bei. „Das seltenste Pokémon, das man hier hätte fangen können, habe ich leider nicht gefunden – Jesus selbst“, heißt es unter anderem in dem Video.

Die so überarbeitete Version lud Sokolowskij auf seinen YouTube-Kanal hoch. 200 000 Mal wurde das Video innerhalb einer Woche angeklickt. Dies erregte nicht nur die Aufmerksamkeit seiner Fans sondern auch der Polizei und des staatlichen Fernsehens. „Es handelt sich offensichtlich um eine Beleidigung religiöser Gefühle“, hieß es bei „Rossija-24“, einem landesweit bekannten Nachrichtensender.

Am 2. September wurde Sokolowskij festgenommen. Die Anklage lautete auf Verletzung religiöser Gefühle, Extremismus und die illegale Nutzung technischer Geräte, nachdem man beim Blogger zusätzlich eine als Kugelschreiber getarnte Spionagekamera gefunden hatte. Die Anklage forderte dreieinhalb Jahre Haft in einer Strafkolonie. Am vergangenen Donnerstag, dem Tag der Urteilsverkündung, standen Menschen Schlange, um in den kleinen Sitzungssaal des Bezirksgerichtes zu gelangen. „Ich bin vielleicht ein Idiot, aber ganz bestimmt kein Extremist“, sagte Sokolowskij in seinem Schlusswort.

Schon früh eine kritische Haltung zu Religion

Das Verhältnis des Bloggers Ruslan Sokolowskij zu Kirche und Religion war schon immer schwierig. Auch nach dem Urteil äußerte er sich ironisch zur Rolle Gottes im Leben der Gläubigen. / Pavel Lisitsyn/RIA NovostiiDas Verhältnis des Bloggers Ruslan Sokolowskij zu Kirche und Religion war schon immer schwierig. Auch nach dem Urteil äußerte er sich ironisch zur Rolle Gottes im Leben der Gläubigen. / Pavel Lisitsyn/RIA Novostii

Persönliche Freiheit höre dort auf, wo die Freiheit eines anderen beginne; Religionen brauche man nicht; Nationalität habe nichts zu bedeuten – solche Ansichten vertrat der Blogger lange bevor er zu einem der berühmtesten Pokémon-Jäger wurde. Er erlebte nach eigenen Angaben „eine arme Kindheit in der Provinz“: Geboren in der Oblast Kurgan, rund 2 000 Kilometer von Moskau entfernt, wuchs Ruslan nach dem Tod seines Vaters und Bruders alleine mit seiner Mutter auf.

Seine berufliche Laufbahn begann er als SEO-Optimierer von Internetseiten, später wurde er Blogger und startete einen eigenen Videokanal. Auf dem Programm standen Witze, Übersetzungen ausländischer Filme und Streams. Die Themen waren dabei stets breit gefächert: Er gab Tipps, um bei Prüfungen erfolgreich abzuschreiben, erzählte die Geschichte, wie er einmal beinahe beim Geheimdienst FSB gelandet wäre, und erklärte seinen Zuschauern, warum er Feministinnen nicht möge. Immer wieder aber drehte er sarkastische Kurzfilmchen über Glauben und Religion. Darin verurteilte Sokolowskij die Verflechtung von Kirche und Staat oder kritisierte „die perfekte orthodoxe Ehe mit vielen Kinder“. Laut dem Blogger denke in Russland kaum jemand darüber nach, dass man Kinder „wenigstens irgendwie“ versorgen müsse. Die Menschen würden im Grunde „noch mehr Armut gebären“.

Zu Beginn der Verhandlung weihte der junge Mann die Anwesenden in seine Lebenspläne ein: Ein Jahr vor der Festnahme habe er eine Idee für ein antiextremistisches Buch entwickelt und ein sozialkritisches Stand-Up-Programm vorbereitet. In der Untersuchungshaft – drei Monate verbachte er dort – habe er eine Reihe von Artikeln mit dem Titel „Gefängnisnotizen“ geschrieben. Dabei sei es ein Problem gewesen, dass es statt „normaler Literatur“ im Gefängnis „nur orthodoxe Bücher“ gegeben habe.

Urteil bezog sich nicht auf das Videospiel

„Äußerungen, dass Sokolowskij wegen des Spielen von Pokémon Go in der Kathedrale verurteilt wird, sind falsch“, heißt es in der Urteilsbegründung. Die Ermittler hätten die Aussagen des Bloggers einer intensiven linguistischen Analyse unterzogen. Das Ergebnis: Sokolowskij habe Jesus mit einem Zombie und einem Pokémon verglichen, die Gläubigen „als kranke Idioten“ dargestellt, die Existenz Gottes sowie der Gründer des Christentums und des Islams abgestritten und die Meinung verbreitet, dass „in Russland Willkür und Aberglaube herrschen“.

Als Vertreter der angegriffenen orthodoxen Gläubigen traten Medienberichten zufolge Gemeindemitglieder vor Gericht auf, die vor dem Prozess nie von Sokolowoskij gehört hatten. Sein Video sahen sie erst, als Priester es mithilfe eines Projektors direkt in der Kathedrale vorführten.

Zum Schluss der Verhandlung gab der Blogger zu verstehen, dass er seine Meinung über Religion geändert habe: „Ja, Religion ist notwendig – vor allem, damit erwachsene Menschen, die bis heute Eltern brauchen und die sich nicht einsam fühlen wollen, eben diese Eltern bekommen, auch wenn sie von jemandem erschaffen werden“, verkündete der Blogger.

„Beinahe ein Freispruch“

Ein Fan des Pokémon-Go-Spiels im Pikachu-Kostüm wartet vor dem Gericht in Jekaterinburg auf das Ende des Prozesses gegen Ruslan Sokolowskij. / Pavel Lisitsyn/RIA NovostiiEin Fan des Pokémon-Go-Spiels im Pikachu-Kostüm wartet vor dem Gericht in Jekaterinburg auf das Ende des Prozesses gegen Ruslan Sokolowskij. / Pavel Lisitsyn/RIA Novostii

Bei liberalen Kräften erhielt Sokolowoskij auch Anerkennung. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte ihn zum Freiheitskämpfer aus Überzeugung und in der amerikanischen Zeichentrickserie „Die Simpsons“ erschien eine Episode über die Pokémon-Jagd in einer Kirche.

Dass seine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde, bezeichneten Sokolowskijs Anwälte als „unzweifelhaften Sieg angesichts der Lage im heutigen Russland“ und der Blogger selbst nannte das Urteil „beinahe einen Freispruch“.

So fassten auch Sokolowskijs Unterstützer das Urteil auf: Die Menschen im Gerichtssaal applaudierten während der Urteilsverkündung. In den sozialen Netzwerken sehen viele die Entscheidung als gleichwertig zu einem Freispruch an. Der russische Oppositionspolitiker Andrej Piwowarow sieht das jedoch anders: „Es ist schlecht, dass wir Bewährungsstrafen inzwischen mit Erleichterung auffassen“, twitterte er. Ein Protodiakon der Russischen Orthodoxen Kirche bezeichnete die Freude über das Urteil hingegen als „eine Diagnose für uns alle“, denn es habe rein gar nichts mit christlicher Barmherzigkeit gemein. Der Bürgermeister von Jekaterinburg Jewgenij Roisman Indes, der im Prozess als Zeuge der Verteidigung aufgetreten war, bot dem Blogger an, freiwillig in einem Hospiz der Stadt mitzuarbeiten.

Der Kreml betonte inzwischen, sich nicht das Recht herausnehmen zu wollen, Gerichtsurteile zu kommentieren. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bezeichnete die Entscheidung des Gerichts als Zeichen der Milde. Die Generalstaatsanwaltschaft sprach von einer „fairen Rechtsprechung“ und einer „ausgewogenen Geschichte“.

Einen ausführlicheren Kommentar gab der Duma-Abgeordnete Witalij Milonow ab: „Dies ist ein Mensch, der systematisch Millionen anderer Menschen erniedrigen wollte. Einerseits ist das Urteil, gemessen am Grad der Provokation, schon sehr mild. Dieser Mensch ist zweifelsohne ein Anstifter zu schweren Unruhen. Andererseits ist unser Staat sehr gutmütig. Ich hoffe, dieses Urteil wird diesem Menschen zeigen, dass es einen Gesellschaftsvertrag und gemeinsame Regeln gibt“, so der Volksvertreter.

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