Russen und die Arbeitsmigranten: Zwischen Abneigung und Vorurteilen

Russia has the world's largest number of illegal migrants, accounting for almost seven percent of the country's working population according to the OECD. The share of the legal migrant workers residing in Russia stands at 2.5 percent of the country's estimated working population of 75 million people, while illegal migrants make up for seven percent

Russia has the world's largest number of illegal migrants, accounting for almost seven percent of the country's working population according to the OECD. The share of the legal migrant workers residing in Russia stands at 2.5 percent of the country's estimated working population of 75 million people, while illegal migrants make up for seven percent

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Seit Jahren ist Russland weltweit das Land mit der höchsten Zuwanderung gleich nach den USA. Das sagt die Internationale Organisation für Migration. Doch wie gestaltet sich das Zusammenleben zwischen den Russen und „den Anderen“?

Die Diskussion über Zuwanderung könnte den Wahlkampf 2018 prägen.  / Getty ImagesDie Diskussion über Zuwanderung könnte den Wahlkampf 2018 prägen. / Getty Images

Gastarbeiter verändern an vielen Orten in Russland das Stadtbild. Durch ihre Arbeit entstehen neue Wohnhäuser, U-Bahn-Linien, Straßen und Einkaufszentren. Aber es gibt auch immer wieder Negativschlagzeilen: Ein Terrorist aus Kirgisien legt eine Bombe in der Petersburger Metro, ein Kindermädchen aus Usbekistan schneidet ihrem russischen Schützling in Moskau den Kopf ab, ein Arbeiter aus Aserbaidschan tötet einen Russen. Solche Tragödien treten immer wieder eine Welle von Vorurteilen und Fremdenhass los – bis hin zu regelrechten Pogromen, wie im Moskauer Problembezirk Birjulewo im Oktober 2013.   

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen die Gastarbeiter zunächst aus der Ukraine, dann aus Aserbaidschan, Moldawien und Armenien nach Russland. Allein im letzten Jahr zogen 16 Millionen Menschen ins Land. Zwölf Millionen von ihnen stammen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, sie prägen die fünfte Welle der Arbeitsmigration. Zum Vergleich: Diese Zahl entspricht etwa der Einwohnerzahl von Moskau, der größten Stadt Europas.

Passagiere aus Tadschikistan, einer ehemaligen sowjetischen Republik, kommen auf dem Kasaner Bahnhof in Moskau an. / Alexey Filippov/RIA NovostiPassagiere aus Tadschikistan, einer ehemaligen sowjetischen Republik, kommen auf dem Kasaner Bahnhof in Moskau an. / Alexey Filippov/RIA Novosti

Seit vielen Jahren schon ist Russland weltweit das Land mit der zweithöchsten Zuwanderung. Die Meinungsforscher des Lewada-Zentrums haben herausgefunden, dass jeder zweite Russe, das entspricht 67 Prozent, die Arbeitsmigration als „eine Invasion aus dem verarmten Osten“ sieht, die es zu stoppen gelte. Mangelnde Toleranz gegenüber Einwanderern sei in Russland gar keine Tendenz mehr, sondern eine Grundstimmung, die weder von Migrationsreformen noch von Initiativen, die sich für Toleranz und Vielfalt einsetzen, beeinflusst werde, sagen die Soziologen. Wie konnte es nur soweit kommen?

Abneigung und Vorurteile gegenüber Zuwanderern

Ein Mitarbeiter des städtischen Dienstes läuft am 30. April, im Vorfeld der Maifeiertage, mit einer Russlandflagge und dem Wappen der Stadt Moskau ausgestattet durch die Straßen in der Nähe des GUM, einem Einkaufszentrum auf dem Roten Platz. / APEin Mitarbeiter des städtischen Dienstes läuft am 30. April, im Vorfeld der Maifeiertage, mit einer Russlandflagge und dem Wappen der Stadt Moskau ausgestattet durch die Straßen in der Nähe des GUM, einem Einkaufszentrum auf dem Roten Platz. / AP

Zuwanderer aus Zentralasien sind nicht die einzigen, die mit Abneigung und Vorurteilen der Russen konfrontiert werden. Die nicht-slawischen Bürger aus dem Nordkaukasus sind in Russlands Städten auch keine gerngesehenen Gäste: 41 Prozent der Einheimischen sind ihnen gegenüber negativ eingestellt. Da haben selbst die Zentralasiaten einen leichteren Stand: 38 Prozent der Russen gaben an, ihnen ablehnend gegenüberzustehen. Seit einigen Jahren richtet sich die Intoleranz verstärkt auch gegen Ukrainer. Zu den Menschen aus dem Südkaukasus hingegen haben die Russen langsam wieder einen besseren Draht: „Ukraine schlecht, Georgien gut“ – so lasse sich das Verhältnis zu diesen Ländern beschreiben, sagt die Soziologin Karina Pipija vom Lewada-Zentrum. „Wir sehen, dass außenpolitische Ereignisse wie der Ukraine-Konflikt sich negativ auf die Einstellung zu Arbeitsmigranten aus diesem Land ausgewirkt hat“, sagt die Expertin gegenüber RBTH. Die Beziehungen zwischen Russland und Georgien würden aber bessere Zeiten durchmachen, was eben auch seine Effekte habe.

Die Migration ist ein großes innenpolitisches Thema: „Die Politiker sind nicht dumm, sie nutzen die Migration für eigene Zwecke, spielen mit der Stimmung in der Bevölkerung“, sagt Pipija.

Ein Bauarbeiter mit Migrationshintergrund am Luschniki-Stadion in Moskau, das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 umgebaut wird.  / APEin Bauarbeiter mit Migrationshintergrund am Luschniki-Stadion in Moskau, das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 umgebaut wird. / AP

Im Kampf um das Moskauer Bürgermeisteramt im Jahr 2013 waren zum Beispiel die Einreisebestimmungen mit den Ländern Zentralasiens ein Schwerpunkt im Wahlprogramm des Oppositionellen Alexej Nawalny. Fremdenfeindliche Stimmungen entluden sich damals in Massenunruhen im Moskauer Stadtteil Birjulewo, nachdem ein Gastarbeiter in einem Gemüselager einen Russen erschossen hatte. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die Medien stellten die Proteste als rassistisch motiviert dar.

Der Fremdenhass in der russischen Gesellschaft erreichte seinen Höhepunkt der letzten zehn Jahre: 78 Prozent aller Menschen des Landes sprachen sich für eine Begrenzung der Zuwanderung aus. Die Wahl zum Moskauer Bürgermeister gewann der Oppositionspolitiker jedoch nicht: Er erhielt 27 Prozent der Stimmen. Sergej Sobjanin machte das Rennen mit großem Abstand.

Zuwanderung als Thema für die Präsidentschaftswahlen 2018

Dieses Foto entstand im Oktober 2013 während der Massenunruhen im Moskauer Stadtbezirk Birjulewo. / ReutersDieses Foto entstand im Oktober 2013 während der Massenunruhen im Moskauer Stadtbezirk Birjulewo. / Reuters

In Russland stehen 2018 Präsidentschaftswahlen an. Fremdenfeindliche Stimmungen werden bis dahin wohl weiter zunehmen, ist die Soziologin Pipija überzeugt. Denn dieses polarisierende Wahlkampfthema werde man nicht einfach ausklammern.

Obwohl Russlands Präsident Wladimir Putin konsequent eine liberale Einwanderungspolitik betreibt. So beauftragte er zum Beispiel den Gesetzgeber damit, ein Integrationsgesetz auszuarbeiten. Überdies erklärte der russische Präsident eine Amnestie für jene, deren Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, und erlaubte ihnen auch die Wiedereinreise nach Russland. Zugleich aber führte Putin weitere Gebühren für Migranten ein und ermahnte die Behörden, einreisende Ausländer sorgfältiger zu prüfen. Es sei notwendig, zu klären, warum Ausländer ohne Visum eingereist seien und „sich ohne ein bestimmtes Ziel seit längerem in Russland aufhalten. Angeblich ohne ein bestimmtes Ziel… Irgendein Ziel haben sie ja bestimmt, nur weiß der Staat nichts davon“, sagte er.

Einen originellen Lösungsvorschlag unterbreitete Wladimir Schirinowskij, Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR), der immer wieder durch skandalöse Auftritte von sich reden macht. Er empfahl, Ausländer aus Großstädten abzuschieben und sie auf jene Regionen Russlands zu verteilen, in denen ein Mangel an Arbeitskräften herrscht.

Der Oppositionsführer Alexej Nawalny sieht die Lösung des Problems der Fremdenfeindlichkeit indes in einer „normalen und fairen“ Maßnahme: „Ich bin pro Zentralasien. Aber ich bin auch für eine Visapflicht“, twitterte er. Arbeitsvisa für Migranten sind wieder ein zentraler Punkt seines Programms, mit dem er den Wahlkampf um die Präsidentschaft 2018 als einer der ersten inoffiziell eröffnet hat. Allerdings ist die Teilnahme Nawalnys an den Wahlen bislang fraglich.

Das Spiel mit der Angst

„Der IS wechselt seine Anschrift: Migranten-Terroristen kommen aus Zentralasien“ – so titelte der russische Fernsehsender NTV nach dem Bombenanschlag auf die Sankt Petersburger U-Bahn am 3. April dieses Jahres. „Alle Einrichtungen, in denen Migranten arbeiten, sind in Gefahr. In der Sankt Petersburger Metro wurden vor ein paar Jahren die einheimischen Putzfrauen gefeuert und stattdessen Migrantinnen eingestellt. Wer soll die denn bitte am Gesicht auseinanderhalten können?“, so ein Post aus den Kommentarspalten. Solche Ängste zu neutralisieren, gelingt bislang nur durch ein bedeutenderes Thema, wie den Anschluss der Krim beispielsweise.

Migranten warten im Moskauer Anmeldezentrum für Migranten auf ihren Termin.  / APMigranten warten im Moskauer Anmeldezentrum für Migranten auf ihren Termin. / AP

Eine Migrationsreform von 2014 sollte Gastarbeiter aus der Illegalität herausführen und die Toleranz der Einheimischen gegenüber Zuwanderern fördern. Vorgesehen war unter anderem, dass Arbeitsmigranten, die kein Visum für Russland benötigen, eine Arbeitserlaubnis käuflich erwerben – ein teures Dokument. Doch die Reform verfehlte die erwünschte Wirkung: Zwar ging die Zahl der Einwanderer um bis zu 40 Prozent zurück, doch wirkte sich dies nicht auf die Einstellung der Russen aus.

„Der Anteil jener, die bei Umfragen angeben, die Zahl der Migranten sei zurückgegangen, ist vernachlässigbar gering“, stellt das Lewada-Zentrum fest. „Die Reform wurde also durchgeführt, aber die Menschen glauben nicht, dass es weniger Einwanderer gibt, und sind ihnen gegenüber auch nicht besser eingestellt.“

Arbeitsmigranten während einer Kontrolle des föderalen Migrationsdienstes gegen illegale Zuwanderer. / Valeriy Melnikov/RIA NovostiArbeitsmigranten während einer Kontrolle des föderalen Migrationsdienstes gegen illegale Zuwanderer. / Valeriy Melnikov/RIA Novosti

Einen beträchtlichen Anteil daran hat die Wirtschaftskrise: Die Ängste vor sozialem Abstieg nehmen zu. Russen meinen, „Migranten würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Das liegt schlicht daran, dass Zukunftsängste größer werden“, erklärt Pipija. Dabei ist Gastarbeit in Russland ein Synonym für harte, schlechtbezahlte Arbeit, die Russen selbst zu diesen Bedingungen nicht annehmen würden.

Lässt man die Konkurrenz um die Arbeitsplätze einmal außen vor, sehen Russen noch genug andere Gründe, an den Zuwanderern Anstoß zu nehmen. Zu ungebildet, zu unqualifiziert, zu unkultiviert seien die Gastarbeiter, geben 32 Prozent der Russen bei Umfragen an. Und dann sorgt auch noch die Sprachbarriere für Misstrauen: „Sie lächeln, aber das hat nichts zu bedeuten“, „Sie sagen das Eine, denken das Andere, tun etwas ganz Anderes und führen dabei noch etwas im Schilde“, „Sie können sich nicht benehmen, verstehen nicht, was man ihnen sagt, und verhalten sich, als wären sie zuhause.“ So lauten die häufigsten Vorwürfe der Russen an Arbeitsmigranten. Verständnis, Solidarität, Mitgefühl? Fehlanzeige.