Der lange Draht zum Himmel: Warum Russen Schlange für Nikolaus stehen

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Für etwas Anstehen – das hatte in Russland einst Tradition: Zu Sowjetzeiten waren Schlangen vor Lebensmittelläden so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Doch lebt der Mensch nicht von Brot allein. Seit einigen Tagen sind die Reliquien des Heiligen Nikolaus zum ersten Mal in Russland ausgestellt. Um dieses Heiligtum zu sehen, ist den Gläubigen keine Schlange zu lang.

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Kilometerlang war die Schlange, die sich am Montagmorgen vor dem Eingang zur Christ-Erlöser-Kathedrale bildete. Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrtausend sind die Reliquien des Heiligen Nikolaus aus dem italienischen Bari nach Moskau gebracht worden. Selbst für Russland, dessen Menschen das Schlange stehen noch gut in Erinnerung haben, war der Anblick der Wartenden außergewöhnlich. Gläubige, die große Anstrengungen auf sich nehmen, nur um einen Blick auf die Reliquien eines Heiligen zu werfen, gab es allerdings schon immer. So ist es auch dieses Mal: In den nächsten Wochen werden Millionen Pilger in der russischen Hauptstadt erwartet, für die eine kilometerlange Schlange sicher kein Hindernis sein dürfte, um vor den Gebeinen des Heiligen Nikolaus zu beten.

Ein besonderer Heiliger

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Nikolaus lebte in Kleinasien im vierten Jahrhundert nach Christus. Er ist einer der meist verehrten Heiligen des Christentums. Seiner Menschenliebe wegen diente er auch als Prototyp des Weihnachtsmannes. Für russische Christen gilt der Heilige Nikolaus traditionell als Wundertäter, Trostspender für Arme und Entrechtete, Schutzpatron für Kinder, Studenten und reumütige Verbrecher – kurzum ein Hoffnungsträger für all jene, die Schutz und geistige Unterweisung suchen.

„Das russische Volk verehrt den Heiligen Nikolaus besonders, weitaus mehr als jeden anderen Heiligen. Er hilft Menschen im Leben, wie auch nach dem Tod, ganz gleich, wer sie sind. Im Gebet zu ihm finden Menschen Hilfe“, sagt Alexander Wolkow, Pressesprecher des russischen Patriarchen Kyrill, gegenüber RBTH. „Für einen Russen ist es wichtig, sich persönlich in physischer Entsagung zu üben, als eine Form des Martyriums. Wenn die Russen das Anstehen in einer Schlange auf sich nehmen, dann wissen sie, dass sie etwas für sich, für ihre Seele zurückbekommen werden. Das ist jenseits vernünftiger Überlegung, das liegt auf einer mystischen Ebene“, erklärt Wolkow.

Mehr als eine Reliquie

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Es ist nicht das erste Mal, dass eine orthodoxe Reliquie Menschen aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion zusammenbringt. Im November 2011 verbrachten Wartende bis zu 20 Stunden in einer Schlange, um das Grabtuch der Heiligen Jungfrau Maria zu ehren, das aus Griechenland nach Russland gebracht und in mehreren russischen Städten ausgestellt worden war. Über drei Millionen Menschen kamen, um die Reliquie zu sehen. Bis zu acht Kilometer lang war manch eine Schlange, wie Medien berichteten.

„Immer wenn ich mit jenen Menschen gesprochen habe, die zahllose Stunden anstanden, um das Grabtuch der Heiligen Jungfrau Maria zu sehen, hatte ich den Eindruck, dass diese Menschen ein ganz besonderes Gefühl teilten: das Gefühl der Ehrfurcht vor einer christlichen Reliquie… des Strebens nach Wunder und Trost“, sagt Sergej, Priester einer Moskauer Kirche.

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Der orthodoxe Glaube ist im Traditionsbewusstsein der Russen tief verwurzelt. Heilige waren den russischen Christen schon immer wichtig. Wo ein Heiliger lebte, entstand oftmals ein Wallfahrtsort und nicht selten ein Kloster. Persönliche Gegenstände der Heiligen hatten immer eine religiöse Bedeutung. Oftmals wurden sie bei Krönungszeremonien verwendet, zum Zeichen von Gottes Segen. Heilige galten immer schon als Wundertäter, die Krankheiten heilten und verlorene Seelen auf den rechten Pfad zurückbrachten. Und so wird die Ausstellung von Reliquien eines Heiligen auch heute für viele Russen zu einem historischen und kulturellen Ereignis.

Ein orthodoxer Priester aus der Moskauer Region, der anonym bleiben möchte, erzählt von seiner persönlichen Sicht auf den Umgang einiger Mitglieder seiner Gemeinde mit Heiligen: Für sie seien diese „ein leichter Weg, Probleme zu lösen“, sagt er.

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„Wie jeder Russe bin ich ein wenig faul, möchte etwas umsonst. Sprich: Ich weiß, dass dieser konkrete Heilige Gott erlebt hat. Er hat sein irdisches Dasein überwunden und hat die Ewigkeit erblickt. Wenn ich also seine Reliquien berühre, dann werde auch ich erlöst und meine Probleme verschwinden von alleine – ist doch klar“, beschreibt der Priester die Einstellung einiger seiner Gemeindemitglieder. „Wir tun es aus demselben Grund, aus dem wir am Dreikönigsfest ins eiskalte Wasser springen“, fügt er noch hinzu. „Hier stehst du also in der langen Schlange, in der Überzeugung, dass am Ende ein Heiliger auf dich wartet. Wie ein guter Doktor, oder ein Bekannter in einer Behörde, der dir hilft, dein Problem zu lösen.“

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