Stille Beobachter: Russische Museumsaufseherinnen können mehr als gucken

13. Juni 2017 Konstantin Sarkisow
Während wir in den Museen die Exponate bewundern, laufen wir achtlos an ihnen vorbei: an den unscheinbaren Menschen in den Ecken der Säle. Hier erzählen drei Museumsaufseherinnen von ihrem Alltag.

Museumsaufseher in Russland sind in der Regel Frauen im Alter zwischen 50 und 75 Jahren. Sie arbeiten 12 Stunden am Tag und beobachten dabei Hunderte von Besuchern. Von ihren kleinen Stühlen aus beobachten sie ihr „Territorium“. Manchmal gehen sie umher und weisen die Gäste darauf hin, dass leiser gesprochen und nur ohne Blitzlicht fotografiert werden sollte. Und manchmal müssen sie die Exponate gegen neugierige Händchen beschützen.

Elena Bobrova
Elena Bobrova
Elena Bobrova
Elena Bobrova
Elena Bobrova
 
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Drei Damen aus drei verschiedenen Moskauer Museen erzählten RBTH aus ihrem Arbeitsalltag:

Larissa Slobina, Griechischer Saal, Puschkin-Museum

 „Jedes Mal, wenn ich das Gebäude betrete, freue ich mich. Meine Mutter liebte Griechenland. Der Hellenismus war ihre Lieblingsreligion. Als ich in den 50er Jahren noch zur Schule ging, war Homers ‚Odyssee‘ weder weit verbreitet noch Teil des Lehrplans in der Schule. So fuhr meine Mutter den ganzen Weg von unserer Datscha zur Bibliothek, um Kopien des Werkes zu bekommen.

Ich erinnere mich an den Besuch in Kertsch auf der Krim. Ich war nur drei Stunden da, vor allem, um die Überreste eines griechischen Tempels zu sehen, der im sechsten Jahrhundert vor Christus erbaut wurde. Als wir angekommen waren, ging die Gruppe weiter und ich blieb alleine auf dem Hügel zurück. Es fühlte sich an, als hätte ich den Geist der Zeit gespürt. Das Gras, das sich im Wind bog, die einsamen alten Säulen und die Weite des Meeres, wo Homer einst segelte – ich war sehr beeindruckt. Mein ganzes Leben besteht aus der Literatur und der Liebe für diese Schönheit.“

 

Nadeschda Aleksejewa, Tretjakow-Galerie

„Ein Mann kam einmal zu mir und fragte, ob er Bilder von den grafischen Skizzen Borissow-Mussatow machen dürfe. Ich erlaubte es ihm zunächst nicht. Er fragte mich ein weiteres Mal und sagte, er sei von der Australischen Botschaft in Moskau. Die exakten Zeichnungen hätten sie dort als Wandbilder. Ich dachte mir: ‚Was soll's?‘ und ließ ihn machen. Im Gegenzug gab er mir seine Visitenkarte. Ich dachte, er sei nur ein Mitarbeiter der Botschaft, zum Beispiel ein Sekretär. Aber es war der Botschafter höchstpersönlich! Er lud mich dann in die Botschaft ein. Ich ging natürlich hin und er zeigte mir alle Räume. Es war wunderschön.

Ich bin sehr froh, hier arbeiten zu dürfen. Ich bin stolz, in einem der sieben besten Museen der Welt zu arbeiten. Ich bin seit mehr als 18 Jahren hier und möchte nicht gehen."

Irina Martynowa, Alexander-Herzen-Museum

„Ich kam in dieser Gegend auf die Welt – in der Ostroschenka. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an mein Leben hier. Vor allem aus den 90er Jahren. Aber auch traurige... Wir lebten in einem Altbau mit so einer antiken Atmosphäre. Wir hatten hohe Decken und einen funktionierenden Kamin. Wir liebten dieses Haus.

In den frühen 2000er Jahren wurde das Haus dann für Gemeinschaftswohnungen genutzt. Diese kaufte dann ein sehr wohlhabender Geschäftsmann. Natürlich hat uns niemand gefragt. Es war sinnlos, sich zu wehren. Und so wurden wir vertrieben.

Jahre später spazierte ich in der Nachbarschaft mit meinem Ehemann. Wir erinnerten uns an die alten Zeiten und daran, wie glücklich wir hier waren. Wir gingen durch die Straße und bemerkten eine freie Stelle im Alexander-Herzen-Museum. Ich nahm sie gerne an. Ich brauchte das Geld. Und das war die Gelegenheit für mich, an den Ort zurückzukehren, den ich so liebe. Ich sehe viele Menschen aus meiner Vergangenheit, die hierherkommen. Wir teilen miteinander unsere Erinnerungen von damals. Heute bringe ich meine Enkelkinder hierher. Sogar die Jüngste, sie ist erst drei Jahre alt. Aber sie mag es hier auch.“

 

Alexander-Herzen-Museum

Das Museum von Alexander Herzen, dem berühmten russischen Schriftsteller und politischen Aktivist des 19. Jahrhunderts, befindet sich in einer ruhigen Straße des Arbats, 15 Minuten Fußweg vom Kreml entfernt. 

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