Gegen den Strom: Russen machen Urlaub in Nordkorea

17. Juli 2017 RBTH
Russen aus Fernost verbringen ihren Urlaub immer häufiger in Nordkorea. Darüber schreibt das russischsprachige, in Lettland erscheinende Onlineportal „Meduza“. RBTH gibt den Artikel in gekürzter Fassung wieder.

Eröffnungszeremonie im Internationalen Kindercamp Songdowon / APEröffnungszeremonie im Internationalen Kindercamp Songdowon / AP

Den Marketing-Manager Alexander Golowko aus dem fernöstlichen Chabarowsk packte die Neugier. Er wollte wissen, wie es wirklich in Nordkorea aussieht. Also reiste er dorthin und kehrte glücklich zurück. „Dort gibt es keinen Mobilfunk, die Menschen sind immer fröhlich – es ist wie auf einem anderen Planeten“, berichtete er der Meduza-Korrespondentin Daria Mikolajtschuk euphorisch.

Es sei ihm schon klar, sagt er dann sofort einschränkend, dass dies nur eine Seite der Medaille ist. Dennoch werde er seinen nächsten Urlaub wieder in Nordkorea verbringen, im Masikryong Skiresort, das im Jahre 2014 eröffnet wurde. Nordkorea behauptet jedenfalls, das Resort könne sich durchaus mit anderen Skigebieten der Welt messen. Ein Tag auf den zehn Skipisten kostet rund 100 Dollar. Dafür hat man das ganze Resort fast für sich allein – Touristen gibt es nur wenige.

Der 30-jährige Kim Chol-Nam arbeitet im Masikryong Skiresort / AFPDer 30-jährige Kim Chol-Nam arbeitet im Masikryong Skiresort / AFP

 

Verfolgung auf Schritt und Tritt

Elena leitet eine Firma, die Reisen nach Nordkorea anbietet. Derzeit würden gerademal fünf Urlauber pro Monat eine Tour ins Masikryong-Resort buchen, sagt sie. Aber außer dem Skiurlaub bietet das Unternehmen noch Golf-, Jagd-, Bergsteiger- und Hochzeitstouren nach Nordkorea an.

Skigebiet Masikryong / AFPSkigebiet Masikryong / AFP

Reisen in dieses unbekannte Land sind nicht ungefährlich. Die Journalistin Nadeschda Arsenjewa berichtete, wie ein nordkoreanischer Grenzschützer sein Gewehr auf ihren Kollegen richtete, weil dieser sich mit einer Fotokamera aus dem Zugfenster gelehnt hatte.

Vor Ort folgen den Touristen Fremdenführer auf Schritt und Tritt. Sie achten penibel darauf, dass keine Fotos gemacht werden, von dem, was nicht gesehen werden soll. Zudem halten sie die Reisenden von der Kontaktaufnahme mit Einheimischen ab.

Das luxuriöse Hotel Masikryong / AFPDas luxuriöse Hotel Masikryong / AFP

Dennoch setzt sich Nordkorea ambitionierte Ziele: Eine Million Touristen sollen das Land in diesem Jahr besuchen, zwei Millionen sollen es bis 2020 werden, wie südkoreanische Quellen berichten. Die Fakten sehen sehr viel bescheidener aus: 2012 besuchten lediglich 4 000 Menschen das Land, im Jahre 2014 waren es aber wenigstens drei Mal so viele.

Russische Touristen haben in Nordkorea einen Vorteil: Als Nachbarn kommen sie in den Genuss von Preisnachlässen.

 

Die Macht der Ideologie

Natalia Kotschugowa, offizielle Sprecherin der russischen Primorski-Region im Fernen Osten berichtet, dass Reisen nach Nordkorea vor allem bei den Mitgliedern der Kommunistischen Partei Russlands sehr beliebt seien. Für Kommunisten gebe es dort sogar spezielle Hotels. Und: Nordkorea sei ein Land, wo man die Macht der Ideologie beobachten könne. „Das nordkoreanische Volk glaubt aufrichtig an seinen Führer“, sagt Kotschugowa. Sicherheitsprobleme gebe es in Nordkorea nicht, es sei denn „man benimmt sich daneben und verletzt die Regeln.“

Kindercamp Songdowon / APKindercamp Songdowon / AP

Nicht nur Erwachsene besuchen Nordkorea. Jedes Jahr verleben Kinder im Internationalen Kindercamp Songdowon ihre Freizeit. Eine zweiwöchige Tour kostet rund 660 Euro. Eva war bei einer solchen Tour dabei. Sie sagt, russische Kinder seien separat von den nordkoreanischen untergebracht worden, aber abends hätte es gemeinsame Tanzveranstaltungen gegeben. Außerdem durften sie schriftlich über einen Übersetzer miteinander kommunizieren. Viele Nordkoreaner würden Internatsschulen besuchen, ganz ohne Ferien.

 

Luxus-Strandresorts während Menschen verhungern

Die Fähre „Man Gyong Bong 92“ ist ein weiterer Weg, Nordkorea vom russischen Wladiwostok aus zu erreichen. Marina Ognewa ist mit ihr ins Rajin-Resort gefahren und verbrachte einen siebentägigen All-Inclusive-Urlaub für rund 500 Dollar. Sie war von ihrer Reise derart begeistert, dass sie jetzt einen Videoblog betreibt: „Auf nach Nordkorea“ heißt er.

Das Gebiet Kumgang-Gebirge  / APDas Gebiet Kumgang-Gebirge / AP

„Man hört, dass Menschen dort verhungern müssen, aber wir wurden sehr gut versorgt. Trotz politischer Propaganda, von der immer wieder gewarnt wird, hatten wir ganz normale Ferien“, zitiert „Meduza“ Marina Ognewa. „Wir hörten unseren Fremdenführern aufmerksam zu, verbeugten uns vor den Statuen der Anführer und hinterließen 10-Euro-Scheine.“

Der Reiseveranstalter Fregat Aero verteilt Broschüren an seine Kunden mit Benimmregeln für Nordkorea. Ein Tourist sollte ein Geschenk für seinen Fremdenführer mitbringen, wird darin zum Beispiel geraten. Für die Frauen eigneten sich Parfüm und Kosmetik. Mit Alkohol und Zigaretten, allerdings keinen amerikanischen, könnte man Männern eine Freude machen. Armeeangehörige zu fotografieren, sei verboten. Auch sollten Gespräche über Religion und darüber, dass das Leben in Russland besser sei, unterbleiben.

Das Hotel im Touristenresort Kumgang / APDas Hotel im Touristenresort Kumgang / AP

Auch Maria war in Nordkorea. Sie sagt, sie hätten an einsamen Stränden gebadet und günstige Seefrüchte gegessen. Ohne Mobilfunk, ohne irgendwelche Fabriken in der Nähe sei das der ideale Ort für Erholung gewesen. Allerdings: Die Fremdenführer hätten die Touristen nie aus den Augen gelassen.

 

„Verbotenes ist interessant“

„Uns war klar, wo wir hinfahren, und dass es dort keine Freiheit gibt. Aber Verbotenes fanden wir schon immer interessant“, sagt Maria. Eines Tages habe sie einen nordkoreanischen Jungen am Strand gesehen. Sie wollte ihm Süßigkeiten geben, wusste aber, dass das für ihn gefährlich werden könnte. Also ging sie näher an ihn ran, stellte eine Tüte mit Süßigkeiten auf den Boden und ging wieder weg. Der Junge habe die Tüte geschnappt und sei davongelaufen.

Das Sommerferienlager Songdowon / APDas Sommerferienlager Songdowon / AP

Bei der Ausreise wurde Marias Smartphone von Grenzschützern ausgiebig kontrolliert. Darauf fanden sie ein Foto mit Silvester Stallone. Der Grenzschützer befragte Maria, wer der Mann sei, woher sie ihn kenne und ob sie US-amerikanische Filme bei sich habe. Ganze 40 Minuten suchte er in dem Smartphone nach US-Filmen und befragte Maria zu ihrer Beziehung zu Stallone.

Nachdem er sie endlich in den Zug hatte einsteigen lassen, ging er noch in ihr Abteil und fragte auf Russisch: „Habt ihr wirklich keine US-Filme dabei? Ich würde doch so gerne einen sehen.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Russisch bei Meduza.

 

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