Moskau: Experimentelles Theater eröffnet am Weißrussischen Bahnhof

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Auf der neuen Bühne sollen sich junge Theaterregisseure im „Kunstterror“ üben. Geplant sind zunächst 14 Aufführungen.

Nach der letztjährigen visuellen und künstlerischen Umfirmierung wurde das Stanislawski-Elektrotheater zu einem der interessantesten und fortschrittlichsten Moskauer Theaterhäuser. Das alte, verfallene Gebäude ist nach seiner Sanierung zum Musterbeispiel eines modernen Designs geworden. Weltbekannte Regisseure wie Theodore Tersopulos, Romeo Castellucci und Heiner Goebbels kommen nun hierher, um Theaterstücke zu inszenieren.

Das Theater eröffnete unlängst eine neue Bühne auf einem ehemaligen Industriegelände hinter dem Moskauer Weißrussischen Bahnhof. In den alten Fabrikhallen waren einst Werkstätten der Moskau-Brest-Eisenbahn untergebracht. 1905 nahm die Belegschaft der Werkstätten am gesamtrussischen Arbeiterstreik teil, der die erste russische Revolution einläutete. Später wurden sie zum „Moskauer Elektromaschinenbaubetrieb“ umbenannt. Während der Umbauarbeiten im Hauptgebäude des Theaters richtete das Elektrotheater eine der leerstehenden Werkhallen als Dekorationslager und Probebühne ein. Nun hat das Loft im postindustriellen Gotik-Stil, wie es der Theaterintendant Boris Juchananow gerne bezeichnet, seine Türen geöffnet. Eine große Halle mit hoher, abgeschrägter Decke, Silberrohren und drei runden Fenstern ist wahrlich beeindruckend und erinnert an eine katholische Kathedrale im Steampunk-Stil.

Foto: Ria Nowosti

Auf der Bühne werden junge Regisseure, vor allem Schüler Juchananows, arbeiten. Bis Saisonschluss plant das Theater 14 neue Aufführungen. Gleichzeitig arbeiten alle hier tätigen Regisseure aber auch an der Darbietung des „Goldenen Esels“ von Apuleius. Anschließend sollen Szenen aus dieser Aufführung in andere Theaterinszenierungen der beteiligten Regisseure einfließen. Juchananow bezeichnet dieses Integrationsprojekt als „Kunstterror“. Dabei handelt es sich bei den Aufführungen keineswegs um etwas herausragend Radikales. Von ihren Grundzügen her können sie unter Umständen sogar traditioneller sein als die Experimentalstücke auf der Hauptbühne des Theaters.

„Ungern würden wir uns auf eine engspurige Teilung festlegen, nach dem Motto: Hier wird es ein innovatives Experimenttheater geben und dort sollen Klassik und Akademismus dominieren. Nein! Die Spielregeln sollen sich allmählich entwickeln. Genau das bezeichne ich als Evolutionsprojekt und Prozessbestimmtheit“, erklärt Juchananow. „Hier können in Bezug auf Genre und Stil gleichzeitig äußerst konträre Inszenierungen stattfinden. Für den Sommer ist zum Bespiel die Erstaufführung einer Oper geplant. Allerdings möchte ich hierzu keine weiteren Details verraten“, so der Intendant.

Stoff für die Bühne: Die Kostümwerkstatt des Bolschoi

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