Wider das Vergessen: Der Film „Frauen aus dem Gulag“

Marianna Jarowskaja, die Regisseurin des Films: „Diese Frauenleben wurden gebrochen, und keiner hat sich bei ihnen bisher entschuldigt“. Foto aus dem persönlichen Archiv

Marianna Jarowskaja, die Regisseurin des Films: „Diese Frauenleben wurden gebrochen, und keiner hat sich bei ihnen bisher entschuldigt“. Foto aus dem persönlichen Archiv

Die Regisseurin Marianna Jarowskaja und der Historiker Paul Gregory geben den Überlebenden der sowjetischen Straflager ein Gesicht. Im gerade fertig gestellten Dokumentarfilm „Frauen aus dem Gulag“ berichten ehemalige Lagerinsassinnen über ihren Alltag im Gulag und was danach vom Leben übrig blieb.

Paul Gregory ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Houston und Forschungsstipendiat am Hoover-Institut. Bei einer Vorlesungsreihe über totalitäre Regime an der Stanford-Universität sprach er über Steven Spielbergs Shoah FoundationIm Rahmen dieses Projekts werden die Lebensgeschichten von Überlebenden des Holocausts filmisch festgehalten. Marianna Jarowskaja, eine Amerikanerin russischer Abstammung, hatte daraufhin die Idee, einen ähnlichen Film über Gulag-Überlebende zu drehen. Gregory hatte 2013 das Buch „Frauen des Gulags“ veröffentlicht. Die Geschichten der weiblichen Opfer stehen nun auch im Mittelpunkt der gerade fertig gestellten Dokumentation „Frauen aus dem Gulag“.

 

Persönliche Leidensgeschichte

Jarowskajas Familie war selbst von den stalinschen Repressionen betroffen. Ihr Großvater,  Schauspieler am Moskauer Tschechow-Kunsttheater und beim Lenfilm-Studio, verbrachte mehrere Jahre in einem Arbeitslager, etwa hundert Kilometer von Leningrad entfernt. Er vertrete eine falsche politische Linie, so die Anklage. Als er aus dem Lager entlassen worden war, ließ man ihn nur noch negative Charaktere, besonders oft „Feinde des Volkes“, spielen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig zur Front und fiel bereits in den ersten Kriegstagen.

Als die Rote Armee nach der Oktoberrevolution 1917 in die sibirische Stadt Tschita einmarschierte, floh Gregorys Vater über die Grenze nach Harbin in China. „Es gab einen Erlass Stalins, der alle Flüchtlinge aus Harbin zur Rückkehr nach Russland einlud, um dort den Sozialismus aufzubauen“, erklärt Gregory. Diejenigen die diesem Erlass folgten, wurden bei ihrer Ankunft exekutiert. Gregorys Vater blieb in Harbin.

Eine der vorgestellten Frauen ist Alexander Solschenizyns ehemalige Sekretärin Nadjeschda Lewizskaja, die insgesamt neun Jahre in Gefängnissen und Lagern verbrachte. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Der Erlass ist eines der vielen Dokumente, die in den Archiven des Hoover-Instituts lagern. Ihre Hauptdarstellerinnen fanden Marianna Jarowskaja und die Historikerin Natalja Reshetova von der Stanford-Universität dort und in Moskau, in den Archiven der russischen Organisation Pamjat (Erinnern) und der Sacharow-Stiftung. Die Stanford-Universität stellte auch das Startkapital für den Film zur Verfügung. Jarowskaja und Gregory konnten

später durch Crowdfunding noch mehr Geld auftreiben. „Wir erhielten mehrere zehntausend Dollar von Menschen aus Russland, den ehemaligen Sowjetrepubliken und Osteuropa“, erzählt Jarowskaja. Einen großen Teil des Geldes hätten Mitarbeiter von Google beigesteuert. Das Projekt erhielt außerdem den Förderpreis „Film als kulturelle Brücke“ des National Endowment for the Humanities, einer staatliche Stiftung in den USA zur Förderung der Geisteswissenschaften. Der Regisseur und Oscar-Gewinner Mark Harris und Mitchell Block, Produzent diverser Oscar prämierter Filme, konnten für das Projekt gewonnen werden.

 

Die Menschen wurden gebrochen

Es gibt fünf Hauptgeschichten im Film. Eine der vorgestellten Frauen ist Alexander Solschenizyns ehemalige Sekretärin Nadjeschda Lewizskaja, die insgesamt neun Jahre in Gefängnissen und Lagern verbrachte.

Fekla Andrejewa widmete ihr Leben der Wiedergutmachung für Opfer von Repressionen. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Eine andere ist Fekla Andrejewa, eine Bäuerin aus dem Ural. Im Frühjahr 1931 wurde Feklas Familie als Kulaken in einen der stalinschen Gulags deportiert. Sie wurden zu Feinden des Volkes erklärt und aus dem Dorf Suwory zusammen mit anderen Verschleppten in einen Birkenwald verbracht, wo sie in einem kalten Erdloch hausen mussten. 1938 kam Feklas Vater in Arrest und wurde exekutiert. Er erzählte ihr bei ihrer letzten Begegnung: „Ich bitte dich nur um eines: Kümmere dich um eine gute

Ausbildung. Denn es ist schwieriger, eine gebildete Person zu vernichten“. Fekla nahm sich seine Worte zu Herzen. Nach ihrer Habilitation widmete sie ihr Leben der Wiedergutmachung für Opfer von Repressionen. Sie schrieb Briefe an verschiedene Gerichte und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass 419 Menschen Wiedergutmachung erfahren haben.

Die Pianistin Vera Hecker wurde nur verhaftet, weil sie einen deutschen Nachnamen hatte. 1941 wurde die Neunzehnjährige zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Ihre Musiklehrerin versuchte, ihr zu helfen. Sie ging zum NKVD, der sowjetischen Geheimpolizei. „Schaut euch nur mal selbst an“, soll sie gesagt haben. „Ihr überlasst dem Feind unsere Städte, macht aber Jagd auf unsere Mädchen“. Daraufhin wurde auch sie verhaftet und in ein Lager in Udmurtien geschickt, wo sie starb.

 

Stalins Terror: Wichtiger Teil der russischen Geschichte

„Die Menschen wurden gebrochen“, erzählt Jarowskaja. „Der Wille zum Widerstand wurde ihnen, wie auch der folgenden Generation, vollständig genommen.“ In der Gesellschaft habe das Spuren hinterlassen und werde wohl noch eine Zeit lang nachwirken. Das Schicksal der Frauen bewegt Jarowskaja, sie kann nachempfinden, wie schmerzhaft das alles für sie gewesen sein muss. Überleben sei nur ein Aspekt, sagt sie: „Es ist schwer, sich mit diesem Schicksal ein glückliches Leben aufzubauen.“ Die Eltern seien umgebracht worden, die Jugend war verloren. Viele von ihnen hätten keine Kinder, keine Familie.

Die Pianistin Vera Hecker wurde nur verhaftet, weil sie einen deutschen Nachnamen hatte. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Was Jarowskaja besonders ärgert ist, dass sich niemand verantwortlich für diese Schicksale fühlt. „Das ist ein wichtiger Teil der russischen Geschichte, doch es gibt keine bedeutende  Gedenkstätte und kein Dokumentationszentrum, das die Opfer würdigt“, sagt sie. Jarowskaja ist enttäuscht: „Diese Frauenleben wurden gebrochen, und keiner hat sich bei ihnen bisher entschuldigt“.

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