Charakterköpfe: Filmheldinnen als Vorbilder

Sina aus einer der beliebtesten sowjetischen Komödien "Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ steht für eine Frau, die immer im Rampenlicht stehen will. Wenn die Aufmerksamkeit für sie abnimmt, gerät sie umgehend in Panik.

Sina aus einer der beliebtesten sowjetischen Komödien "Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ steht für eine Frau, die immer im Rampenlicht stehen will. Wenn die Aufmerksamkeit für sie abnimmt, gerät sie umgehend in Panik.

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Die Gestaltpsychologin Natalja Kedrowa erklärt, welche Rolle weibliche Charaktere aus sowjetischen Kultfilmen für Russen haben. Ob divenhaft wie Sina oder verschüchtert wie Alisa – bekannte Frauenfiguren symbolisieren ganz verschiedene Frauentypen.

Die Diva 

„Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ ist eine der beliebtesten sowjetischen Komödien, in der der russische Zar Iwan der Schreckliche durch eine Zeitmaschine in das moderne Moskau gelangt. Die Rolle der Sina, Ehefrau des Zeitmaschinenerfinders Schurik Timofejew,  spielte Natalja Seleznjowa. Das ist nur eine Nebenrolle, aber Sinas Charakter bleibt in

Erinnerung. Im Film verlässt Sina ihren Mann, um mit dem Filmregisseur Jakin ans Schwarze Meer zu fahren. Kaum, dass sie Jakin erfolgreich erobert hat, stürzt sie zum Telefon, um den Triumph über die Ehefrau des Regisseurs ihren Freundinnen mitzuteilen: „Jakin hat sich endlich von seiner Vogelscheuche getrennt!“ Später streitet sie sich mit dem Regisseur und kehrt zu ihrem Mann zurück. Sie ist es, die ihrem Ehegatten verzeiht, dass sie ihn verlassen hat.

Sina steht für eine Frau, die immer im Rampenlicht stehen will. Wenn die Aufmerksamkeit für sie abnimmt, gerät sie umgehend in Panik. Wenn man Frauen mit der Filmfigur Sina in Verbindung bringt, meint man, dass sie jedem Trend hinterherlaufen und stets allen beweisen wollen, wie großartig sie sind. Das geht als Ehefrau, aber auch als Geschäftsfrau. Die Hauptsache ist, dass sich alles um sie dreht. 

 

Die Gestrenge 

„Der Brilliantenarm“ ist eine weitere äußerst beliebte sowjetische Komödie. Der brave Tourist Semjon Semjonowitsch wird in Istanbul in einen Juwelendiebstahl verwickelt, als er sich nach einem Unfall den Arm bricht und ohne sein Wissen wertvolle Edelsteine in seinem Gipsverband versteckt werden. Im Laufe des Films lernt er eine Frau kennen, die er mit nach Hause nimmt. Das missfällt seiner Hausverwalterin, die von Nonna Mordjukowa gespielt wird. Die Hausverwalterin ist ein misstrauischer Mensch:  „Ich denke, dass man einem Mensch nur im äußersten Fall glauben sollte!“

Man bringt aggressive, dabei ungeduldige und fanatische Frauen mit der Figur der Hausverwalterin aus „Dem Brilliantenarm“ in Verbindung. Foto: RIA-Novosti

Die Figur der Hausverwalterin verkörpert eine strenge Frau, die alle Emotionen unterdrückt. Man bringt aggressive, dabei ungeduldige und fanatische Frauen mit ihr in Verbindung. Zu diesem Frauentyp gehört auch, dass die Frau ihre Überzeugungen rücksichtslos verteidigt. Man vermutet Frauen mit diesen Charaktereigenschaften vor allem in Berufen, in denen sie Kontrolle ausüben können. Eigene Entscheidungen zu treffen ist diesem Frauentyp dabei nicht so wichtig, er führt gerne Befehle aus.

 

Die Ausgeglichene 

In der populären Komödie „Entführung im Kaukasus“ geht es um einen unglücklichen Bräutigam, der seine Auserwählte Nina, gespielt von Natalja Warlej, im Kaukasus entführt. 

Das Frauenbild von Nina aus der Komödie „Entführung im Kaukasus“ wird mit stabilen Familienverhältnissen, guter Bildung und vielseitigen Interessen verknüpft. Foto: Legion-Media

Mit Nina assoziiert man Frauen, die mit sich selbst im Reinen sind. Das Frauenbild wird mit stabilen Familienverhältnissen, guter Bildung und vielseitigen Interessen verknüpft. Der „Nina-Typ“ macht in seiner Freizeit gerne Sport, zum Beispiel Yoga, lernt neue Sprachen oder verreist gern. Er verkörpert für Russen Balance und Ausgeglichenheit.   

 

Die Großmütterliche

In der mehrteiligen sowjetischen Verfilmung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ spielt Rina Zeljonaja die Rolle von Ms. Hudson, Sherlocks und Watsons mütterliche Vermieterin. „Und überhaupt, Doktor, ich versuche nicht zu schauen, wer kommt und wer geht… und ich empfehle es Ihnen auch nicht“, rät sie dem Detektiv. 

Ms. Hudson aus der Verfilmung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ verkörpert einen geduldigen, offenen und freundlichen Frauentyp, der seinen Wertvorstellungen treu bleibt. Foto: Kinopoisk.ru

Ms. Hudson verkörpert einen geduldigen, offenen und freundlichen Frauentyp, der seinen Wertvorstellungen treu bleibt. Frauen, die man mit Ms. Hudson in Verbindung bringt, begegnen Veränderungen mit Gelassenheit. Man assoziiert mit ihnen, dass sie gerne ihre Erfahrungen weitergeben, am liebsten an die Kinder und Enkelkinder, deren eigenen Erfahrungen sie interessiert zuhört.

 

Die graue Maus 

„Liebe im Büro“ ist eine komische Geschichte über die Direktorin einer Moskauer Universität und ihren Angestellten, der ihr zunächst nur wegen der Karriere den Hof macht, sich dann aber tatsächlich in sie verliebt. Alisa Freundlich spielt die verklemmte graue Maus, die ganz in ihrem Beruf aufgeht: „Ha, Privatleben! Es gibt viele andere Interessen“, stellt sie gleich zu Beginn des Films klar.

Alisa Freundlich spielt die verklemmte graue Maus, die ganz in ihrem Beruf aufgeht. Foto: Kinopoisk.ru

Alisa Freundlich symbolisiert einen eher ängstlichen und unsicheren Typ. Wenn man Frauen mit diesem Filmcharakter in Verbindung bringt, meint man, dass sie Probleme haben, ihre Weiblichkeit auszuleben und intime Beziehungen zu führen. Den Mangel an sozialen Kontakten gleicht der „Alisa-Typ“ durch erfolgreiche berufliche Selbstverwirklichung aus, wobei damit assoziierte Frauen von ihrer Intelligenz profitieren. 


Die Hausfrau und Mutter  

„Liebe und Tauben“ ist eine Komödie über einen Dörfler, der wegen eines Urlaubsflirts seine Familie verlässt. Bald kehrt er aber zu seiner Frau zurück, die von Nina Doroschina gespielt wird. Seine Frau ist tüchtig, immer fleißig, aber auch immer erschöpft. Von ihrem Ehemann hält sie nicht viel. Ohne einen kräftigen Tritt in den Hintern würde der ohnehin nichts zustande bringen.

Die weibliche Filmfigur aus der Komödie „Liebe und Tauben“ steht für Frauen, die im Familienleben aufgehen, deren Berufung es ist, Hausfrau und Mutter zu sein. Foto: Kinopoisk.ru

Diese weibliche Filmfigur steht für Frauen, die im Familienleben aufgehen, deren Berufung es ist, Hausfrau und Mutter zu sein. Russen verbinden auch Stärke mit diesem Frauenbild: Wenn der Ernährer fehlt, nimmt die Frau das selbst in die Hand und schont sich dabei nicht. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie hintenan, auch die körperlichen. 

 

Die Self-Made-Woman 

Vera Alentowa spielt in „Moskau glaubt den Tränen nicht“ eine Geschäftsfrau, die bei null anfängt und sich zur Direktorin einer Fabrik hocharbeitet. Der Film erhielt einen Oscar für den besten ausländischen Film. Die Protagonistin klagt über ihr fehlendes Privatleben, doch fürchtet, damit auf taube Ohren zu stoßen: „Doch erzähl’ den Leuten nicht, dass genau dann, wenn du alles erreicht hast im Leben, dass es einem dann am schlechtesten geht…“

Vera Alentowa spielt in „Moskau glaubt den Tränen nicht“ eine Geschäftsfrau, die bei null anfängt und sich zur Direktorin einer Fabrik hocharbeitet. Foto: Kinopoisk.ru

Dieser Frauentyp verkörpert Macherinnen. Dazu gehören eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstanalyse, Willenskraft und Disziplin. Für Russen sind Frauen wie die Filmfigur sehr selbstbewusst und nehmen auch Nachteile für sich in Kauf, wenn es darum geht, ihre Ziele zu verwirklichen. Wer mit dieser Frauenfigur assoziiert wird, gilt als beruflich erfolgreich, finanziell unabhängig und vertraut ganz auf sich und seine eigenen Fähigkeiten, auch bei der Kindererziehung. Dieser Frauentyp ist niemandem zu etwas verpflichtet. Mit ihm bringen Russen auch einen entschlossenen und kompromisslosen Führungsstil in Verbindung.  

 

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