Eine Bombe für den Weltfrieden

Vor 65 Jahren wurde die erste sowjetische Atombombe getestet. Der Bau war ein streng geheimes Projekt. Heute kann im Polytechnischen Museum in Moskau jeder einen Blick auf die „RSD-1“ werfen und „den Knopf drücken“. Dahinter steckt eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregen will.

Eine Ausstellung in Moskau erinnert an die erste Atombombe der Sowjetunion. Foto: ITAR-TASS

Vor 65 Jahren wurde in der UdSSR die erste sowjetische Atombombe getestet. Im Moskauer Polytechnischen Museum im Allrussischen Ausstellungszentrum wird daran mit einer Ausstellung erinnert. Unter anderem ist ein Modell der ersten sowjetischen Atombombe zu sehen. Daneben hat die russische Atombehörde Rosatom ein Steuerpult installiert. Nun kann jeder Besucher per Knopfdruck einen Atomtest simulieren. „RDS-1" lautete die offizielle Bezeichnung der Bombe. Das Modell der Ausstellung wurde wie die echte Bombe in der Kleinstadt Sarow bei Nischnij Nowgorod gebaut.

Nachdem die USA im Jahre 1945 den ersten atomaren Schlag auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki geführt hatten, begann man in der UdSSR mit der Suche nach einem Ort, an dem ein eigenes Nuklearprojekt umgesetzt werden konnte. Die Wahl fiel auf Sarow, wo das streng geheime Kernforschungszentrum Arzamas-16 errichtet wurde. Niemand wusste, was auf dem von Stacheldraht umzäunten Gelände vor sich ging.

 

Geheimhaltung und Zweifel

Der Aufbau von Arzamas-16 dauerte kaum ein Jahr. Lawrenti Berija, Volkskommissar für innere Angelegenheiten der UdSSR, verpflichtete Strafgefangene für die Bauarbeiten. Der spätere Regimekritiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow, der als „Vater der sowjetischen Atombombe" gilt, setzte ihnen in seinen Memoiren ein Denkmal. Auch die erste sowjetische Atombombe wurde in Rekordzeit gebaut, die sowjetische Führung verlangte es so. Rücksicht auf die Arbeiter wurde dabei nicht genommen, der Verschleiß an Arbeitskräften war hoch. Der Präzisionsdreher Kireyev erinnert sich: „Im Krieg haben wir zwölf Stunden am Tag gearbeitet, nach dem Krieg haben wir am Tag zwölf Stunden und mehr gearbeitet – für die Atombombe." Oft kam der Chefkonstrukteur und Leiter von Arzamas-16, Juli Chariton, noch um Mitternacht und erteilte Anweisungen.

Manch einer hatte Zweifel an seiner Arbeit. In der Ausstellung werden die Erinnerungen der Macher der Atombombe multimedial festgehalten, vom einfachen Arbeiter bis zum leitenden Konstrukteur. Ein Physiker namens Puzhlyayew erzählt, dass ihm die Entscheidung, an einer

Massenvernichtungswaffe zu arbeiten oder nicht, nicht leicht gefallen sei. Er hätte mit niemandem darüber sprechen können, denn Arzamas-16 existierte offiziell gar nicht. Eine leitende Ingenieurin namens Manakowa erinnert sich daran, dass nicht einmal zu Hause über die Arbeit gesprochen werden durfte: „Als mein Mann zu den ersten Atomtests gefahren ist, sagte er mir davon nichts. Erst nach einigen Jahren habe ich von diesen Tests erfahren und habe begriffen, dass mein Mann dort tätig war. Und das, obwohl wir in ein und demselben Konstruktionsbüro arbeiteten", erzählt sie. Das Projekt war so geheim, dass selbst der Ort Sarow aus den Lexika verschwand. Die ersten Tests der sowjetischen Atombombe fanden am 29. August 1949 auf einem Testgelände in der Oblast Semipalatinsk, dem heutigen Semei auf dem Gebiet des heutigen Kasachstan, statt.

Das Modell der Atombombe kann heute jeder besichtigen. Erstaunlich harmlos sieht der Nachbau aus, fast wie ein Wal mit zwei Bullaugen. Wenn

aber die Besucher, darunter viele Kinder, den Knopf am Steuerpult drücken, bekommen sie eine Vorstellung von der gewaltigen Zerstörungskraft der Bombe: Der Boden vibriert, ein greller Lichtblitz blendet und es sind ohrenbetäubende Explosionen zu hören. Wenn die Kinder das erlebt haben, sehen sie die Atombombe mit anderen Augen, sagt Maria Platonowa vom Polytechnischen Museum. „Die atomare Gefahr ist heute nicht mehr allgegenwärtig", erzählt sie. Früher, da war sie real, so Platonowa. Und nach den Erlebnissen in der Ausstellung könnten die Besucher auch nachvollziehen, warum. Es geht in der Ausstellung also nicht um eine militärische Leistungsschau, sondern darum, zum Nachdenken anzuregen.

 

Die Machtverhältnisse ausgleichen

Zur Eröffnung der Ausstellung reiste auch einer der Väter der Bombe an, der Atomwaffenforscher Arkadi Brisch. Er ist jetzt 97 Jahre alt und eine lebende Legende der Atomforschung. Brisch erklärte RBTH, warum damals so viele junge Wissenschaftler bereit waren, an der Entwicklung einer so gefährlichen Waffe mitzuarbeiten: „Wenn wir nach Hiroshima die Bombe nicht gebaut hätten, hätten die USA die Atomwaffe weiter einsetzen können. Die sowjetische Bombe hat der Sache des Friedens gedient." Die Machtverhältnisse waren nach dem Bau der sowjetischen Atombombe wieder ausgeglichen. „Es begann eine Politik der Zurückhaltung", sagte Brisch.

Atomwaffenforscher Arkadi Brisch war einer der Väter der sowjetischen Atombombe. Foto: ITAR-TASS

„Politik der Zurückhaltung", das ist eine oft herangezogene Rechtfertigung dafür, dass die sowjetischen Atomwaffen entwickelt und gebaut wurden. So abwegig war dieser Gedanke aber wohl auch für einige amerikanische Wissenschaftler nicht. „Es gibt Hinweise darauf, dass Forscher aus den USA ihr Wissen über die Technologie der Atombombe an sowjetische Kollegen übergeben haben", sagt Platonowa. „Sie waren der Ansicht, dass nicht nur ein Land auf der Welt über Atomwaffen verfügen sollte", sagt die Museumsmitarbeiterin. Es ist fraglich, ob das jemals bewiesen werden kann. Die meisten Dokumente über das Atomwaffenprojekt der Sowjetunion sind noch immer unter Verschluss.

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