Gulag-Museum Perm-36 geschlossen

Ehemaligen Betreibern des Gulag-Museums in der Ural-Stadt Perm wird Geschichtsfälschung vorgeworfen. Foto: Lori/Legion Media

Ehemaligen Betreibern des Gulag-Museums in der Ural-Stadt Perm wird Geschichtsfälschung vorgeworfen. Foto: Lori/Legion Media

Die Gulag-Gedenkstätte Perm-36 ist geschlossen. Stecken hinter dem Aus finanzielle Gründe oder zeichnet sich hier ein ideologischer Richtungswechsel in der Vergangenheitsbewältigung ab?

Die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen Perm-36 befindet sich auf dem gigantischen Gelände eines ehemaligen Arbeitslagers in der Region Perm (Nordural). Zu sowjetischen Zeiten saßen hier wegen „gefährlicher Staatsverbrechen“ Verurteilte ihre Strafen ab. Anfang der 1970er Jahre kamen nach Auskunft des bekannten Menschenrechtlers Sergej Kowaljow, der selbst Gefangener in diesem Lager war, so genannte „politische“ Häftlinge – baltische und ukrainische Nationalisten und Moskauer Dissidenten – dorthin. 1988 wurde das Lager geschlossen, kurze Zeit darauf entstand auf dessen Gelände ein Gulag-Museum.

Perm-36 war ein einzigartiger Ort. Tatjana Margolina, Beauftragte für Menschenrechte der Region Perm, erklärte in einem Gespräch mit RBTH: „Das war das Beispiel einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Verwaltung und gesellschaftlichen Organisationen. Der Staat war Eigentümer der Infrastruktur des ehemaligen Lagers, eine nichtkommerzielle Organisation sorgte für die ‚Füllmasse‘, also die Exponate, Archive, Führungen und Programme für Forschung und politische Aufklärung“.

Russlandweite Bekanntheit erlangte das Museum durch das jährlich stattfindende Festival „Pilorama“, auf dem namhafte Musiker, Künstler, Schauspieler und Menschenrechtler aus dem ganzen Land zusammenkamen. Das alles war möglich, solange Oleg Tschirkunow, ein Kunstförderer, Gouverneur der Region war. Während seiner Amtszeit bestimmten Festivals aller Art das Kulturleben von Perm, es wurden großzügig Gelder für Kunstprojekte bereitgestellt. Der bekannte Galerist und Kulturförderer Marat Gelman rief mit Unterstützung durch den Gouverneur in Perm das Museum für zeitgenössische Kunst PERMM ins Leben, der Theaterproduzent Eduard Bojakow gründete das satirisch-politische Haus „Szena-Molot“.

 

Die Gelder wurden gestrichen, die Direktoren ausgetauscht

Mit Viktor Bassargin, der 2012 das Gouverneursamt übernahm, wurden die Kultur- und Aufklärungsprojekte der Region ausgedünnt, das Menschenrechtsfestival „Pilorama“ bekam überhaupt keine öffentlichen Gelder mehr. Es fand danach nicht wieder statt. Jetzt ist das Museum an der Reihe.

In diesem Jahr entließ man die alte Leitung des Museums, darunter Viktor Schmyrow und Tatjana Kursina, die sich von Beginn an in dem Projekt engagiert hatten. Die neue Museumsdirektorin Natalja Semakowa, eine Beamtin aus dem Permer Ministerium für Kultur, hatte bis zu diesem Zeitpunkt an dem Museum keinerlei Interesse gezeigt. Im Juli erklärte die nichtkommerzielle Organisation Perm-36 nach einer Serie erfolgloser Versuche, den Status Quo wiederzuerlangen, sie werde die Zusammenarbeit mit dem Museum einstellen. Perm-36 plant jetzt, sein Eigentum aus der Gedenkstätte abzuziehen, das betrifft den größten Teil des  Museumsbestands. Was danach dort noch gezeigt werden kann, weiß niemand. Vorerst wurde die Gedenkstätte geschlossen.

Gulag-Museum Perm-36. Foto: Lori/Legion Media

Die Gebietsverwaltung versucht, die teils aufgebrachte Öffentlichkeit zu beruhigen und versichert, das Museum werde fortbestehen. Sergej Malenko, der Leiter der Abteilung für zivilgesellschaftliche und besondere Programme der Permer Gouverneursverwaltung, erklärte auf einer Pressekonferenz, an dem Charakter der Gedenkstätte werde sich grundsätzlich nichts ändern: „Es wird weiter Ausstellungen über die Geschichte des Gulag in der Sowjetunion und im Permer Gebiet geben. Ein umfangreiches Projekt wird die Geschichte der politischen Repressionen in vorsowjetischer Zeit aufarbeiten. Ein eigener Bereich dieser Ausstellung wird der Romanow-Dynastie gewidmet sein. Geplant ist außerdem die Eröffnung einer großen wissenschaftlichen Bibliothek, sie soll die größte ihrer Art in Russland werden“, sagte Malenko. Wie Malenko weiter ausführte, prüfe man derzeit die Möglichkeit, das Objekt in die Unesco-Kulturerbeliste aufzunehmen.

 

Vorwurf der Geschichtsfälschung

Das ehemalige Lagerpersonal hatte schon früher Anstoß an der Arbeit des Museums genommen. „Ich habe mir die Broschüren von Perm-36 und ihre Veröffentlichungen in Zeitungen angesehen. Irgendwelche gestreifte Lagerkleidung, Fußfesseln und Stiefel, sehe ich da. Man weiß nicht, woher sie das haben, genau wie den Stacheldraht und die Schüsseln aus Stahl.

Und dann Sätze wie, dort seien die Menschen „gestorben“ und „umgekommen“. Das Lagerpersonal und die Bevölkerung im Umfeld hatten manchmal weniger zu Essen. Und dann waren sie noch unzufrieden, organisierten Hungerstreiks, weil ihnen dieses und jenes nicht gefiel“, sagt der frühere Lageraufseher Anatoli Terentjew. Für die ehemaligen Lageraufseher machte sich auch die etwas zwielichtige Organisation „Sut wremeni“ (zu Deutsch: Kern der Zeit) stark, an deren Spitze der Intendant und Fernsehmoderator Sergej Kurginjan steht. Sie warfen dem Museum öffentlich proamerikanische Politik und Geschichtsfälschung vor, wiederum gestützt auf Zeugenaussagen ehemaliger Lagermitarbeiter.

Die Bedeutung dieser Vorgänge geht weit über Perm und seine Gedenkstätte hinaus. Die öffentliche Haltung zu den stalinschen Repressionen hat sich seit der Perestroika grundlegend gewandelt. Das bestätigen auch Mitarbeiter des Labors Medienforschung der Higher School of Economics, die im Mai dieses Jahres eine Umfrage in der ländlichen Bevölkerung Tatarstans durchführten. Viele Bauern sprechen mit offener Sympathie über die Zeit der Stalinherrschaft. Sie leugnen die Massenrepressionen nicht, sind aber dennoch davon überzeugt, dass eine „starke Hand“ der Regierung für die Ordnung im Land wichtig sei. Immer wieder gibt es auch Initiativen, den einst nach Stalin benannten Städten, Straßen und Plätzen ihre alten Namen wieder zurückzugeben oder dem Diktator sogar ein Denkmal zu errichten. Gar nicht zu reden von der massenhaften Nachfrage nach Stalin-Kalendern und anderen einschlägigen Souvenirs.

Dieser mittlerweile in weiten Bevölkerungskreisen um sich greifenden Tendenz stellen sich nur wenige bewusst entgegen. Eine wichtige kritische Stimme erhebt die internationale Menschenrechtsorganisation Memorial, Mitbegründerin von Perm-36. Die Organisation erforscht seit vielen Jahren die Geschichte der politischen Repressionen in der Sowjetunion und veranstaltet in Schulen Geschichtswettbewerbe zum Thema Stalinismus.

Arseni Roginski, Vorstandsvorsitzender von Memorial ist empört über die Vorgänge in Perm:  „Die Gebietsverwaltung von Perm wirft unserer Organisation vor, wir hätten es nur auf ihre Gelder abgesehen.“ Das sei Unsinn. Roginski vermutet, dass mehr hinter dem Vorgehen der Behörden stecke: „Der Staat will die Arbeit gesellschaftlicher Organisationen wieder stärker kontrollieren, besonders in solchen sensiblen Bereichen wie der

Geschichte des Landes“, sagt  Roginski. Die Vorwürfe der ehemaligen Lageraufseher kommentiert er mit bitterem Humor. Diese, so Roginski, würden wohl bald als Berater des Museums eingesetzt. Sie könnten dann erzählen, unter welchem heldenhaften Einsatz die Vertreter der Staatsgewalt einst die Gefangenen bewacht hätten…

Ein Gulag-Museum gibt es noch in Moskau. Es ist zwar nicht groß, aber seine Existenz als solche zählt. Die dort gezeigte Ausstellung und die von ihm organisierten Führungen zu den Orten des „Großen Terrors“ besuchen Erwachsene und Kinder. Vor kurzem startete eine Gruppe engagierter Aktivisten, von dem Journalisten und Oppositionellen Sergej Parchomeko ins Leben gerufen, die Initiative „Posledni adres“ (zu Deutsch: letzte Adresse). Sie will Gedenksteine an den Häusern von Opfern willkürlicher Repressionen anbringen.

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