Literaturpreis: Read Russia würdigt deutsche Übersetzung

Alexander Nitzberg (zweiter von links) mit seiner deutschen Übersetzung von Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ gewann in der Kategorie „Übersetzung von Literatur des 20. Jahrhunderts“. Foto: Michail Sinizyn / Rossijskaja Gazeta

Alexander Nitzberg (zweiter von links) mit seiner deutschen Übersetzung von Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ gewann in der Kategorie „Übersetzung von Literatur des 20. Jahrhunderts“. Foto: Michail Sinizyn / Rossijskaja Gazeta

In Moskau wurde der Read-Russia-Preis verliehen, eine Auszeichnung für die besten Übersetzer russischer Literatur. In Zeiten politischer Spannungen hoben die Jury und die Preisträger die Bedeutung von Kultur als Beitrag zur Völkerverständigung hervor.

In Moskau wurde während der Biennale der Read-Russia-Preis, der bedeutendste Übersetzerpreis Russlands, verliehen. Mit ihm werden die besten Übersetzungen russischer Prosa und Poesie in verschiedene Sprachen, die in den vergangenen zwei Jahren erschienen sind, geehrt. Der Read-Russia-Preis wurde 2011 in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Institut für Übersetzung ins Leben gerufen. Die diesjährige Verleihung des Read-Russia-Preises fand in den historischen Gemäuern des Paschkow-Hauses in Moskau statt, das einen Teil der Russischen Staatsbibliothek beherbergt.

Die Preisverleihung bildete zugleich den Abschluss des dritten Internationalen Übersetzerkongresses, der unter dem Motto „Übersetzen als

Methode in der kulturellen Diplomatie“ stand. In der Eröffnungsrede zur Read-Russia-Preisverleihung wurde denn auch besonders hervorgehoben, dass Übersetzer zu einem besseren Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen beitragen könnten. Indem die Literatur Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit vereine, werde ein Beitrag zum Weltfrieden geleistet. Tatjana Woskowskaja, eine der Vortragenden, erklärte: „In dieser politisch äußerst schwierigen Zeit ist es essenziell, den Dialog zwischen Russen und Vertretern anderer Nationen im Bereich der Geisteswissenschaften weiterzuführen.“

Der Preis wird in den vier Kategorien „Übersetzung von klassischer russischer Literatur“, „Übersetzung von Literatur des 20. Jahrhunderts (veröffentlicht vor 1990)“, „Übersetzung von zeitgenössischer russischer Literatur (veröffentlicht nach 1990)“ und „Übersetzung von Poesie“ vergeben. Die Gewinner in den vier Kategorien erhalten jeweils eine Ehrenurkunde sowie eine Ehrenmedaille und ein Preisgeld in Höhe von 5 000 Euro. Der Verlag des Gewinners erhält 3 000 Euro, damit dieser die Veröffentlichungskosten für ein weiteres, vom Verlag frei gewähltes russisches Werk finanzieren kann.

 

Glückliche Gewinner

In der ersten Kategorie „Übersetzung klassischer russischer Literatur des 19. Jahrhunderts“ waren Vera Bischitzky für ihre Übersetzung von Iwan Gontscharows Werk „Oblomow“ ins Deutsche, Alejandro Ariel Gonzales für seine Übersetzung von Fjodor Dostojewskis „Der Doppelgänger“ ins Spanische und Jorge Ferrer Diaz für seine spanische Übersetzung von Alexander Herzens Memoiren nominiert. Gewinner in dieser Kategorie

wurde Alejandro Ariel Gonzales, der bei der Preisverleihung von seinen Gefühlen  überwältigt wurde und seine tiefe Dankbarkeit ausdrückte.

In der Kategorie „Übersetzung von Literatur des 20. Jahrhunderts“ gab es gleich fünf Nominierungen: Alexander Nitzberg mit seiner deutschen Übersetzung von Michail Bulgakows „Meister und Margarita“, Daniela Rizzi mit ihrer Übersetzung von Ossip Mandelstamms „Der Lärm der Zeit“ ins Italienische, Joanne Turnbull und Nikolaj Formozow mit ihrer englischen Übersetzung von Sigismund Krschischanowskis „Autobiography of a Corpse“ und Elizabeth und Robert Chandler mit ihrer englischen Übersetzung von Wassili Grossmans Werk „An Armenian Sketchbook“. Alexander Nitzberg konnte die Jury in dieser Kategorie überzeugen und gewann. Das Paschkow-Haus, in dem ihm die Auszeichnung verliehen wurde, spielt auch eine Schlüsselrolle in „Meister und Margerita“.  

Zu den Nominierten in der Kategorie „Zeitgenössische russische Literatur“ zählten Julie Bouvard mit ihrer Übersetzung von Eduard Kotschergins Werk „Mit Kreuzen getauft“ ins Französische, Ives Gauthier mit ihrer französischen Übersetzung von Andrej Rubanows „A Successful Life“, Nicoletta Marcialis mit ihrer Übersetzung von Sachar Prilepins „Die Sünde“ ins Italienische, Ljubinka Milincic mit ihrer serbischen Übersetzung von Georgi Wladimows Werk „Der General und seine Armee“, Ewa Rojewska-Olejarczuk mit ihrer polnischen Übersetzung von Wiktor Pelewins Roman „t“ und Marian Schwartz mit seiner Übersetzung von Leonid Jusefowitschs „Harlequin’s Costume“ ins Englische. Als Gewinner ging in dieser Kategorie Marian Schwartz hervor, der seine Auszeichnung mit sehr viel Emotion und großer Dankbarkeit entgegennahm.

 

Literaturübersetzung ist Diplomatie

In der letzten Kategorie der Preisverleihung „Übersetzung von Poesie“ gab es drei Nominierungen: Abderrahim Lataoui mit seiner Übersetzung von ausgewählter russischer Poesie aus dem 19. und 20. Jahrhundert ins Marokkanische, Liu Wenfei mit seiner chinesischen Übersetzung von Gedichten Alexander Puschkins und Martina Jakobson mit ihrer deutschen Übersetzung von Arsenij Tarkowskijs „Reglose Hirsche“. In dieser Kategorie konnte Liu Wenfei die Jury überzeugen. Der Übersetzer hielt bei der Preisverleihung eine rührende Ansprache, die in vielerlei Hinsicht die Bedeutung des Read-Russia-Preises und des Übersetzerkongresses hervorhob. Zudem wies er in seiner Rede darauf hin, dass die Preisverleihung einen tiefgreifenden kulturellen Austausch und die Entstehung von Freundschaften über Ländergrenzen hinweg ermögliche. Abschließend konstatierte Wenfei noch, dass „das Übersetzen eine sehr einsame Arbeit ist“, und bedankte sich daraufhin bei allen Anwesenden mit den Worten: „Danke, dass ihr diesem Vorurteil entgegenwirkt.“

Die Gewinner des Read-Russia-Preises wurden von einer internationalen Jury gekürt. Zu den Juroren zählten unter anderem literarische Größen wie Wsewolod Bagno, der Direktor des Instituts für russische Literatur (Puschkinhaus) der Russischen Akademie der Wissenschaften, Peter Mayer, der Präsident des US-amerikanischen Verlagshauses Overlook Press, und Raphael Gusman Tirado, Vizepräsident der Internationalen Assoziation für Lehrer der russischen Sprache und Literatur.

Als Gastgeber der Preisverleihung trat Michail Schwydkoi, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für internationale Kulturzusammenarbeit, auf. In seiner Rede ging er besonders auf die Tätigkeit von Übersetzern ein: „Der Read-Russia-Preis fasst die Arbeit von Übersetzern an Werken der russischen Literatur der letzten zwei Jahre zusammen. Übersetzer haben dabei ihre eigene Sicht auf Ereignisse, die derzeit die Welt bewegen, und eben dieser Meinungsaustausch ist heute von besonderer Bedeutung.“ Auch Russlands stellvertretender Minister für Kultur Grigorij Iwliew war auf der Preisverleihung vertreten und überreichte selbst eine Auszeichnung. Er lobte, dass Literaturübersetzer „fähig sind, eine Ebene von Kreativität zu erreichen, die für viele von uns niemals zugänglich sein wird. Dank der Arbeit von Übersetzern kann Kultur Menschen aus verschiedenen Ländern und sogar Kontinenten miteinander verbinden.“

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