Übersetzerkongress in Moskau: Die Kunst, eine Technik zu beherrschen

Die 250 Kongressbesucher aus 55 Ländern konnten zwei Tage lang aus insgesamt 300 Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu den unterschiedlichsten Themen wählen. Foto: Shutterstock

Die 250 Kongressbesucher aus 55 Ländern konnten zwei Tage lang aus insgesamt 300 Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu den unterschiedlichsten Themen wählen. Foto: Shutterstock

Vom 4.bis 7. September fand in der Moskauer Staatlichen Bibliothek für ausländische Literatur der dritte Internationale Literaturübersetzerkongress statt. „Übersetzung als Mittel kultureller Diplomatie“ lautete das Motto. Über 250 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zum fachlichen und persönlichen Austausch.

Das Moskauer Institut für Übersetzung veranstaltete in der Moskauer Staatlichen Bibliothek für ausländische Literatur den dritten Internationalen Kongress der Literaturübersetzer. Auch in diesem Jahr kamen vom 4. bis 7. September zahlreiche interessierte Teilnehmer aus aller Welt nach Russland, darunter neben Übersetzern auch namhafte Sprachforscher, Journalisten und Wissenschaftler. Vor dem Hintergrund der politischen Lage war das Motto „Übersetzung als Mittel kultureller Diplomatie“ hochaktuell.

 

Übersetzer als Brückenbauer

„Wir wollten ein Forum schaffen, in dem Übersetzer aus aller Welt sich über ihre Erkenntnisse und professionellen Erfahrungen in ihrer Kunst austauschen können“, sagte Wladimir Grigorjew, stellvertretender Leiter der Föderalen Agentur für Presse und Medien (Rospetschat) und einer der Mitgründer des Instituts für Übersetzung. „Aber wir hatten zugleich auch die höhere, eher philosophische Zielstellung der Übersetzung im Auge“, so

Grigorjew. Übersetzung könne nämlich ein Mittel sein, Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzuführen. Bei einer Übersetzung wird laut Grigorjew eine „Brücke zwischen den kulturellen Mentalitäten zweier Länder gebaut“. Übersetzen sei daher weit mehr als nur ein „technischer Prozess“.

Die 250 Kongressbesucher aus 55 Ländern konnten zwei Tage lang aus insgesamt 300 Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu den unterschiedlichsten Themen wählen. Dabei wurden berufspraktische Fragestellungen erörtert, wie etwa: „Wie lassen sich unbeabsichtigte Plagiate bei der Arbeit mit klassischen Texten vermeiden, die schon häufig übersetzt wurden?“, oder die Frage nach dem kulturellen Kontext einer Übersetzung: „Muss ein Übersetzer alles wissen?“, hieß der Titel einer entsprechenden Veranstaltung.

Viele Vorträge waren übersetzungstechnischen Fragen gewidmet und behandelten zum Beispiel die „Schwierigkeiten der Übersetzung von Nabokov und Tschechow ins Japanische“ oder die „Probleme der Übersetzung der Musikalität russischer Lyrik in die idiomatisch geprägte amerikanische Sprache“. Mit solchen Fragen sehen sich Literaturübersetzer häufig konfrontiert und fanden in Moskau ein Forum zum intensiven Austausch mit den Kollegen.

Auf dem Kongress wurde auch die Ausbildung angehender Übersetzer diskutiert. Dabei ging es um die Akademisierung des Berufs oder um die Frage, wie Studenten lernen könnten, „die Seele eines Textes zu erhalten“.

 

Lebendige Diskussionen und eine Preisverleihung

Der Höhepunkt des ersten Kongresstages war die lebendige Diskussion zwischen russischen Schriftstellern, die paarweise auf dem Podium gegeneinander antraten und ihre  gegensätzlichen Standpunkte zu verschiedenen Fragen aus dem Leben und der Kunst vertraten.

Mit Spannung wurde auch ein weiterer Programmpunkt des Kongresses erwartet: die Verleihung des Read-Russia-Preises für Übersetzung russischer Literatur. In der Kategorie „Klassische russische Literatur des 19. Jahrhunderts“ wurde Alejandro Ariel Gonzales für seine spanische Übersetzung von Dostojewskis „Dwojnik“ ausgezeichnet. Den Preis aus der Kategorie „Russische Literatur des 20. Jahrhunderts“ gewann Alexander Nitzberg für seine deutsche Übersetzung von Michail Bulgakows „Master i Margarita“. Marian Schwartz wurde in der Kategorie „Zeitgenössische russische Literatur“ für seine Übersetzung von Leonids Jusofewitschs „Kostjum Arlekina“ ins Englische ausgezeichnet. Preisträger in der Kategorie „Lyrik“ wurde Liu Wenfei, der ausgewählte Gedichte von Alexander Puschkin ins Chinesische übersetzt hat.

Alexander Livergant, Chefredakteur der russischen Monatszeitschrift „Inostrannaja literatura“, zeigte sich beeindruckt von der Veranstaltung: „Wir haben in diesem Jahr deutlich mehr Teilnehmer begrüßen dürfen als im vergangenen, darunter viele aus den ehemaligen Sowjetrepubliken.“ Die Vorstellung einer Vielzahl von Verlagsprojekten hätte zudem gezeigt,  dass

in Frankreich, Deutschland oder Skandinavien viel aus dem Russischen übersetzt werde und bei Weitem nicht nur die Klassiker. „Unsere zeitgenössischen Schriftsteller sind sehr beliebt und weltweit bekannt“, freute sich Livergant. In Großbritannien und den USA hingegen sei das Interesse allerdings geringer, wie der Journalist bemerkte.  

Die Teilnehmer begrüßten einerseits die Vielfalt der Veranstaltungen und die thematische Breite. Jedoch fiel es einigen auch schwer, sich bei einem so großen Angebot zu entscheiden. Zudem sei es schwierig gewesen, sich am Veranstaltungsort zurechtzufinden, da er aus mehreren Gebäuden bestand. Mitunter seien die Wege lang gewesen. Wladimir Grigorjew griff diese Kritikpunkte umgehend auf und versprach, die Organisation zu verbessern. Zudem soll zukünftig auch Ländern ein Forum geboten werden, deren literarischer Schatz noch unentdeckt ist.

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