Jeans: Wie eine Hose die Sowjetunion eroberte

Beim Kauf einer Jeans wurde die Markenechtheit mithilfe eines feuchten Streichholzes überprüft, das über den Stoff gerieben wurde. Färbte es sich blau, war der Test bestanden und die Jeans „echt“. Foto: ITAR-TASS
Beim Kauf einer Jeans wurde die Markenechtheit mithilfe eines feuchten Streichholzes überprüft, das über den Stoff gerieben wurde. Färbte es sich blau, war der Test bestanden und die Jeans „echt“. Foto: ITAR-TASS /
Jeans waren in der Sowjetunion nicht nur modische Beinkleider. Sie standen für Freiheit und Erfolg. Besonders begehrt waren Modelle aus dem Westen, die freilich Mangelware waren. Manch einer gab für eine solche Jeans einen ganzen Monatslohn oder musste sogar mit dem Leben bezahlen.

Ausbruch des Jeansfiebers

Mode spielte in der Sowjetunion der 1950er-Jahre eine eher untergeordnete Rolle. Aber eine Markenjeans zu besitzen, das war gleichbedeutend mit Erfolg im Leben. Das Jeansfieber brach in der Sowjetunion nach den Weltfestspielen der Jugend und Studenten, die 1957 in Moskau ausgerichtet wurden, aus. Unter den mehr als 30 000 Teilnehmern aus mehr als 130 Ländern trugen einige die ursprünglich als Arbeitskleidung für Goldgräber in den Vereinigten Staaten entwickelte Beinbekleidung. Die Sowjetjugend war begeistert. Und nicht nur dort wurde die Jeans zu einem Symbol der Freiheit.

Jeans, insbesondere ausländische Ware, wurden in der Sowjetunion bekämpft und verboten. Wer sie trug, riskierte nicht selten, von der Universität zu fliegen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Solche Sanktionen aber konnten den Siegeszug der Jeans nicht stoppen, im Gegenteil. Die ersten Jeansträger waren Matrosen, Diplomatenkinder und Piloten. Sie brachten das kostbare Gut aus dem Ausland mit, gelegentlich buchstäblich am eigenen Körper. Angezogen unter weit geschnittenen Hosen schmuggelten sie die verpönte Westware in die Sowjetunion. Später wurden Jeans mit der Hippie-Kultur assoziiert. Man versah sie mit trendigen Abzeichen, nähte Stoffdreiecke in die Hosenbeine ein und machte aus Jeans modische Schlaghosen.

 

Verschleiß als Qualitätsmerkmal

Markenjeans zeichneten sich dadurch aus, dass sie durch das Tragen heller wurden und mit der Zeit Verschleißerscheinungen zeigten. Beim Kauf einer

Jeans wurde die Markenechtheit mithilfe eines feuchten Streichholzes überprüft, das über den Stoff gerieben wurde. Färbte es sich blau, war der Test bestanden und die Jeans „echt“. Beim klassischen „Denim“, wie der robuste Stoff für die Jeansherstellung, der ursprünglich aus der französischen Stadt Nîmes stammte (daher der Name: „Denim“ ist französisch für „Gewebe aus Nîmes“), wird das Garn nämlich nicht komplett durchgefärbt, daher wäscht die Farbe aus und kann durch Reibung aufgehellt werden. Es handelte sich bei dem Farbverlust also keineswegs um einen Qualitätsmangel.

Bei sowjetischen Jeans hingegen funktionierte der Streichholz-Test wegen des anderen Herstellungsverfahrens nicht. Manche Hersteller färbten daher Jeans mit Farben von geringer Haltbarkeit, die leicht auswuschen, und ließen die Jeans zum Beispiel durch den Einsatz eines Bimssteins künstlich altern. 

 

Tödlicher Schwarzhandel

Markenjeans gab es vielfach nur auf dem Schwarzmarkt. Schwarzhändler waren die ersten Vorboten eines freien Marktes in der Sowjetunion. Foto: RIA Novosti

Markenjeans gab es vielfach nur auf dem Schwarzmarkt. Schwarzhändler waren die ersten Vorboten eines freien Marktes in der Sowjetunion. Der sowjetischen Führung waren sie freilich ein Dorn im Auge und sie gehörten zu den Staatsfeinden Nummer eins. Schwarzhandel war nicht nur gesellschaftlich geächtet, wer auf diese Weise zu Geld kam, konnte sogar im

Gefängnis landen. Um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, wurden begehrte Güter oft nicht verkauft, sondern gegen andere Mangelwaren getauscht. Denn Tauschhandel war in der Sowjetunion nicht verboten. Routinierte Käufer erkannten die Händler sofort, die wiederum auf Märkten, vor Hotels und Bahnhöfen auf die Suche nach wohlhabend aussehenden Passanten gingen. Viele heute bekannte Unternehmer wie Oleg Tinkow oder Juri Eisenspieß machten ihre ersten Schritte in der Geschäftswelt mit dem Jeanshandel.

Sie hatten Glück, dass es ihnen nicht so erging wie zwei Jeanshändlern namens Rokotow und Fajbischenko. Die wurden 1961 trotz vielfacher Proteste zum Tode verurteilt und hingerichtet. Einer der Anklagepunkte lautete „Schwarzhandel mit Jeans“. Die noch heute bestehende US-amerikanische Jeansfirma „Rokotov & Fainberg“ hat ihnen ein textiles Denkmal gesetzt.

 

Antik-Look

Um den Sowjetjeans den „Antik-Look“ der Westware zu verleihen, wurden sie häufig gebleicht.  Foto: RIA Novosti

Um den Sowjetjeans den „Antik-Look“ der Westware zu verleihen, wurden sie häufig gebleicht. Die Technik des Bleichens war recht primitiv. Vom Bleichmittel blieben auf den Jeans Ränder zurück, das galt als chic. Zum Bleichen wurden die Jeans zunächst zusammengerollt und mit Gummibändern und allen möglichen Klammern fixiert, dabei musste darauf geachtet werden, dass nicht zu eng gerollt wurde, denn dann konnten keine Ränder entstehen. Anschließend wurde Bleichmittel warmem, nicht kochendem Wasser zugefügt, etwa eine Tasse auf fünf Liter Wasser. Dann musste die Jeans eingeweicht werden und für 15 bis 20 Minuten gekocht werden. Zum Schluss wurde sie gut ausgespült und fertig war der handgemachte „Antik-Look“. Wer diese Methode heute einmal ausprobieren möchte, sollte darauf achten, Handschuhe zu tragen und für frische Luft zu sorgen. 

 

Markenkult und Selfmade-Jeans

Die Jeans von Levis, Wrangler und Lee kosteten mindestens hundert Rubel. Das entsprach dem durchschnittlichen Monatslohn eines sowjetischen Ingenieurs. Foto: Lori / LegionMedia

Die sowjetischen Jeans, die Namen wie „Twer“ und  „Wereja“ trugen, kamen Ende der 1980er-Jahre auf den Markt. Ihre Qualität ließ zu wünschen übrig, denn sie waren nicht aus robustem Denim gefertigt. Die meistgetragene Jeansmarke in der späten Sowjetunion war „Montana“. Ein solches Label gab es tatsächlich auch in Deutschland, dort wurde es 1976 registriert. Die Entstehung der sowjetischen „Montana“ ist unter Modehistorikern jedoch umstritten. Höchstwahrscheinlich wurde sie von Fälschern im Süden des Landes genäht und dann auf den Markt gebracht. Das Markenzeichen der „Montana“ war ihr unverwüstlicher und fester Stoff. Man konnte die Hosen buchstäblich in die Ecke stellen.

Beliebte Marken waren außerdem West-Klassiker wie Levis, Wrangler und Lee. Diese Jeans waren teuer, mindestens hundert Rubel musste man

investieren. Das entsprach dem durchschnittlichen Monatslohn eines sowjetischen Ingenieurs. Wer sich das nicht leisten konnte, kaufte indische oder polnische Jeans. Deren Qualität reichte an die Markenware jedoch ebenfalls nicht heran, aber auch hier legten Modefreaks selbst Hand an und verpassten der Jeans durch Nachbehandlungen das richtige trendige Aussehen. Oder man nähte sich die Jeans gleich selbst. Erfahrene Näherinnen konnten aus Jeansstoff zu Hause Hosen produzieren, die den Markenjeans zum Verwechseln ähnlich waren.