Abzug der Sowjetarmee: Was im Lande übrig blieb

Parade am Sowjetischen Ehrenmal im Teptower Park zum „Tag des  Sowjetische Armee und Kriegsmarine“ im Treptower Park, Berlin, 25. Februar 1992 . Foto: Wladimir Borissow / Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Parade am Sowjetischen Ehrenmal im Teptower Park zum „Tag des Sowjetische Armee und Kriegsmarine“ im Treptower Park, Berlin, 25. Februar 1992 . Foto: Wladimir Borissow / Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

49 Jahre lang waren Sowjettruppen in der DDR stationiert. Als die Soldaten 1994 Deutschland verließen, gab es die Sowjetunion nicht mehr. Aus Anlass des 20. Jahrestages dieses Abzugs zeigt das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst Fundstücke, die bei der Auflösung dieser Standorte zurückgeblieben waren.

„548 Tage noch“, zählt der Zettel bis zur Heimkehr und dem Ende des Truppendienstes. Diese Countdowns kennt man in allen Armeen weltweit, die Wehrpflichtige einziehen. Auf der Rückseite hat der unbekannte Soldat Zugabfahrtszeiten von Berlin-Schönefeld notiert. Die Kladde, in der sich dieser Zettel findet, liegt in einer Vitrine in der kleinen Sonderausstellung „Hinterlassenschaften“, die das Museum in Karlshorst unter der Leitung des Kurators Jörg Morré gestaltet hat. 

Hier finden sich neben wenigen persönlichen Aufzeichnungen wie Briefen und Karikaturen auch Restaurantschilder und Poster, die erklären, wie man Verletzte aus Panzerfahrzeugen befreit, Wanddekorationen und ein Flügel eines schmiedeeisernen Eingangstors. Bei Aufräumungs- und Abrissarbeiten

hatte man sie in den früheren Standorten Wünsdorf (Oberkommando der Westgruppe der UdSSR-Truppen), Karlshorst (Zentrale der Geheimdienste KGB und GRU) und Lieberose, einem Truppenübungsplatz, über die Jahre entdeckt. „Anders als in einer Sammlung, die für ein Museum zusammengestellt wird, ist diese Sammlung zufällig und absichtslos“, erklärt der Kurator Morré im Gespräch mit RBTH. „Wenn eine Armee ein Land verlässt, achten die Einzelnen auf ihre persönlichen Kostbarkeiten und Erinnerungsstücke und an alles Wertvolle. Das alles nehmen sie mit. Was bleibt und gefunden werden kann, ist verloren oder tatsächlich weggeworfen worden. Und natürlich lässt sich in der Regel nicht mehr ermitteln, wem das Fundstück gehört hat“, sagt der Kurator. 

 

Mit dem Mut zur Lücke

Eine Karikatur zeigt zwei hübsche Mädchen, die über die Schulter einen etwas hilflosen Rekruten am Reck bei Klimmzügen beobachten. Ein mit einer Büroklammer angeheftetes Foto zeigt neben einem Soldaten am Reck keine Mädchen, aber einen anderen Soldaten, der bei den Klimmzügen zu helfen scheint. War das ein Selbstporträt des Zeichners? Ein Spott unter Kameraden? Die Antwort bleibt das Fundstück schuldig. 

Die Museumsleitung hat aus der Not eine Tugend gemacht und eine „Werkstattausstellung“ konzipiert, in der die Zuschauer sich ihr eigenes Bild machen sollen. Drei „Litfaßsäulen“ in der Mitte geben etwas historischen Kontext, ansonsten bleibt dem Zuschauer als Orientierung nur eine Mappe zum Mitnehmen in die Ausstellung, die die russischen Texte ohne deutende Kommentare übersetzt. 

Plakat anlässlich der Abschlussparade,

die am 11. Juni 1994 in Wünsdorf stattfand

(Fundort: Garnison Wünsdorf). Quelle:

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

„Ein gewisses Gefühl der Fremdartigkeit ist für den Besucher der Ausstellung durchaus gewollt. Die große Karte der DDR, die mit rot markiert alle sowjetischen Sperrregionen ausweist, soll ihm etwas zeigen, was er kennt, aber eben nicht so markiert und nicht mit kyrillischen Buchstaben“, erklärt Morré und ergänzt: „Die DDR war ja für die Sowjetarmee in erster Linie Aufmarschgebiet. Die Soldaten waren nicht als Touristen hier, sondern hatten einen militärischen Auftrag, der in der Zeit des Kalten Krieges sehr, sehr ernst war.“ Dass etwa drei Prozent der Gesamtfläche der DDR exklusiv der Armee der UdSSR vorbehalten war und zeitweise 500 000 Soldaten stationiert waren, ist nicht ohne Wirkung geblieben, und die Echos dieser Zeit sind noch heute zu hören. Die Ausstellung soll 20 Jahre später den Erinnerungsprozess anregen. Morré ist sicher, dass dies erst der Anfang ist: „Mit der Aufnahme des Themas haben wir eine Lücke geschlossen; es wird uns sicherlich in den kommenden Jahren noch viel beschäftigen.“ 

Die Sonderausstellung ist im Wintergarten des Museums noch bis zum 26. Oktober zu sehen. Sie wird von einem Veranstaltungsprogramm begleitet: Am 23. September soll sich ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Aufräumen und dann Ausverkauf?“ mit der Frage der Umwandlung der verlassenen Militärgebiete befassen, am 30. September geht es um das Erbe der sowjetischen Kriegsgräber in Deutschland. Zusammen mit dem Alliiertenmuseum ist am 9. Oktober ein Symposium geplant, das den Abzug der vier Mächte aus Berlin zum Thema hat. 

 

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