Mit den Waffen der Kunst: Moskaus Sprayer streiten über Ukraine-Krise

Als „Wattemäntel“ (russisch „watnik“), eine sehr warme, aber unförmige Winterkleidung, werden heutzutage herablassend patriotische Russen genannt. Foto: Shutterstock

Als „Wattemäntel“ (russisch „watnik“), eine sehr warme, aber unförmige Winterkleidung, werden heutzutage herablassend patriotische Russen genannt. Foto: Shutterstock

Seit Beginn der Ukraine-Krise fallen in der russischen Hauptstadt Graffitis mit politischen Inhalten auf. Befürworter und Gegner der Regierung liefern sich nicht nur zur Ukraine-Politik einen Kampf mit der Spraydose. RBTH traf die Sprayer zum Gespräch.

In der russischen Hauptstadt ist ein wahrer Graffiti-Krieg ausgebrochen. Die offensichtlich kremlorientierte Künstlergruppe Ataka verewigte sich in verschiedenen Moskauer Bezirken auf Zäunen und Mauern mit Sprüchen wie „Die Krim gehört uns!“, „Die Krim ist russisch!“ oder „Unsere freundlichen Russen!“ und sprühte dazu einen Soldaten in grüner Uniform, der einen der russischen Soldaten auf der Krim, die unter der Bezeichnung „höfliche Menschen“ bekannt wurden, darstellen soll.

Diese patriotischen Kunstwerke provozierte Jugendliche mit einer anderen politischen Gesinnung, Anhänger der sogenannten Russischen sozialistischen Bewegung, zur Gegenwehr mit der Spraydose. Anstelle von „Die Krim gehört uns!“ sprühten sie: „Der Kampfgenosse entpuppt sich oft als Wattemantel!“ Als „Wattemäntel“ (russisch „watnik“), eine sehr warme, aber unförmige Winterkleidung, werden heutzutage herablassend patriotische Russen genannt. Die oppositionellen Sprayer übermalten die „höflichen Menschen“ mit einer Darstellung eines dümmlich dreinschauenden, zahnlosen „Wattemantels“ im Comic-Stil. Den Spruch „Die Krim ist russisch!“ formulierten sie in eine Beleidigung des russischen Präsidenten um.

 

Wattemäntel sind von vorgestern

Die Idee, die patriotischen Graffitis in oppositionelle umzuwandeln, stammt von Dmitri Schigalow, Koordinator der Künstlergruppe Russische sozialistische Bewegung. Auch der „Wattemantel“ ist seine Erfindung. Ich treffe den jungen Aktivisten, der mir erzählt, er sei sich völlig im Klaren darüber, dass die Graffitis einen Verstoß gegen mehrere Strafgesetze darstellen: „Artikel 214 – ‚Vandalismus‘, Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Wegen des politischen Charakters, Artikel 282 – ‚Erregung von Hass oder Feindschaft sowie Herabsetzung der Menschenwürde‘, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren“, zählt er auf und sagt weiter: „Übrigens kann alles, was ich hier sage, von den Strafbehörden gegen mich verwendet werden, also vom Geheimdienst, dem Innenministerium und den Gerichten.“ Bei unserem folgenden kurzen Interview versuche ich, das zu berücksichtigen. Wir reden so miteinander, dass ihm keine strafrechtlichen Konsequenzen drohen können.

Der Spruch "Höfliche, Russe, Unsere" ("Unsere freundlichen Russen") sollte einerseits auf das Motto der Olympischen Spielen in Sotschi ("Hot, cool, yours"), andererseits auf "Höfliche Menschen auf der Krim" anspielen. Foto: Pressebild

Warum sprühen Menschen Graffitis mit politischen Inhalten an Wände oder Zäune, will ich von Dmitri Schigalow wissen. Er antwortet: „Eine politische Organisation, die Mittel für eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit hat, wird kaum auf Graffitis zurückgreifen. Sprayen ist eine ganz wirksame Möglichkeit für alle anderen, die mit einfachen Mitteln ihre Meinung

ausdrücken wollen. Es ist eine Domäne der jungen Leute. Aber gesehen werden die Graffitis auf Garagen neben den Bahngleisen der Vorortzüge auch von der älteren Generation.“

Ich frage Dmitri, ob es denn wichtig sei, wer die Graffitis zu sehen bekommt? „Nein, eigentlich nicht“, antwortet er. „Man möchte, einfach ausgedrückt, diesen Leuten, die überall ihr ‚Die Krim gehört uns!‘ hinschmieren, zeigen, dass sie von vorgestern sind und nicht überall auf Zustimmung stoßen. Der Ausdruck ‚Wattemantel‘ bezeichnet für mich negative Eigenschaften der Russen, die abgelegt werden sollten: Beschränktheit, Schwerfälligkeit, Brutalität. Ein ‚Wattemantel‘ biedert sich der Macht an, er sagt zu allem ‚Ja‘, was die Regierung macht. Die ‚Wattemantel‘-Graffitis machen sich über diese Stereotypen lustig.  Und wir zeigen damit, dass nicht alle Russen ‚Wattemäntel‘ sind. Wir gehören nicht dazu.“

 

Vaterlandsliebe mit der Sprühdose

"Für heilige Oligarchen! Für Kadyrow! Es lebe Putin!". Foto: Pressebild

Ich gehe ins gegnerische Lager zu den jungen Konservativen, die natürlich eine ganz andere Meinung zu den Graffitis haben. „Wir sprühen im Monat vier bis fünf Bilder“, verrät uns Iwan,  Koordinator der Kunstgruppe Ataka, die als politisch korrekt geltende Graffitis von Putin und den „höflichen Menschen“ sprüht. „Unsere jüngsten Graffitis beziehen sich auf die Ukraine“, sagt Iwan und meint damit Graffitis wie „Die Krim ist russisch“ vom März dieses Jahres, den Slogan „Republik Donezk – steht zusammen, Brüder!“ vom April oder „Freundlich. Russen. Volksgenossen“, was für Ataka

zusammengehört. Im Juli wurde die Sammlung um das Graffito „Neurussland soll leben“ erweitert. Das waren die beliebtesten Bilder, erklärt Iwan, vor allem diese seien zerstört worden, und zwar „von unseren Gegnern“, wie er die Anhänger der Russischen sozialistischen Bewegung nennt.

„Sie haben uns den Krieg erklärt. Sie propagieren, gelinde gesagt, radikalen Nationalismus und Anarchie“, ist Iwan überzeugt. „Wir dagegen folgen einer anderen Ideologie: dem russischen Konservatismus und dem jungen Konservatismus. Wir lieben unser Vaterland“, bekräftigt der Sprayer. Iwan möchte, dass ich „Vaterland“ in Großbuchstaben schreibe. „Wir lieben unser Volk, wir wollen nicht, dass es vor dem Fernseher verblödet, es soll Sport treiben und kreativ sein. Das ist der Kern unserer Werte“, erläutert er.

Sieht man von den Unterschieden in der Ausdrucksweise ab, dann kämpfen die beiden verfeindeten Gruppen für die Entwicklung ihres Landes, gegen alles Schlechte und für das Gute. Aber sie verstehen darunter jeweils etwas anderes.

 

Graffitis sind zeitgenössische Kunst

Anstelle von „Die Krim gehört uns!“ sprühten die Jugendlichen in Moskau: „Der Kampfgenosse entpuppt sich oft als Wattemantel!“ Foto: Pressebild

„Straßengraffitis haben viele Facetten – sie sind eine Form zeitgenössischer Kunst“, sagt Jaroslaw Leontjew, ein Historiker, der sich auskennt mit den politischen Jugendgruppen in Moskau. „Sie sind Agitation, Propaganda, ein kultureller Code, Selbstausdruck oder einfach modische Subkultur junger Leute“, führt er aus. „Anfangs waren Graffitis vor allem ein Medium von

Fußballfans. Einen deutlich politischen Charakter nahmen sie im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen faschistischen und antifaschistischen Gruppierungen an. Spuren dieses Konfliktes sind in russischen Städten in Gestalt von Hakenkreuzen und antifaschistischen Parolen heute noch sichtbar“, führt er weiter aus.  Symbole wie das Hakenkreuz, Hammer und Sichel oder das umkreiste „A“ der Anarchisten seien auch dem Durchschnittsbürger bekannt, für den „Wattemantel“ gelte das bei Weitem noch nicht. Den kenne man jedoch bereits in den Milieus der Subkultur, sagt Leontjew und fügt hinzu: „Vielleicht etabliert sich auch der Wattemantel einmal als allgemein bekanntes Symbol in unserer Kultur.“

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