Experimente am Klassik-Regal

Keira Knightly spielte Anna Karenina in der Verfilmung von Tolstois Roman und zierte später auch das Buch-Cover. Foto: Kinopoisk

Keira Knightly spielte Anna Karenina in der Verfilmung von Tolstois Roman und zierte später auch das Buch-Cover. Foto: Kinopoisk

Verlagshäuser suchen nach neuen Wegen, um klassische Literatur an den Mann zu bringen und experimentieren mit Hollywood-Motiven und Mangas.

Angesichts der Krise, die momentan auf dem russischen Buchmarkt herrscht, ist die Herausgabe von klassischer Literatur keine leichte Angelegenheit mehr. Der Großteil dieser Werke ist bereits kostenlos online im E-Book-Format verfügbar. Daher lag der Schluss nahe, dass die Verlage im Kampf um ihre Leserschaft auf Qualität setzen würden – durch ein ansprechendes Design, ein praktisches Format oder die Steigerung des Mehrwerts von Büchern. Doch überraschenderweise ist gerade der Bereich der klassischen Literatur die wohl konservativste Sparte des russischen Buchmarkts, denn selbst stark absatzorientierte Verlagshäuser sehen die russische Klassik als etwas „Heiliges" an, mit dem man nicht experimentiert.

Russische Klassik wird heute von den drei größten Verlagshäusern des Landes herausgegeben: AST, Eksmo und Asbuka. Der Asbuka-Verlag nimmt dabei auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle ein, denn eben dieser begann damit, klassische Werke in einem Softcover-Einband zu veröffentlichen und machte diese dadurch günstiger und erschwinglicher für die Bevölkerung. Die beiden anderen Verlage bleiben nach wie vor eher im gehobenen Preissegment. Doch abgesehen von den Unterschieden in der Redaktionspolitik verfolgen alle drei Verlage im Design der Bücher dieselbe Strategie: Klassik wird mit Klassik illustriert. So finden sich auf den Buchcovern meist Portraits von den Schriftstellern oder Kunstwerke, die zur gleichen Zeit wie das Buch entstanden sind und zum Inhalt und zur emotionalen Färbung des Werks passen.


DiCaprio auf dem Ladentisch

 Die Verkaufszahlen beweisen jedoch, dass dieses Konzept funktioniert. Nach Angaben der Verlags-Serviceseite ProBooks.ru schafften es nämlich gleich vier verschiedene Ausgaben von Francis Scott Fitzgeralds Werk „Der große Gatsby" im vergangenen Jahr unter die Top 50 der meistverkauften Bücher. Ungeachtet der Tatsache, dass kurz vor der Erstellung dieses Rankings die Verfilmung des Romans mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle in die russischen Kinos kam,

erfreute sich die traditionelle Ausgabe des Asbuka-Verlages größter Beliebtheit unter den Lesern (Platz 19). Das Cover dieser Ausgabe zierte dabei William Orpens Meisterwerk „Café Royal" aus dem Jahre 1912. Nur vier Plätze dahinter, auf Platz 23, befand sich die Ausgabe des Eksmo-Verlages, der eine Aufnahme von Jay Gatsby aus der bereits in Vergessenheit geratenen Romanverfilmung von Jack Clayton aus dem Jahr 1974 als Coverbild präsentierte. Die Romanausgabe, die auf eine aktuelle Aufnahme aus der neuen Romanverfilmung setzte, fand sich erst auf dem dritten Platz im Gatsby-Ranking und auf Platz 31 der Top 50 Kassenschlager 2013. Die geringste Aufmerksamkeit zog eine weitere Ausgabe des Asbuka-Verlags auf sich, die in einem Hardcover-Einband ohne Illustrationen erschien. Sie landete lediglich auf Platz 43 des Rankings.

Eine ähnliche Tendenz ließ sich bei Lew Tolstois „Anna Karenina" beobachten: Nachdem 2012 die Verfilmung des Romans in die Kinos kam, gab der Asbuka-Verlag in seiner Spezialreihe „Smotrim film – tschitaem knigu!" (zu Deutsch „Wir schauen den Film – wir lesen das Buch!") eine Ausgabe des Werkes heraus, auf dessen Cover die Schauspielerin Keira Knightley abgebildet war. Innerhalb eines Jahres wurden jedoch nur 7.000 Exemplare dieses Buches gegenüber den 45.000 mit traditionellem Cover verkauft.

Die Präsentation von Filmszenen auf den Covern russischer Klassiker ist eines der wenigen Wagnisse, das die Verleger klassischer Literatur bereit sind einzugehen. „Die Buchläden präsentieren sie prominent, und der bereits durch Werbung sensibilisierte Kunde greift dann auch genau zu diesen", so erklärt Jekaterina Alekseewa, Leiterin der Abteilung Klassische Literatur und Poesie des Eksmo-Verlags, diese Strategie. Doch Filme können den Bücherverkauf nur kurzzeitig ankurbeln, während die Verlagshäuser konstante Absatzzahlen sehen wollen.

 

Puschkin im Manga-Format

 Zudem geben auch Leser in Russland an, dass sie „von den Kinosujets nicht ganz überzeugt" seien, vor allem dann, wenn sie das Buch später in ihre Heimbibliothek aufnehmen. Diese schon fast misstrauische Haltung

verstärkt sich zusätzlich, wenn es um Werke geht, die in der Schule Pflichtliteratur waren.

Den wohl mutigsten Schritt im Buchdesign von Klassikern für Kinder und Jugendliche wagte der Eksmo-Verlag. Dieser gab klassische Werke wie Shakespeares „Romeo und Julia", Puschkins „Die Hauptmannstochter" oder Grins „Das Purpursegel" in Einbänden heraus, die nach dem Vorbild von japanischen Mangas gestaltet waren. „Uns war von Anfang an klar, dass unser Zielpublikum klein war", erzählt Tatjana Suworowa, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendliteratur. „Wir zielten dabei aber auch nicht auf Eltern oder Großeltern, denn diese Ausgabe hätte sie wohl kaum angesprochen. Wir wollten die Aufmerksamkeit von Jugendlichen auf diese Ausgabe lenken und ihnen durch dieses Buchdesign die Aktualität von klassischer Literatur vermitteln." Laut Suworowa hat diese Auflagedie gleichen Verkaufszahlen erzielt wie jene Reihe mit gewöhnlichem Design, was als Erfolg angesehen werden kann, da das Zielpublikum dieser Auflage von Beginn an kleiner war und weniger Kaufkraft hatte.

Das Buchcover von Puschkins "Die Hauptmannstochter". Foto: Pressebild

Doch ungeachtet des Leserfeedbacks, das zeigte, dass Jugendliche gern auch Bücher kaufen, deren Cover mit einem Kinosujet oder im Manga-Stil gestaltet sind, entschieden sich die Verlagshäuser, diese Serien auf fünf Werke zu beschränken und sie nicht mehr weiterzuführen. Sie setzen weiterhin lieber auf das erwachsene Zielpublikum, dessen Geschmack äußerst konservativ ist. Im gleichen Atemzug sprechen aber alle davon, dass neue Wege in der Herausgabe von russischen Klassikern gesucht und beschritten werden müssen. Die Verlage sind jedoch bis heute nicht bereit, das Risiko einzugehen, jene Leser zu verlieren, die stetig ihre Heimbibliotheken mit weiteren Klassikern aus Buchserien bereichern.

Die Autorin Tatjana Trofimowa ist Philologin und Redakteurin bei dem russischen Verlag Corpus.

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