Tarkowskijs neuer Spiegel

Nur die wenigsten wissen, dass in einigen Filmen von Andrej Tarkowskij die Gedichte seines Vaters eine wichtige Rolle spielen. Foto: Pressebild

Nur die wenigsten wissen, dass in einigen Filmen von Andrej Tarkowskij die Gedichte seines Vaters eine wichtige Rolle spielen. Foto: Pressebild

Wenn in Deutschland der Name Tarkowskij fällt, denken die meisten an den sowjetischen Filmemacher, Andrej Tarkowskij. Doch schon sein Vater, Arsenij Tarkowskij, war ein großer Künstler und bedeutender Lyriker. Die Literatur-Übersetzerin Martina Jakobson würdigt sein Werk mit einer neuen deutschen Übersetzung.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Lyrik interessieren?

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich bin einfach schon mit Lyrik aufgewachsen. Ich habe ja einen deutschen Vater und eine russische Mutter, bin in der DDR geboren und habe zwischenzeitlich in Moskau gelebt. Die russische Lyrik hat mir meine Mutter von Kindheit an nahegebracht. Sie zitierte Gedichte von Puschkin und Lermontow. Und als 1980 der erste deutsch-russische Zwetajewa-Band im Verlag Volk und Welt erschien, haben meine Eltern ihn mir sofort besorgt. Und das war früher gar nicht so einfach.

Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht Literatur zu übersetzen?

Ich kann mich noch gut erinnern. Ich hielt die zweisprachigen Ausgaben von Boris Pasternak und Anna Achmatowa in der Hand. Als ich die Übersetzungen miteinander verglich, hatte ich manchmal andere Worte im Sinn. Ich wollte schon immer Literaturübersetzerin werden, aber in der DDR gab es kein einschlägiges Studium. „Diesen Beruf gibt es bei uns leider nicht, Martina", sagte mir meine Slawistik-Professorin an der Humboldt-Universität, die zahlreiche dieser Lyrik-Bände bei Volk und Welt herausgegeben hatte. Ich solle Literaturwissenschaftlerin werden und erst dann nebenbei Übersetzungen machen dürfen. Von freiberuflicher Tätigkeit konnte sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion kaum die Rede sein, das fand ich schade. Arsenij Tarkowskij selbst hat, weil er als Dichter das eigene Werk nicht veröffentlichen durfte, lange Zeit nur von Nachdichtungen gelebt.

Der jetzige Auswahlband „Reglose Hirsche" mit Gedichten von Arsenij Tarkowskij ist ebenfalls zweisprachig erschienen. Bilinguale Ausgaben scheinen in Deutschland sehr populär zu sein. Warum lohnt es sich, für einen deutschen Leser, auch die Originalfassung vor Augen zu haben?

Die Tradition des Vergleichs stammt meines Erachtens aus DDR-Zeiten. Damals konnten viele Leute noch ganz gut Russisch. Und man kann davon ausgehen, dass bei einer Übersetzung immer etwas verloren geht. Daher macht es Sinn, auch das Original zu kennen. Das stellt hohe Ansprüche an den Übersetzer, denn seine Arbeit kann nun mit dem Original kritisch verglichen werden. Dennoch habe ich mich bewusst nur an Verlage gewandt, die zweisprachige Ausgaben anbieten, wie an die Edition Rugerup.

 

Die Literatur-Übersetzerin Martina Jakobson. Foto: Pressebild

Warum haben Sie ausgerechnet Tarkowskij gewählt?

Er ist einer der wichtigsten Dichter der 1970er Jahre, dessen lyrische Leistung nicht ausreichend gewürdigt ist. In Deutschland kennt man die Filme seines Sohnes, des Regisseurs Andrej Tarkowskij, sehr gut, daran kann man anknüpfen. Aber die wenigsten wissen, dass in einigen seiner Filme die Gedichte seines Vaters eine wichtige Rolle spielen. Der Vater rezitiert sie sogar teilweise selbst, wie in „Der Spiegel".

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Gedichten des Vaters und den Filmen des Sohnes?

Ein gutes Beispiel ist Arsenji Tarkowskijs Gedicht „Weißer Tag". Darin wird die als subjektiv ewig empfundene Zeit der Kindheit thematisiert. Dieses Gedicht hat den Sohn zu seinem Film „Der Spiegel" inspiriert. Das Drehbuch hieß ursprünglich „Weißer Tag". In meinen Lesungen erwähne ich das immer.

Arsenij Tarkowski, "Reglose Hirsche".

Herausgegeben und übersetzt von

Martina Jakobson, Edition Rugerup 2013.

Wie „verkauft" man dem deutschen Leser Arsenij Tarkowskij?

Er ist genauso wichtig für die russische Literatur wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. In Deutschland gibt es immer noch die Tradition der Literaturveranstaltung. Ich versuche dem Publikum, Tarkowskij auf vielen Lesungen möglichst lebendig nahe zu bringen. Es gibt immer wieder Tarkowskij-Retrospektiven, etwa in Berlin, oder ich habe 2012 ein vierwöchiges Andrej Tarkowskij-Festival in Basel initiiert und geleitet, wo es auch eine ausgewählte Veranstaltung zur Verbindung von Film und Poesie gab.

Wie bietet man einen russischen Dichter einem deutschen Verlag an?

Es ist generell schwierig, Lyrik zu veröffentlichen. Es ist ein Unterschied, ob man einem Verlag eine einzelne Ausgabe mit ausgewählten Gedichten anbietet oder eine Anthologie. Davon erscheinen hier immer wieder vereinzelte. Einen eher unbekannten Dichter zu veröffentlichen, ist schwieriger. Da hat es sich ausgezahlt, dass ich zu einem bestimmten Verlag Kontakte pflegte.

Tarkowskij wurde schon einmal in den 90er Jahren in Ost-Deutschland übersetzt. Was haben Sie anders gemacht?

Jede Übersetzung ist ein Spiegelbild der Zeit, in der sie entstanden ist. Aber mir war es viel wichtiger, das Werk von Arsenij Tarkowskij neu zu ordnen

und einen anderen Schwerpunkt bei der Gedichtauswahl zu setzen. Ich habe im Tarkowskij-Archiv der Tochter, Marina Tarkowskaja, in Moskau nach unveröffentlichten Gedichten gesucht, und wir sind so auf Gedichte aus der Jugendzeit oder ein unbekanntes Gedicht gestoßen, das Marina Zwetajewa gewidmet ist.

In einer Rezension zu Ihrem Buch „Reglose Hirsche" heißt es, dass Sie den „abgeschlackten" Tonfall in Ihrer Übersetzung treffen. Was ist für Sie wichtiger: der Reim oder der Inhalt des Werkes?

Ich versuche beides zu berücksichtigen. Die Gewichtung liegt bei jedem Dichter anders. Tarkowskijs Poesie ist von hohem philosophischem Gehalt. Das verlangt inhaltliche Arbeit beim Übersetzungsprozeß. Aber ich bin auch kein Vertreter von Übersetzungen, die dank eines eingehaltenen reinen Reimes glatt und perfekt klingen und bevorzuge auch mal freie Rhythmen und Assonanzen, die zum Teil viel schwieriger herzustellen sind. In dem Fall, denke ich, hat der Leser mehr Möglichkeiten, aktiv mitzuwirken. Deshalb habe ich manchmal unter Berücksichtigung des Klangs, dennoch bestimmte Brüche und luftige Stellen stehen gelassen. So entsteht beim Lesen eine winzige Verzögerung. Durch diese luftigen Stellen hat der Leser Zeit, sein eigenes Bild zu entwickeln. Bei der Übersetzung eines nächsten Lyrikers kann sich das in meiner Übersetzung auch anders gestalten.

Das Gespräch führte Julia Shevelkina

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