„Tellurija“: Alexandrinski-Theater provoziert mit Wladimir Sorokin

Am Petersburger Alexandrinski-Theater wird ein provokatives Bühnenstück von Wladimir Sorokin inszeniert. Foto: Alexej Danitschew/RIA Novosti

Am Petersburger Alexandrinski-Theater wird ein provokatives Bühnenstück von Wladimir Sorokin inszeniert. Foto: Alexej Danitschew/RIA Novosti

Das Sankt Petersburger Alexandrinski-Theater zeigt das Stück „Tellurija“ nach dem gleichnamigen Roman von Wladimir Sorokin. Die Regie führt der rebellische Regisseur Marat Gazalow. Ein denkwürdiges Zusammenspiel – ein skandalöser Schriftsteller, ein rebellischer Regisseur und vielleicht der Beginn einer neuen Ära des Petersburger Theaters.

Auf dem aktuellen Programm des Alexandrinski-Theaters in Sankt Petersburg steht das Stück „Tellurija" nach dem gleichnamigen Roman von Wladimir Sorokin. Die Regie führt der rebellische Regisseur Marat Gazalow, der erst vor Kurzem zum neuen Intendanten des Theaters ernannt worden ist.

Wladimir Sorokins Dystopie „Tellurija" aus dem Jahr 2013 provoziert bis zum Äußersten. In der Erzählsammlung zerfällt Russland in kleine Fürstentümer. Sie ist ein Versuch, das Mittelalter als eine Epoche neu zu schreiben, in der keine Menschen, sondern eher Fabelwesen existieren. Unter den Figuren sind Kynokephalen, Kentauren, Liliputaner und Giganten, Orthodoxe und Kreuzritter – sie alle suchen nach Glück, jedoch nicht in Form des Heiligen Grals, wie es die mittelalterliche Mythologie erzählt, sondern in Form eines magischen Metalls, dessen Lagerstätten sich in dem neuen Staat Tellurija befinden.

Der 1970 geborene Marat Gazalow gehört einer Generation von Regisseuren an, die erstmals die zeitgenössische russische Dramaturgie aufgriffen und nach und nach von dem alten und abgegriffenen Repertoire abließen. Gazalow brachte bereits Stücke zeitgenössischer Dramaturgen, wie der Brüder Presnjakow, Michail Durnenkows oder Irina Wilkowa, auf die Bühne. Im Moskauer Stanislawski-Musiktheater inszenierte er zudem Durnenkows Stück „Ich glaube nicht" nach der Vorlage von Stanislawskis Autobiografie „Mein Leben in der Kunst". Dieses handelt von den Anfängen des russischen psychologischen Theaters. Zu seinen handelnden Figuren zählen Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko. Der Regisseur zeichnet sie wohlwollend, aber ohne jede Pietät, die das psychologische russische Theater gegenüber seinen Begründern üblicherweise walten lässt.

Im Jahr 2013 wurde Gazalow für das im Nowosibirsker Globus-Theater inszenierte Stück „August: Osage County" mit dem renommierten Theaterpreis „Goldene Maske" ausgezeichnet. Kurz darauf ernannte man ihn zum Intendanten des altehrwürdigen Alexandrinski-Theaters. Dort eröffnet er nun die neue Saison mit dem Stück „Tellurija" nach Vorlage des Sorokin-Romans.

 

Enfant terrible der neueren russischen Literatur

Wladimir Sorokin ist ein von Skandalen umwobener Autor. Sein Werk konfrontiert die Leser mit extremem Stoff. Der schrillste Postmodernist der russischen Literatur beschrieb bereits in den 1980er-Jahren in seinen Romanen und Erzählungen mit einiger Ausdauer Koprophagie, das Essen von Kot. Er machte das so farbenfroh und fantasievoll, dass ihm seine aufgeschlossenen Kritiker weiterhin gewogen blieben. In Russland gibt es jedoch nicht nur experimentierfreudige, sondern vor allem konservative Leser. Als Sorokin schließlich genug von der Koprophagie als künstlerisches Sujet hatte, wechselte er das Thema und verlegte sich auf Dystopien mit düsteren Bildern von kurz bevorstehenden apokalyptischen Zeiten in Russland – für die breite Masse konservativer Leser eine noch größere Provokation.

Besonders die kremltreue Jugendorganisation „Iduschtschije Wmeste" (zu Deutsch - "die Zusammengehenden") unternahm eine regelrechte Hetzjagd

auf den Schriftsteller. Sie griffen Sorokins Werk wiederholt öffentlich an, einfallsreich und mit großem Elan. Im Jahr 2002 organisierten sie eine Kundgebung, der sich immerhin 300 Personen anschlossen. Auf ihren Plakaten waren aus ihrer Sicht pornografische Sorokin-Zitate zu lesen. Besonders empörten sich die jungen Konservativen über das Bolschoi-Theater, dem wichtigsten Bühnenhaus und der Kulturtempel Russlands. Dieses hatte Sorokin mit dem Verfassen eines Librettos für „Rosenthals Kinder" beauftragt. „Iduschtschije Wmeste" betrachtete dies als Frevel und reichte zugleich eine Klage gegen den Autor ein.

Gleichzeitig wurde ein Expertengutachten in Auftrag gegeben mit dem Ergebnis, dass Sorokins Roman „Der himmelblaue Speck" (1999/2000) tatsächlich pornografische Episoden enthält. Die Staatsanwaltschaft musste ein Verfahren aufnehmen. Die Sache verlief zwar im Sande, die Verkaufszahlen von Sorokins Büchern schossen dank dieser lautstarken Anti-Werbung jedoch in die Höhe. Es gab auch weitere Aktionen von „Iduschtschije Wmeste", etwa eine Bücherverbrennung im Jahr 2002 vor der Organisationszentrale in einem großen Klosett. Wirklich schaden konnten die radikalen Kritiker Sorokin jedoch nicht, die Verkaufszahlen seiner Bücher stiegen weiter.

 

Ein Ensemble großer Komponisten und Penner

Im Jahr 2005 brachte das Bolschoi-Theater die Oper „Rosenthals Kinder" nach einem Libretto von Sorokin und unter musikalischer Leitung von Leonid Desjatnikow auf die Bühne. Die Handlung der Oper entfaltet sich um den deutschen Arzt Rosenthal, der die berühmten Komponisten Wagner, Verdi, Tschaikowski, Mussorgsky und Mozart klont. Als in Deutschland die Nazis

an die Macht kommen, emigriert der Arzt mit seinen Klonen in die Sowjetunion. Dort überleben sie bis in unsere Zeit, vollkommen unbeachtet von der Öffentlichkeit. Ganz unten in der Gesellschaft angekommen, fristen sie ein Dasein als vagabundierende Musiker. Am Ende betrinken sie sich mit gepanschtem Wodka und sterben daran – außer Mozart, der gegen Gifte immun ist.

Den selbstverständlich folgenden Protesten der Jugendorganisation schlossen sich auch einige empörte Parlamentarier an. Eine Gruppe von Duma-Abgeordneten besuchte die Generalprobe von „Rosenthals Kinder" und bezichtigte danach die Aufführung vor laufenden Kameras der Geistlosigkeit, konnte ihre Kritik aber nicht konkretisieren. Als Folge waren die Karten für die Oper schon Monate vor den Spielterminen ausverkauft.

In den vergangenen Jahren bieten Moskauer Theater immer wieder Anlass zu Skandalen aufgrund gewagter Aufführungen, die Proteste wirken jedoch zunehmend blutleer. Über die Jahre haben sich das rebellische Theater und die konservativen Schichten der Gesellschaft miteinander arrangiert. Es scheint, als werde nun Sankt Petersburg, die zweitgrößte Stadt und das kulturelle Zentrum Russlands, auf die Probe gestellt.

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