Frankfurter Buchmesse: Putin, der große Dichter?

Der Finnland-Saal war ganz aus weißem Plastik, wie in Eis gemeißelt. Am zentralen Stand in Form eines Kreises waren Bücherregale angeordnet, in denen man alte und neue Mumin-Ausgaben fand. Foto: Julia Shevelkina

Der Finnland-Saal war ganz aus weißem Plastik, wie in Eis gemeißelt. Am zentralen Stand in Form eines Kreises waren Bücherregale angeordnet, in denen man alte und neue Mumin-Ausgaben fand. Foto: Julia Shevelkina

Zum 66. Mal lud Frankfurt am Main die internationale Buchwelt auf das Messegelände ein. Ehrengast Finnland präsentierte sich kühl-modern, Russland versuchte es mit Herz und Seele. Politik spielte überall eine Rolle.

Nach einem langen Eröffnungstag auf der Frankfurter Buchmesse beschlossen wir, mit dem Taxi ins Hotel zurückzufahren. Der Fahrer erkannte an unseren Fachbesuchertickets, dass seine Kunden von der Messe kamen, und fragte: „Sie haben wahrscheinlich Ahnung von Literatur. Was liest man denn heute so?“

Einer der angesehenen deutschen Literaturpreise sei an die Schriftstellerin Katja Petrowskaja gegangen, lautete unsere Antwort. Wovon das Buch handle? Von der Tragödie einer jüdischen Familie aus Kiew während des Zweiten Weltkriegs. Von der Urgroßmutter der Autorin – „Vielleicht Esther“, von Babyn Jar. Und ein weiterer deutscher Schriftsteller, Olaf Ihlau, schreibe in seinem Roman darüber, wie seine Familie nach dem Krieg aus Ostpreußen, dem heutigen Kaliningrad, flüchtete.

„Schon wieder Krieg?“, unterbrach der Taxifahrer und kam an einer roten Ampel zum Stehen.

Themenwechsel. „Helmut Kohl war heute auf der Messe!“, erinnerten wir uns auf der Rückbank. Jemand soll den Altkanzler sogar gesehen haben, wie er aus seinem Auto stieg. Seine neuen Memoiren über den Fall der Berliner Mauer hatten gerade in der Presse für Aufsehen gesorgt. Und da erschien er persönlich, schon alt und schwach, um sein Buch am Verlagsstand vorzustellen. 

„Wen interessiert das bitte?“, entgegnete der Taxifahrer. „Wenn es Dieter Bohlen wäre – meinetwegen. Seine Erinnerungen würde ich lesen.“ Die Rückbank war sich einig: „Wir auch.“

 

Finnische Kälte mit Hightech

Eine Buchmesse gibt es in Frankfurt am Main bereits seit etwa 500 Jahren. Ihre Geschichte ist mit dem Namen Johannes Gutenberg verknüpft, der in Mainz, nicht weit von Frankfurt entfernt, den modernen Buchdruck erfand.

Allmählich entwickelte sich die Messe zu einem Ort, an dem nicht mehr mit Handschriften, sondern mit gedruckten Büchern gehandelt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Frankfurter Buchmesse. Sie wurde erstmals 1949 ausgerichtet. Sie fand in einer kleinen Kirche im Herzen von Frankfurt statt. „Im Kirchenraum kamen damals etwa hundert deutsche Verlage zusammen, nach ein paar Jahren aber wurde es ihnen dort zu eng, und die Messe zog ins Rathaus um“, erzählte Tobias Voss, Leiter des Bereichs Internationale Märkte der Frankfurter Messe. Wenig später zog die Messe ein zweites Mal um und etablierte sich im neu gebauten Messezentrum.  

Dieses Jahr fand die Messe in Frankfurt am Main zum 66. Mal statt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand das Gastland Finnland, das sich in einem eigenen Pavillon präsentierte.

Der Finnland-Saal war ganz aus weißem Plastik, wie in Eis gemeißelt. Am zentralen Stand in Form eines Kreises waren Bücherregale angeordnet, in denen man alte und neue Mumin-Ausgaben in deutscher, englischer oder finnischer Sprache und historische Bücher über die finnländisch-sowjetischen Beziehungen fand. Sofas luden zu einer kleinen Pause ein. 

In einem eigenen Raum hatten finnische Kinderbuch-Illustratoren Märchenhütten in Menschengröße gestaltet, von der Decke hingen Plüsch-Spinnen. Foto: Julia Shevelkina

In der Saalmitte war mit einem weißen Bettlaken eine „Zone freier Poesie“ gekennzeichnet. Wer wollte, setzte sich Kopfhörer auf, klebte an Kopf und Hände spezielle Sensoren und wartete, bis das System die Stimmung erkannte und automatisch ein Gedicht schrieb. In Sekundenschnelle warf ein Filmprojektor das Ergebnis an die Wand.

In einem eigenen Raum hatten finnische Kinderbuch-Illustratoren Märchenhütten in Menschengröße gestaltet, von der Decke hingen Plüsch-Spinnen.

Auch die berühmte finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen war nach Frankfurt gekommen. Sie debütierte 2003 mit dem Roman „Stalins Kühe“, der die Geschichte der estnisch-finnischen Beziehungen in den 1960er- bis 1970er-Jahren behandelt. Ihr letzter Roman ist der deutschen und sowjetischen Besatzung Estlands während des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Russland verstehe es, „seine Vergangenheit zu interpretieren und sie für seine Ziele zu nutzen“, begründete Oksanen ihr Interesse an diesen historischen Themen. Die Schriftstellerin widmete diesen auch ihre Rede zur Eröffnung des finnischen Pavillons.

 

Die russische Seele in Halle fünf

Aktuelle Themen wurden im Zentrum für Literatur, Politik und Übersetzung diskutiert, das Tobias Voss organisierte. Mindestens drei Gäste diskutieren unter Leitung eines Moderators ein Thema, erklärte Voss. Über Russland und die Ukraine sprachen die Finnin Oksanen, der Schriftsteller Michail Schischkin und der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland Josef Haslinger.

Das gleiche Thema diskutierten am russischen Stand Sachar Prilepin und Dmitri Gluchowski. Einige Zuhörer gerieten in Rage und lieferten sich lautstarke Wortgefechte, am Ende der Diskussion aber ließen sie sich vom Podium und ihren Nachbarn beruhigen.

Als Give-aways verteilte die RBTH-Redaktion Postkarten mit Motiven von Puschkin, Tolstoi und Achmatowa. Foto: Julia Shevelkina

Russland brachte die Sieger des Buchpreises „Bolschaja Kniga“ und Verlage aus seinen Regionen mit. An seinen Stand in Halle 5.0 waren deutsche Autoren eingeladen, die für zweisprachige Kinder schreiben. Auch die Russische Geisteswissenschaftliche Stiftung fand hier ein Forum. Sie war mit Wörterbüchern der russischen Sprache des elften Jahrhunderts angereist. Auf die Frage aus dem Saal, wer so was brauche, antwortete der Leiter der internationalen Projekte der Stiftung Wladimir Sacharow: „Wörterbücher zu lesen ist nicht weniger spannend, als einen Krimi zu lesen.“

Mit Unterstützung durch das Institut für Übersetzung präsentierte sich auch das internationale Projekt Russia Beyond The Headlines des Verlags Rossijskaja Gaseta. Die deutschsprachige Redaktion stellte die offizielle Webseite des zurzeit laufenden deutsch-russischen Kulturjahres der russischen Sprache und Literatur in Deutschland vor. Als Give-aways verteilte die Redaktion Postkarten mit Motiven von Puschkin, Tolstoi und Achmatowa. Ein deutscher Besucher am Stand betrachtete die Karten und fragte: „Warum ist Putin hier nicht mit drauf?“ Woraufhin ein anderer antwortete: „Halten Sie ihn für einen großen Dichter?“

 

Mehr über die Frankfurter Buchmesse erfahren Sie auf russjahr.de.

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