Dichter Lermontow: Der Mensch hinter dem Genie

Foto: FineArt images

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Literaturliebhaber kennen Michail Lermontows Gedichte und Romane, aber nur wenigen ist bekannt, dass er im wahren Leben ein ziemlich unattraktiver Mann mit einem schrecklichen Charakter war und einen Ruf als Unruhestifter hatte. Zum 200. Geburtstag Lermontows veröffentlicht RBTH fünf weniger bekannte Tatsachen über den russischen Dichter.

1. Lermontow entstammte altem westeuropäischen Adel

Ähnlich wie Alexander Puschkin, der sich häufig darüber beklagte, dass seine Vorfahren „schäbig" waren, war Lermontow aufgrund der geringen Anerkennung, den sein Name in Adelskreisen besaß, äußerst frustriert. Der junge Dichter, geboren am 15. Oktober 1814 in Moskau, wurde von den reicheren und elitären Adelskreisen in Moskau und Sankt Petersburg mit Geringschätzung behandelt und suchte deshalb wenigstens nach einem Hauch von nobler Größe in seiner eigenen Familiengeschichte.

Sein Vater, Juri Lermontow, wusste nicht viel über die Herkunft der Familie, aber eine Legende, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, besagte, dass sie vom alten spanischen Herzogsgeschlecht von Lerma abstammten. Diese Legende begeisterte Michail, der Spanien als Kulisse für eine frühe Version seines Gedichtes „Der Dämon" auswählte. Aber 1830 erfuhr Lermontow, dass der Namensgeber seines Geschlechts ein Mitglied des schottischen Learmonth-Clans war, der im 17. Jahrhundert im russischen Militär gedient hatte. Lermontow war umso begeisterter, da er sich jetzt vorstellen konnte, mit dem legendären schottischen Gutsherrn und Dichter Thomas Learmonth, bekannt als Thomas der Reimer, verwandt zu sein. Und tatsächlich begannen von diesem Moment an, die Bilder des schottischen Hochlands und der alten Minnesänger seine Dichtung zu beherrschen.

 

2. Lermontow war ein notorischer Unruhestifter

Michail Lermontow wuchs bei seiner Großmutter als Einzelkind auf. Das wirkte sich negativ auf seinen Charakter aus und vertrug sich nicht sehr gut mit seiner scharfen Zunge und seinem hohen Bildungsniveau. Nach einem Streit mit einem Professor wurde er sogar der Moskauer Universität verwiesen.

Es wird erzählt, er hätte während seiner Philologie-Prüfung verkündet, dass er mehr wisse als der Professor selbst. Später, in der Kavallerieschule in Sankt Petersburg, musste er zur Belustigung der Anderen in der Wachstube die Reinigungsstäbe der Gewehre biegen und zu Knoten binden. Ein anderes Mal wurde Lermontow das Opfer seines eigenen Hochmuts: Er versuchte, ein junges Pferd einzureiten, um mit seinen Reitfertigkeiten vor den anderen Kadetten anzugeben, aber das Pferd warf ihn ab und er brach sich ein Bein. Nach diesem Unfall hinkte der Dichter für den Rest seines Lebens. Die abwertenden Witze, die Lermontow sogar über seine besten Freunde riss, seine boshaften Karikaturen und witzigen Sinngedichte brachten ihm den Ruf einer gehässigen und höhnischen Person ein.

 

3. Lermontow war auch ein frivoler Dichter

Obwohl er Philologie an der Moskauer Universität studiert hatte, entschied Lermontow sich für den Militärdienst und schrieb sich in Sankt Petersburg in der Nicolai-Kavallerieschule, einer geschlossenen Lehranstalt, die Reiter für die Ehrengarde des Zaren ausbildete, ein. In dieser Schule war es den Kadetten nicht erlaubt, Romane zu lesen, und so gründeten sie heimlich eine handgeschriebene Zeitschrift, in der jeder seine Erzählungen oder Gedichte veröffentlichen konnte. Die Inhalte der Zeitschrift waren mitunter recht frivol, viele Kadetten – und Lermontow bildete da keine Ausnahme – schrieben erotische und anstößige Gedichte.

Lermontow konnte so sein poetisches Talent weiterentwickeln und schrieb in dieser Zeit ausgezeichnete Verse, frei von Zensur. Diese verbreiteten sich über die Grenzen der Schule hinaus und waren bald in ganz Sankt Petersburg bekannt. Später, als der Dichter anfing, ernste Gedichte zu veröffentlichen, nahmen die Bewohner der Stadt diese voller Verachtung auf, da sie sich an die frivole Natur seiner Schuldichtung erinnerten.

 

4. Lermontow war unattraktiv

Viele Zeitgenossen Lermontows merkten an, dass er nicht gerade gut aussah. Er war als Kind schwächlich und litt unter Lymphknotenentzündung, sodass er als junger Mann entzündete Augen hatte. Lermontow war von nicht allzu großem Wuchs, er hatte einen großen Kopf, eine Stupsnase, hinkte und litt zudem unter Kyphose, einer Form der Rückgratverkrümmung, die häufig von seinen Mitkadetten erwähnt wurde.

Aufgrund dieser Eigenschaften wurde er häufig von seinen Freunden und den jungen Damen, die er zu beeindrucken versuchte, verspottet. Lermontow verschlimmerte die Situation durch sein hochmütiges Verhalten und seine Unordnung nur noch mehr – manchmal mussten seine Freunde sein Hemd zerreißen, damit er sich ein frisches anzog. Als Lermontow älter wurde, lernte er jedoch, wie er die Herzen der Frauen durch seine Fantasie, seine hervorragende Belesenheit und seine Eloquenz erobern konnte. Sein Ruf als Poet und die Gerüchte über Lermontows Mut auf dem Schlachtfeld stellten ihn schlussendlich als Romantiker dar, und so wurde er zu einem Frauenheld, der viele Herzen brach.

 

5. Lermontow wurde von seiner Großmutter erzogen

Die Eltern Lermontows führten ein unglückliches Familienleben: Sein Vater Juri war untreu und schlug angeblich seine Frau Maria während einer ihrer vielen Streits so stark, dass sie daran starb. Die Mutter Marias, Elisabeth Arsenjewa, eine geborene Stolypina und sehr wohlhabende und einflussreiche Frau, brach alle Verbindungen zu Juri ab und entschied sich dafür, ihren Enkel selbst zu erziehen. Sie stellte sicher, dass die beiden nur eingeschränkt Kontakt hatten und drohte dem jungen Lermontow damit, ihn zu enterben, sollte er zu seinem Vater ziehen. Lermontow beschloss, bei Arsenjewa zu bleiben. Doch gleichwohl er seinen Vater nie richtig kennengelernt hatte, fiel er in eine tiefe Depression, als dieser 1831 völlig verarmt starb.

Trotz dieser Spannungen liebte Lermontow seine Großmutter, die ihn finanziell unterstützte und ihn sein Leben lang stets in Schutz nahm, auch wenn sie dazu ihre guten Verbindungen zum Reichsgericht strapazieren musste. Und so war es eine Ironie des Schicksals, dass seine Großmutter indirekt Schuld an Lermontows Tod trug. Während seines letzten Aufenthalts in Sankt Petersburg im Winter 1841 versuchte Lermontow, ausgemustert zu werden, um sich ganz der Literatur zu widmen, doch seine Großmutter bestand darauf, dass er zu seinem Regiment im Kaukasus zurückkehrte. Auf seinem Weg dorthin hielt er sich in Pjatigorsk auf, wo er bei einem Duell am 27. Juli 1841 ums Leben kam. Elisabeth Arsenjewa überlebte Tochter und Enkel und starb vier Jahre nach Lermontow im Alter von 72 Jahren.

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