Tagebuch eines Gulag-Wächters: auf der anderen Seite des Stacheldrahts

Ein Sowjetbürger beobachtet das Lagerleben und hält es akribisch fest. Auf Seiten der Wachsleute wird er zum eigentlichen Gefangenen.

„Sibierien, Sibierien". Aus dem

Russischen von Regine Kühn. Matthes

und Seitz Verlag,Berlin 2014.

Ende 1935 wurde Iwan Tschistjakow als Zugführer der Wachmannschaft eines Gulags an die Baustelle der Baikal-Amur-Magistrale geschickt. Er verbrachte in Russlands Fernem Osten etwas mehr als ein Jahr und hielt akribisch jeden Tag seines Lagerlebens fest. Sein Tagebuch „Sibirien, Sibirien" ist ein einmaliges Dokument über die Lage in der Sowjetunion von der anderen Seite des Stacheldrahts.

Die Tage im Lager sind vor allem durch ihre Leere geprägt: Abgestumpftheit, Müßiggang, schreckliche Kälte. Es mangelt an Gesprächspartnern, Kultur, an Anlässen zu tiefgehenden Gedanken. Der Alltag besteht aus Bauarbeiten, Schienen, Schwellen, Gräben, der Monotonie der Durchsuchungen, Denunziationen, Fluchtversuchen, Morden. Aus endlosen Intrigen zwischen den verschiedenen Hierarchieebenen der Lagerführung und Träumen von einem besseren Leben in Moskau, aus Fluchtplänen, Selbstmordgedanken. Dazu gehört auch die unglaubliche Landschaft des Nordens mit ihren Vulkanen, Gämsen und Eichelhähern, aber vor allem mit ihrer Kälte und dem brutalen Verlust des Zeitgefühls.

Anfangs betrachtet Tschistjakow die Lagerhäftlinge als eine Art Staatseigentum, das es zu bewachen gilt. Später beginnt er, sie zu beneiden. Die Gefangenen werden mit Umerziehungsmaßnahmen gedrillt, arbeiten, um sich die Freilassung zu verdienen, und werden für überdurchschnittlichen Fleiß belohnt. Für die Aufseher jedoch bietet sich keinerlei Anreiz in dem tristen Lagerleben. Eigentlich – so mag man nach dem Lesen dieser Tagebücher glauben – sind sie die wahren Gefangenen des Gulags. Sie sind wehrlos und einsam, und der Einsamste unter ihnen ist der Verfasser.

Anders als die meisten Autoren bedeutender Lageraufzeichnungen ist er kein Gegner der Staatsführung, sondern teilt ihre Politik und Ideologie voll und ganz. Und plötzlich findet er sich von seinem Staat an einen Ort versetzt, an dem die Qualitäten eines gewöhnlichen Menschen nichts zählen.
Als Vertreter der ersten sowjetischen Generation ist es Tschistjakow gewohnt, dass Privates und das Gesellschaftliches eng beieinander liegen. Er führt sein Tagebuch nicht ausschließlich für sich selbst – seine virtuellen

Gesprächspartner sind der Staat und die kommunistische Partei. Und er fährt fort, sein Leben aufzuzeichnen, weil er es ordnungsgemäß gestalten will und – ohne es sich am Ende einzugestehen – dafür Anerkennung erwartet. Doch er bekommt von seinem Staat nicht einmal Stiefel zugeteilt.

Ein Jahr später landet er selbst im Lager, weitere vier Jahre später stirbt er an der Front. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Aufzeichnungen des staatstreuen Wachmanns noch einmal mehr an Kraft. Tschistjakows Tagebuch legt ganz naiv Zeugnis davon ab, was den sowjetischen Menschen in den Jahren 1935/36 vor den späteren stalinschen Repressionen widerfahren ist.

Igor Gulin ist Kolumnist des Ressors Kultur in der Tageszeitung Kommersant.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Kommersant.

 

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