Deutschbalte erobert Sankt Petersburg

Puschkins „Pique Dame” hat Johannes von Guenther zu einer typisch russischen Kriminalgeschichte erklärt, hier abgebildet auf einer Grafik von Alexander Benua. Foto: Wikipedia.org

Puschkins „Pique Dame” hat Johannes von Guenther zu einer typisch russischen Kriminalgeschichte erklärt, hier abgebildet auf einer Grafik von Alexander Benua. Foto: Wikipedia.org

Mit seinen mehr als 30 Prosa- und Lyrikanthologien schrieb der Übersetzer und Literat Johannes von Guenther die Geschichte der russischen Literatur und schenkte Bekanntes und Unbekanntes einem deutschen Publikum.

Der Beruf eines Übersetzers wird oft unterschätzt, und obwohl die Namen der Übersetzer die Leser kaum interessieren, gleichen sie in ihrer Tätigkeit sicherlich den Schriftstellern. Johannes von Guenthers Name ist wenig bekannt, dabei war er der erste Blok- und Leskow-Übersetzer ins Deutsche. 1886 wurde der Deutschbalte im heutigen Lettland geboren und verfasste bereits in jungen Jahren Gedichte in deutscher Sprache. Gleichzeitig begeisterte er sich für die russische Sprache und Literatur. Als enthusiastischer Dichter mit großen Ambitionenging er 1905 nach Sankt Petersburg, um die berühmten russischen Symbolisten persönlich kennenzulernen.

Reisender zwischen den Welten

Diese Reise sollte nicht seine einzige bleiben. Guenther verliebte sich rasch in das literarische und kulturelle Sankt Petersburg und seine Einwohner. Hier durfte er bei den legendären „Mittwochabenden" in Vjaceslav Ivanovs Wohnung anwesend sein und bei Alexander Blok wohnen, hier trat er mit seinen Gedichten im berühmten Künstlerkeller „Brodjacaja sobaka" (zu Deutsch - "Streunerhund") auf, hier trank er Perlwein mit Lev Gumilev, hier wurde er Publizist in der Redaktion der literarischen Zeitschrift „Apollon", hier lernte er das Leben kennen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs traf ihn in München, wo er für lange Zeit bleiben musste und von wo er nie wieder nach Russland zurückkehrte. Das künstlerische und literarische Leben der beiden Hauptstädte, denn Guenther reiste ebenso gern nach Moskau und Berlin, das Silberne Zeitalter, das Verlagsleben in München und vieles mehr sind in seinen Erinnerungen „Ein Leben im Ostwind" (veröffentlicht 1969) verankert.

Die Eindrücke seiner Reisen werden nicht nur in diesem Buch, sondern indirekt mit der Herausgabe mehrerer Anthologien russischer Literatur vergegenwärtigt. In seiner insgesamt über 50 Jahre andauernden Übersetzertätigkeit gab Guenther über 30 Prosa- und Lyrikanthologien heraus. Er schrieb darin mit seinen Übersetzungen zwangsläufig die Geschichte der russischen Literatur, denn wenn die erste Anthologie „Neuer russischer Parnaß" (1912) mit den Symbolisten endet, schließt die letzte Lyrikanthologie „Neue russische Lyrik" (1968) mit dem Gedicht „Scdi menja" (zu Deutsch -"Warte auf mich") des bereits sowjetischen Autors Konstantin Simonow.


Die Seele Russlands ist wie ein dunkler Wald

In den Jahren 1921 bis 1923 brachte Johannes von Guenther zusammen mit dem Übersetzer Alexander Eliasberg vier Anthologien mit den amüsant-populären Titeln „Russische Gespenstergeschichten", „Russische Kriminalgeschichten", „Russische Liebesgeschichten" und „Russische Tiergeschichten" heraus. Dabei betätigte er sich nicht nur als Übersetzer, sondern unternahm auch den Versuch, die vertretenen Werke der russischen Klassik thematisch zu ordnen. So avancierte Puschkins „Pique Dame" zur einer typisch russischen Kriminalgeschichte und Turgenews „Mumu" zu einer typisch russischen Tiergeschichte.

Der Künstlerkeller „Brodjacaja sobaka" "Streunerhund"). Foto aus den freien Quellen

Das Schlagwort dieser Reihe hieß „russisch". Und der Herausgeber, welcher stets nach den Rätseln der russischen Natur gesucht hatte, fand sie in der Literatur. Er schuf das Bild eines „anders" liebenden, „anders" weinenden,

Johannes von Guenther:

„Russische 
Kriminalge-

schichten". Frankfurt,

Hamburg 1962.

„anders" agierenden und einfach „anders als andere" denkenden Russen. Dieses Konzept spiegelte sich auch in den Covern zu seinen Anthologien wider: Sie wurden häufig optisch in zwei Teile gespalten. So sind die „Russischen Liebesgeschichten" mit einer weiblichen und einer „männlichen" Matrjoschka geschmückt, die „Russischen Gespenstergeschichten" mit monströsen Gestalten der Unterwelt, unter denen Motive der russischen Folklore und eines märchenhaften Zarenreichs zu erkennen sind. Die „Russischen Kriminalgeschichten" sind mit einer weiß und rot gefärbten Tscherkessenfigur ( wie aus dem „Held unserer Zeit" von Michail Lermontow) betitelt, die „Russischen Tiergeschichten" dagegen mit schematischen Bleistiftzeichnungen eines „typisch russisches Paares" – eines Pferdes und eines tanzenden Bauern.


Das Gleichgewicht der Dinge

In detaillierten Vorworten und Anmerkungen wies Guenther stets auf sein russisches Lieblingssprichwort hin: „Eine Fremde Seele ist wie ein dunkler Wald". Und auf dieses stützte er sich auch bei seiner Textauswahl in den Anthologien: Er hatte die zwiespältige Natur eines Russen erkannt und machte sie dingsfest in der Literatur. Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Zwiespältigkeit ist die Tatsache, dass Leskows Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk" sowohl in die „Russischen Liebesgeschichten" als auch in die „Russischen Kriminalgeschichten"aufgenommen ist. Die Liebe einer russischen Frau beziehungsweise eines russischen Mannes ist wie ihre Natur zwiespältig und unberechenbar.

Der Geizkragen Pljuschkin aus den „Toten Seelen" von Nikolai Gogol in einer Zeichnung des Illustrators und Künstlers Alexander Agin. Foto: Wikipedia.org

Guenther setzte in seiner Auswahl stets auf das Prinzip der gleichen Gewichtung und brachte aus diesem Grund Autoren verschiedenster literarischer Strömungen und Epochen, bekannte mit unbekannten Schriftstellern zusammen. Nur um ein Beispiel zu nennen: Die Anthologie „Russische Kriminalgeschichten" beginnt mit einem Auszug aus Lermontows „Held unserer Zeit" und „Taman" und schließt mit einem Vertreter des Silbernen Zeitalters, dem Dichter Brüsov und seiner bis dahin nicht übersetzten Erzählung „Jetzt aber, wo ich erwacht bin".


Unterhaltung und große Literatur

Die Texte sind chronologisch geordnet. Meistens beginnt eine Anthologie mit Puschkin oder Lermontow und endet mit Schriftstellern des 20.

Johannes von Guenther:

„Russische Gespensterge-

schichten".München 1921

Jahrhunderts. In seinen Vor- und Nachworten gibt Guenther detaillierte Hinweise zu den einzelnen Autoren und Werken. Er versammelte Novellen und ergänzte diese mit Auszügen aus großen russischen Romanen, denn auf diese Weise konnte er die wichtigsten Vertreter der russischen Literatur aus zwei Jahrhunderten zusammenbringen und musste sich nicht auf Tschechow als Novellisten beschränken.

So lesen wir Auszüge aus Dostojewskis Romanen „Schuld und Sühne" und „Aufzeichnungen aus dem Totenhause". Tolstoi begegnet uns in einer verkürzten „Auferstehung", der magische Gogol mit Ausschnitten aus den „Toten Seelen" und Lermontow mit dem „Held unserer Zeit".

Damit verfolgte Guenther in seinen Anthologien eine doppelte Strategie: Er hatte so die Möglichkeit, die Autoren einem breiteren Publikum zu präsentieren und machte die Leser zugleich neugierig auf mehr.

Die unterhaltsamen Titel der Anthologien bergen alles andere als bloße Unterhaltungsliteratur, ein erfahrener Leser wird unter ihrer Oberfläche die Geschichte der russischen Literatur entdecken. Genau darum wurden sie auch in der Nachkriegszeit mehrfach neu aufgelegt und herausgegeben.

Anna Guenther arbeitet über den deutsch-russischen Kulturtransfer an der Uni Freiburg.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland