Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

Foto aus den freien Quellen

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Gefangen im Kaukasus. Alissa Ganijewa beschreibt in ihrem Romandebüt eine hochexplosive Randzone Europas.

Während man sich in diesen Wochen in Europa freudig an den Fall der Berliner Mauer erinnert, geht im Romandebüt der 1985 in Moskau geborenen Alissa Ganijewa das Gerücht um, Russland wolle eine solche Mauer zwischen dem Mutterland und seiner ungeliebten Teilrepublik Dagestan errichten. Die junge Autorin gehört zur awarischen Minderheit, die auch in Dagestan beheimatet ist. Sie zeichnet ein schockierendes Bild über eine Randzone des russischen Imperiums, in der sich sowjetische Altlasten und neuer globaler Sprengstoff sammeln wie auf einer Sondermülldeponie. Am Ende fliegt alles in die Luft.

Der Erzähler heftet sich an die Fersen des jungen Schamil, der in der dagestanischen Hauptstadt umherirrt. Seinen Bürojob hat er längst verloren, und auch als Lokalreporter hat er wenig Glück. Die autonome Vielvölkerrepublik ist ein Pulverfass. Salafisten treiben hier ebenso ihr Unwesen wie der russische Geheimdienst im Komplott mit der lokalen Regierungselite, alles mutiert zunehmend zum blutigen Bürgerkriegsschauplatz.

Polizisten werden ermordet, und junge Muslime oder solche, die man dafür hält, verschwinden spurlos, es sind hilflose Racheakte der korrupten Machthaber. Auf der anderen Seite endet der islamische Traum vom Kalifat, in dem es weder Musik noch Alkohol, noch Schönheitssalons oder weltliche Bildung gibt, in einer Orgie aus Gewalt. Das Land wird zu einem Afghanistan vor den Toren Europas.

In der zu Sowjetzeiten hochgezüchteten Nationalliteratur der Kaukasusvölker wurden diese Landstriche und die in sie einziehende sozialistische Moderne gern romantisch verklärt. Alissa Ganijewa, Absolventin des hauptstädtischen Literaturinstituts, liefert nun eine radikale Entzauberung. Bereits 2009 hatte sie für ihre Erzählung „Salam, Dalgat" den renommierten Debüt-Literaturpreis erhalten. Dass eine junge Frau aus Dagestan aus einer radikal männlichen Perspektive schreibt und ihre Heimat schonungslos seziert, war damals eine Sensation.

Das große Problem, sagt Alissa Ganijewa in einem Interview, sei die Marginalisierung ihres Landes. Über Jahrhunderte habe sich in der Abgeschiedenheit der Bergdörfer die archaische Kultur erhalten, die aus einer Mischung aus Stammestraditionen und Islam besteht. Diese Isolation

war auch eine Garantie fürs Überleben. Was jetzt an kultureller Vielfalt Einzug halte, seien billiger Wodka, stupides Fernsehen, Drogen, Diskomusik und Korruption. Was aus dem Westen oder Russland komme, werde als Bedrohung empfunden. So haben radikale Neuankömmlinge aus Pakistan oder Saudi-Arabien besonders bei der enttäuschten Jugend leichtes Spiel. Wo es keine staatliche Ordnung mehr gebe, erscheine die Scharia selbst Biedermännern als Rettungsanker nach dem Motto: Lieber die Scharia als gar kein Recht.

Mittels einer konsequent durchgehaltenen Polyphonie der Stimmen findet solches gesellschaftliche Chaos im Buch sein Echo. Schamil, der zu Beginn dem Wahnsinn noch einen Hauch von Vernunft entgegensetzen möchte, verstummt immer mehr und wird schließlich in die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt gerissen, die weder Gut noch Böse kennt.

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