Swjatoslaw Richter: Der Geist weht, wo er will

Foto: Alexander Saakow/TASS

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Swjatoslaw Richter war ein begnadeter Musiker. Der unangepasste und freiheitsliebende Klaviervirtuose widersetzte sich der sowjetischen Zensur und sorgte weltweit für ausverkaufte Konzerthäuser. RBTH blickt auf das Leben dieses unbeugsamen Pianisten zurück.

Swjatoslaw Richter wurde 1915 in der ukrainischen Stadt Schitomir als Sohn eines deutschen Komponisten und einer russischen Adeligen geboren. Sein Vater sollte sein erster Musiklehrer werden. Keine einfache Aufgabe, denn der junge Richter lehnte es kategorisch ab, Tonleitern zu lernen, hatten diese doch seiner Meinung nach nichts mit wahrer Musik zu tun.

Richter zeigte sich unbeeindruckt von der Autorität des Vaters und fand seinen ganz eigenen Zugang zur Musik – und war damit sehr erfolgreich. Bereits im Alter von zehn Jahren spielte er die „Nocturnes" von Chopin. Fünf Jahre später war er dank seines phänomenalen Gedächtnisses und seiner Fähigkeit, vom Blatt zu spielen, als Klavierbegleiter am Philharmonie-Theater von Odessa tätigt. Im Alter von 19 Jahren begleitete er bereits Musiker in der Oper in Odessa.

Erst im Alter von 22 Jahren entschloss sich der junge Künstler zu einer musikalischen Ausbildung. Dem Publikum war er da schon ein Begriff. Richter reiste nach Moskau, um an der Philharmonie bei Heinrich Neuhaus Klavier zu studieren. Neuhaus erinnerte sich später an Richters beeindruckende Aufnahmeprüfung: „Ein Mensch, der keine musikalische Ausbildung genossen hatte, hatte es sich in den Kopf gesetzt, am Konservatorium zu studieren! Ich verfolgte mit Interesse seine mutige Darbietung... Er spielte sehr beherrscht, ich würde fast sagen, nennenswert einfach und genau. Seine Darbietung hat mich sofort berührt. Einer meiner Schülerinnen flüsterte ich zu, dass er meiner Meinung nach ein genialer Musiker ist."

Swjatoslaw Richter wurde schließlich ins Moskauer Konservatorium aufgenommen. Es fiel ihm schwer, den Anforderungen gerecht zu werden, denn am Konservatorium ging es nicht nur um Musik. Und so wie sich Richter als Kind geweigert hatte, die seiner Meinung nach überflüssigen Tonleitern zu üben, sah er nun nicht ein, die Geschichte des Kommunismus zu lernen, denn die hatte für ihn nun wirklich nichts mit Musik zu tun. Neuhaus musste sich daher jedes Mal aufs Neue für seinen talentierten Schüler einsetzen. Drei Mal drohte Richter die Exmatrikulation. Doch er machte seinen Abschluss.

 

Ein eigenwilliges Genie

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zerfiel Richters Familie. Sein Vater wurde aufgrund seiner deutschen Herkunft exekutiert und seine Mutter floh nach Deutschland. Richter selbst setzte auch während der Kriegsjahre seine Konzerttourneen fort und zeigte sich dabei mutig. So trat er beispielsweise im damaligen Leningrad auf und gab die siebte Klaviersonate von Sergei Prokofjew zum Besten, der damals in Ungnade gefallen war.

Das eigenwillige Klaviergenie erlangte in den Nachkriegsjahren in der gesamten Sowjetunion ungeahnte Popularität. Er reiste durch das Land und spielte stets in ausverkauften Hallen. Reisen in den Westen waren dem Pianisten jedoch untersagt, war er doch mit sogenannten Volksfeinden wie

Prokofjew und Boris Pasternak befreundet. Seine persönliche Freiheit stand für Richter stets über dem Verlangen nach Ruhm und materiellem Wohlstand. Deshalb spielte er trotz mehrfachen Verwarnungen weiterhin die Musik seines Freundes Prokofjew.

Im Westen erlangte Richter erst im Jahre 1958 nach einem Vorfall auf dem ersten Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb die Aufmerksamkeit der breiten Masse. Auf diesem Wettbewerb benoteten alle Juryrichter entsprechend einer geheimen Anordnung von der Führung des Landes die Darbietung des amerikanischen Pianisten Van Cliburn mit null Punkten. Richter hingegen war von der Darbietung des jungen Musikers so angetan, dass er ihm ohne nachzudenken die höchste Punktzahl gab.


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Zwei Jahre später war Richter zu einer Weltberühmtheit aufgestiegen, sodass es ihm die sowjetischen Behörden nicht länger untersagen konnten, Einladungen zu Gastauftritten im Westen zu folgen. Seine erste Reise führte ihn 1960 nach Finnland. Darauf folgte eine Reise in die USA, wo er eine Reihe von Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall gab. Sein erstes Konzert war restlos ausverkauft, ein hochkarätiges Publikum gab sich die Ehre. Claudia Cassidy, gestrenge Kritikerin der „Chicago Tribune", bezeichnete Richters Konzerte als „ein unvergessliches Erlebnis". Auch in England, Frankreich, Italien und Japan spielte Richter vor ausverkauften Häusern. Dabei entstanden auch zahlreiche neue Aufnahmen, denn der geniale Pianist arbeitete nur ungern in Tonstudios. 1964, nachdem er die Unterstützung des Musikverlags EMI zugesichert bekam, rief Richter ein

jährlich stattfindendes Musikfestival ins Leben, das unweit der französischen Stadt Tours veranstaltet wurde.

Die Musik des Pianisten hinterließ auch bei vielen seiner prominenten Freunde, die selbst Kunstschaffende waren, einen bleibenden Eindruck. Marlene Dietrich erinnerte sich an einen Auftritt, bei dem eine Zuschauerin verstarb. Für die Dietrich ein schöner Tod: „Dieser Vorfall berührte mich zutiefst, dachte ich doch: Welch' beneidenswertes Schicksal – zu sterben, während Richter Klavier spielt", erinnerte sich die Diva.

Richter blieb zeit seines Lebens ein Freigeist. Er lehnte vielversprechende Einladungen ab, änderte kurzfristig sein Konzertprogramm oder verwirklichte verrückte Einfälle. Im Alter von 70 Jahren begab er sich zum Beispiel noch auf eine Konzertreise von Wladiwostok nach Moskau und spielte in kleinen Städten. Oder er wollte nur noch im Dunkeln spielen, um sich „von allen Gedanken abkoppeln und dem Publikum die Möglichkeit geben zu können, sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren anstatt auf den Musiker". Bei seinen letzten Klavierkonzerten setzte er diese Pläne in die Tat um: Nur ein schwaches Licht fiel auf den Künstler. Die Zuschauer konnten sich ganz auf Richters geniales Können konzentrieren. Am 1. August 1997 verstarb Swjatoslaw Richter in Moskau.

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