Filmemacher Aleksei German: „Wir Russen haben unseren eigenen Standpunkt“

Aleksei German: „Filme sollen dem Dialog dienen“. Foto: Jekaterina Tschesnokowa/RIA Novosti

Aleksei German: „Filme sollen dem Dialog dienen“. Foto: Jekaterina Tschesnokowa/RIA Novosti

Aleksei German ist in die Fußstapfen seines berühmten Vaters getreten und Regisseur geworden. Sein Film „Under the electric clouds“ wurde nun als Wettbewerbsbeitrag für die Berlinale 2015 ausgewählt. German konkurriert mit Regiegrößen wie Peter Greenaway und Terrence Malick.

Rossijskaja Gaseta: Was bedeutet Ihnen die Teilnahme an der Berlinale 2015?

Aleksei German: Es gibt drei Filmfestivals auf der Welt, die für Filmemacher von großer Bedeutung sind: Cannes, Berlin und Venedig. Eine Nominierung ist für jeden Film wichtig, für uns ist sie von ganz besonderer Bedeutung. Wir haben somit die Hoffnung, dass unser Film auch in Russland gezeigt wird, weil vielleicht Filmverleiher oder das Fernsehen auf ihn aufmerksam werden. Man sollte nicht vergessen, dass unser Film zur ersten Wahl gehört und in einer Reihe mit Werken großer Meister wie Peter Greenaway und Terrence Malick steht. Offenbar wird sehr viel von unserem Film gehalten.

Gibt es Probleme mit dem Verleih, weil der Film eine Koproduktion mit der Ukraine ist?

Ja, der Film kommt auf dem Höhepunkt der Krise in den Verleih. Viele Filmverleiher haben Bedenken bei einem russisch-ukrainischen Projekt. Das ist auf beiden Seiten der Grenze der Fall. Soviel ich weiß, dürfte in Russland zwar für den Film geworben werden. Was die Wirtschaftlichkeit des Filmprojekts angeht, so könnte ein so vielschichtiger, meiner Meinung nach dennoch sehr verständlicher Film bei uns kaum gefragt sein. Aber wir werden ihn ins Ausland verkaufen. Uns liegen bereits Angebote europäischer Verleiher vor. Bald soll ein Vertrag mit einem der größten europäischen TV-Sender unterzeichnet werden. Zudem rechnen wir auch mit dem asiatischen Raum.

Selbstverständlich bin ich über die Situation, wie sie sich gestaltet, bestürzt – und dass nicht nur wegen meines Films. Ich sehe das Problem allgemeiner. Ich bin überzeugt, dass die Filmkunst der Zusammenarbeit und dem Dialog dienen sollte, so entgegengesetzte Standpunkte die einzelnen Filmleute auch verfechten. Und auf jeden Fall würde ich es nicht gern sehen, dass unser Film zu einem Schauplatz für politische Auseinandersetzungen wird. Im Gegenteil, er sollte zu einem positiven Beispiel für eine erfolgreiche Kooperation zwischen der ukrainischen und der russischen Filmindustrie werden.

Dem Film liegen sieben Novellen zugrunde, und obwohl sie nicht aufeinander aufbauen, haben sie dennoch Gemeinsamkeiten. Sie lesen sich wie die Kapitel eines Buches über die heutige Zeit.

So seltsam es auch klingen mag, es geht im Film nicht um das Heute, sondern um etwas Allgemeingültiges. Wir erzählen Geschichten über die Einwohner der ehemaligen Sowjetunion, aber es geht dabei nicht um die einzelnen Episoden, sondern um ein Bild der Zeit, in der wir leben, um ein Bild mit absolut paradoxen Verflechtungen. Die Gegenwart ist fragmentiert.

Sie ist wie ein Mosaik. Deshalb kann man zum Beispiel nicht nur einen Film über reich oder arm drehen. Wir wollten, dass der Film einerseits polyphon und andererseits glaubwürdig wird.

Es ist kein Film, der gegen jemanden oder gegen etwas kämpft. Es geht darin vielmehr um unser gemeinsames Empfinden, darum, dass wir alle auf die eine oder andere Weise ähnliche Probleme zu bewältigen haben. Er handelt von vielen Dingen. Von verschiedenen Generationen mit all ihrer Gegensätzlichkeit. Davon, dass die „russischen Fragen" nicht verschwunden sind und dass sie im Grunde genommen nach wie vor für die Weltkultur wichtig sind, weil wir seit jeher zu allem einen anderen Standpunkt haben, der sich vom romanisch-germanischen oder angelsächsischen unterscheidet.

Die Filmhelden – vom Gastarbeiter bis hin zu einem erfolgreichen Architekten – haben eines gemeinsam: Sie gehören zu jenen, für die die russische Literatur den Typus des „überflüssigen Menschen" geschaffen hat.

Aber sie kämpfen durchaus für etwas und erreichen auch einiges. Der Gastarbeiter zum Beispiel versucht die Sprache zu lernen und rettet eine in Not geratene Frau. Der idealistische Architekt, vom belgischen Musiker und Schauspieler Louis Franck dargestellt, versucht, ein Haus zu Ende zu bauen,

das ihm ein Oligarch kurz vor seinem Tod in Auftrag gegeben hat. Die Tochter dieses Oligarchen, die zusammen mit ihrem Bruder zunächst nur für eine Woche nach Russland kommen wollte und dann aber bleibt, will das Unternehmen ihres Vaters wieder aufbauen. Der Fremdenführer eines winzigen Museums kann sich nicht damit abfinden, dass dieses Museum geschlossen werden soll. Sie alle bemühen sich nach Kräften, nicht aufzugeben und sich selbst treu zu bleiben...

Wenn man über die russische Filmindustrie spricht, so haben viele die Hoffnung, dass der nationale Film von außen gerettet wird, insbesondere von Drehbuchautoren aus Hollywood.

In den USA gibt es an die 15 000 Drehbuchautoren, davon sind etwa 200 wirklich begabt. Sie alle schreiben und haben anderes zu tun, als jemandem im fernen Russland ihre Erfahrungen zu vermitteln. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob man fremde Erfahrungen auf eine andere, so komplizierte nationale Landschaft einfach übertragen kann. Leider übernehmen wir vom Westen schlechte Dinge und vor allem „Formate", und zwar provinzielle. Immer wieder fragen wir uns: „Wie ist das in London oder New York?" Und wir versuchen, sie nachzuahmen. Das ist aber definitiv dumm: Wir werden niemals so sein wie London oder New York. Das ist doch auch gar nicht nötig.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.