Erinnerungen an den Vater: Briefe aus dem Gulag

Das Buch „Papas Briefe“ erzählt vom Leben im Gulag. Die dort abgedruckten Briefe richteten sich an die zurückgebliebenen Familien, vor allem an die Kinder, die auf diese Weise mit ihren Vätern in Gefangenschaft verbunden bleiben konnten. Die Menschenrechtsorganisation Memorial hat sie zusammengetragen und nun herausgebracht.

Foto: Memorial International

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial International hat ein Buch veröffentlicht, in dem Briefe von Gulag-Insassen an ihre Kinder veröffentlicht wurden. „Papas Briefe – Briefe von Vätern aus dem Gulag an ihre Kinder" hieß eine Ausstellung, die Memorial im vergangenen Jahr präsentierte und die große Beachtung fand. Das Buch zeigt eine Auswahl dieser Briefe. Die 16 Männer, die dort zu Wort kommen, waren zu ihrer Zeit angesehene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in ihrer Arbeit aufgingen und ihre Kinder nur selten sahen. Meist schliefen sie bereits, wenn die Väter nach Hause kamen. Als sie verhaftet und deportiert wurden, erkannten sie, dass ihnen nun nur noch Briefe blieben, um mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben und ihre Erziehung mitzugestalten. Diese Briefe waren das letzte, was den Kindern von ihren Vätern blieb – keiner von ihnen überlebte.

 

Alexei Wangenheim: Herbarium für Eleonora

Professor Alexei Wangenheim gründete den sowjetischen Wetterdienst. Er wurde 1935 verhaftet und in das „Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung" gebracht, wo er schließlich auch hingerichtet wurde. Seine Tochter Eleonora war damals vier Jahre alt. 168 Briefe schrieb er ihr aus dem Lager. Wangenheim entwickelte für seine Tochter im Lager ein eigenes Erziehungs- und Unterrichtsprogramm. Er schrieb und zeichnete für sie eine Art Nachschlagewerk mit ausführlichen Beschreibungen der Tier- und Pflanzenwelt und erfand Rätsel, um ihre Auffassungsgabe zu verbessern. Er fertigte ihr ein Herbarium an, mit Pflanzen, die er auf den Solowezki-Inseln gepflückt hatte. Dieses Herbarium half Eleonora dabei, das Rechnen zu lernen. Aus Steinen, Sand und zerbröckelten Backsteinen bastelte Wangenheim ihr Mosaikbilder des Solowezki-Klosters und des Weißen Meeres. Eleonora Wangenheim bewahrte die Erinnerungen an den Vater sorgfältig auf und stiftete den umfangreichen Nachlass später Memorial International. Die Tochter trat in die Fußstapfen des Vaters und wurde ebenfalls eine bekannte Wissenschaftlerin.

 

Gawriil Gordon: Briefe gegen die Verzweiflung

Der Philosoph Gawriil Gordon wurde 1936 verhaftet und auf den Solowezki-Inseln zur Zwangsarbeit verpflichtet. Beim Bau des Wasserkraftwerks in Uglitsch wurde er als Wächter eingesetzt. Gordon hatte prominente Mitgefangene wie zum Beispiel Alexander Solschenizyn.

Auch Gordon hatte Töchter, denen er Briefe schrieb und für die er zwei Lehrbücher der Geschichte und Philosophie verfasste. Er hatte keine Nachschlagewerke oder Quellen, sondern schöpfte nur aus seiner

Erinnerung. Es half ihm, die Schrecken der Gefangenschaft leichter zu ertragen. So schrieb er „zuweilen im Stabsraum, überfüllt von lärmenden, fluchenden Leuten, zuweilen nachts in der Baracke, erfüllt vom Schnarchen schlafender, mir fremder und gleichgültiger Menschen. Aber wenn ich schreibe, führt mich meine Liebe zu dir, mein liebes Töchterchen, aus der mich umgebenden bitteren Wirklichkeit in jene Traumwelt des reinen Gedankens und der Gestalten des wunderbaren Altertums, die neben der Musik stets den wahren Reichtum und den Inhalt meines „Ichs" ausmachten." Im August 1941 sollte Gordon ursprünglich aus der Haft entlassen werden, doch wegen des Krieges kam es nicht dazu. Anfang 1942 starb Gordon im Lager; er verhungerte. Aber seinen Töchtern hatte er einen wertvollen Schatz hinterlassen. Seine jüngste Tochter Irina wurde eine erfolgreiche Übersetzerin für Englisch.

 

Wladimir Lewitski: Bilder aus dem Leben des Vaters

Wladimir Lewitski wurde in Siblag gefangen gehalten. Er war kein Wissenschaftler wie Wangenheim oder Gordon, sondern Offizier, Weltkriegsveteran und Ausbilder in einem Kadettenkorps, erzählt Irina Ostrowskaja, Kuratorin der Memorial-Ausstellung: „Er war von einem ganz

anderen Schlag. Er war Sammler. Seine größte Leidenschaft waren Briefmarken." Die Briefe, die er aus dem Lager nach Hause schickte, versah er mit handgemalten Briefmarken. Seinem Sohn beschrieb er in diesen Briefen alles, was er in seiner Umgebung sah: die Natur Sibiriens, das Dorf, in das er verbannt worden war, und den Ausblick aus seinem Fenster. Dazu fertigte er Zeichnungen an. 1937 wurde Lewitski hingerichtet. Der Sohn wurde Sammler, wie der Vater.

Keines der Kinder hat den Vater vergessen oder verraten; auch wenn es sicher nicht immer einfach war, denn in ihrem Umfeld galten die Väter als „Verräter" oder „Feinde des Volkes". „Jeder dieser Briefe ist ein Beweis für Familienzusammenhalt", hält Schtscherbakowa fest, die bei Memorial International für das Bildungsprogramm verantwortlich ist. Darüber hinaus sei es „die Geschichte des moralischen Sieges eines Menschen über ein unmenschliches System".

 

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