Kontroverse Inszenierung: Gericht sieht keine Blasphemie bei „Tannhäuser“

Ein Gericht sieht in Kuljabins „Tannhäuser“-Inszenierung keine Blasphemie. Foto: Alexander Krjaschew/RIA Novosti

Ein Gericht sieht in Kuljabins „Tannhäuser“-Inszenierung keine Blasphemie. Foto: Alexander Krjaschew/RIA Novosti

Eine Wagner-Inszenierung des russischen Regisseurs Timofej Kuljabin erregte die Gemüter der russisch-orthodoxen Gläubigen. Sie stellten Strafanzeige wegen Gotteslästerung. Zwar stellte ein Nowosibirsker Gericht das Verfahren nun ein. Russische Kulturschaffende sorgen sich dennoch um die Kunstfreiheit.

Die Inszenierung von Richard Wagners Oper „Tannhäuser" des russischen Regisseurs Timofej Kuljabin rief Empörung in der russisch-orthodoxen Kirche hervor. Im Dezember 2014 wurde die Oper im Staatlichen Akademischen Theater für Oper und Ballett von Nowosibirsk uraufgeführt und von Kritikern hochgelobt. Die Zeitung „Kommersant" nahm das Stück in die Liste der zehn besten Premieren in Russland im vergangenen Jahr auf. Der erst dreißig Jahre alte Regisseur Kuljabin hatte bereits 2013 den russischen Theaterpreis „Goldene Maske" erhalten. Mehr als 3 000 Besucher haben seine Inszenierung, bei der die existenzielle Einsamkeit des Menschen im Mittelpunkt steht, in Nowosibirsk gesehen.

Kuljabin macht aus Wagners Sängerwettstreit ein Filmfestival, an dem auch der Protagonist Tannhäuser teilnimmt, und zwar mit einem Film über erotische Abenteuer des jungen Jesus in der Grotte der Liebesgöttin Venus. Tannhäuser selbst tritt in seinem Film als Jesus auf. Unter anderem wird auch ein Kreuz in die Venusgrotte getragen.

Insbesondere an diesen Szenen nahm die russisch-orthodoxe Kirche heftig Anstoß. Bischof Tichon von Nowosibirsk klagte wegen Blasphemie gegen Kuljabin und Intendant Boris Mesdritsch. Die Staatsanwaltschaft prüfte den Vorwurf, der als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße von bis zu 200 000 Rubel (knapp 3 100 Euro) gilt. Aber auch eine große Zahl von Gläubigen protestierte gegen die Inszenierung. Sie betrachteten das Stück als „Verstoß gegen das Recht der Gewissensfreiheit und Religionsausübung", ein Straftatbestand, der mit Freiheitsentzug von bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Russisch-orthodoxe Aktivisten demonstrierten vor dem Nowosibirsker Opernhaus. Sie wollten weitere Aufführungen des „Tannhäusers" verhindern. Das Opernhaus erklärte indes, an der Inszenierung festhalten und seine künstlerische Freiheit verteidigen zu wollen.

 

Kunstschaffende protestieren gegen Zensur

Unterstützung erhielt das Haus von russischen Kunst- und Kulturschaffenden, die die Aktion der Kirche als erneuten Versuch werteten, die Kunstfreiheit in Russland zu beschneiden. Der Vorsitzende der Union der Theaterkünstler der Russischen Föderation, Alexandr Kaljagin, erinnerte daran, wie erst kürzlich Forderungen laut wurden, gegen unbequeme Werke „Maßnahmen zu treffen", so etwa bei Andrei Swjaginzews Film „Leviathan". „Wir wollen nicht in Zeiten zurückkehren, in denen die Zensur wütete", schrieb Kaljagin. „Allein die Tatsache, dass ein Strafverfahren wegen eines Kunstwerks eingeleitet wurde, auch wenn es umstritten und mehrdeutig ist, kann nur alarmierend sein", bekräftigte auch Oleg Tabakow, Leiter des Moskauer Tschechow-Kunsttheaters, auf Facebook. Der Präsident der Gilde der Theaterregisseure, Walerij Fokin, erklärte in einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft, dass die negative Einstellung einer nur kleinen Gruppe

von Zuschauern kein Grund für eine öffentliche Diskussion sein sollte und schon gar nicht dazu führen dürfe, dass der Regisseur sich einem Verhör bei der Staatsanwaltschaft ausgesetzt sehe.

Gleichzeitig startete im Internet eine Unterschriftenkampagne zur Unterstützung der Angeklagten. 50 000 Unterzeichner forderten, dass bei den Ermittlungen auch unabhängige Experten gehört werden. Die Staatsanwaltschaft kam dieser Forderung offenbar nach, denn sie berücksichtigte Gutachten von Religionswissenschaftlern. Die bescheinigten Kuljabins „Tannhäuser", keine religiösen Symbole verunglimpft zu haben. „In der Aufführung werden weder religiöse Kultgegenstände noch religiöse Schriften gezeigt. Weltanschauungssymbole kommen zwar zum Einsatz, werden aber weder beschädigt noch zerstört", zitiert die russische Nachrichtenagentur Tass Wladimir Winokurow, Dozent des Lehrstuhls für Religionskunde an der Lomonossow-Universität. Boris Falikow, Religionswissenschaftler an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, kommt ebenfalls zu diesem Ergebnis: „Kuljabin wollte keinesfalls jemanden beleidigen. (...) Der Zuschauer sieht in der Erfindung die Realität und in dem Protagonisten den Autor. Das ist ein Fehler."

Das Bezirksgericht Nowosibirsk hat das Verfahren aufgrund mangelnder Beweise eingestellt.

 

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