„Unternehmen Barbarossa“: Wie viel wusste Stalin wirklich?

Stalin wurde schon ein Jahr zuvor über deutsche Kriegspläne unterrichtet. Foto: RIA Novosti

Stalin wurde schon ein Jahr zuvor über deutsche Kriegspläne unterrichtet. Foto: RIA Novosti

„Unternehmen Barbarossa“ war der Deckname für den Angriff der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 begann. Jüngst veröffentlichte, historische Dokumente zeigen, dass Stalin aber wohl schon viel früher von dem geplanten Angriff wusste als bisher angenommen.

Kannte Stalin das Datum, an dem Hitler in die UdSSR einmarschieren würde? Bereits seit mehreren Jahrzehnten suchen Historiker nach Antworten auf diese Fragen. Nun sind Dokumente aufgetaucht, die der Antwort näher kommen: Berichte aus jener Zeit zeigen, dass Stalin mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass deutsche Truppen an den östlichen Grenzen zur UdSSR Befestigungsanlagen errichteten.

Bereits am 1. August 1940 soll Josef Stalin von Lawrenti Beria, Volkskommissar für innere Angelegenheiten der UdSSR während des Zweiten Weltkriegs, über Informationen des Geheimdienstes unterrichtet worden sein, nach denen Hitlerdeutschland an der Grenze zur Sowjetunion Feld- und ständige Befestigungsanlagen baue. Der sowjetische Geheimdienst hatte zudem Nachrichten aus feindlichen Quellen abgefangen, die darauf hindeuteten, dass Hitler einen Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitete.

Im Oktober 1940 gab der Generalstab der Roten Armee bekannt, dass in Finnland deutsche Truppen einrücken. Auch der Auslandsgeheimdienst berichtete, dass man in Rumänien, Deutschland und Italien im Eiltempo einen schweren Angriff auf den linken Flügel der Front zur UdSSR organisiere und dass italienische Truppen dort bereits Stellung bezogen hätten. Wäre dieser Truppenaufmarsch erst einmal abgeschlossen, befänden sich beide Flügel der Front zur UdSSR seit Beginn der Kampfhandlungen in extremer Gefahr, so die Warnung.

Am 26. Februar 1941 berichtete der außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter der Sowjetunion in Großbritannien Iwan Maiski, dass Hitlerdeutschland laut Informationen aus tschechoslowakischen Kreisen verstärkt an der Errichtung von Befestigungsanlagen an der deutsch-sowjetischen Grenze arbeitete. Schon seit November 1940 waren Soldaten an dieser Grenze deutsch-russische Taschenwörterbücher gegeben worden – vor der Besetzung der Tschechoslowakei hatte man übrigens deutsch-tschechische Wörterbücher an deutsche Soldaten ausgeteilt.

Am 16. April setzte der bevollmächtigte Vertreter der UdSSR in Rumänien, Anatolij Lawrentew, Stalin darüber in Kenntnis, dass Spitzmüller, ein Berater der französischen Militärmission, dem Sekretär der Vertretung der UdSSR in Rumänien Michailow von einer Zentrierung deutscher Truppen in Moldawien berichtet hätte. Diese Information wurde durch den französischen Militärattaché Oberst Séven, der bei dem Gespräch anwesend war, bestätigt.

 

Hat Stalin die Deutschen unterschätzt?

Indessen waren die deutschen Truppen damit beschäftigt, sich in Finnland und Schweden auf einen Angriff vorzubereiten. Was die Ankunft des schwedischen Militärattachés in Bukarest anging, so sah Séven diese praktisch als eine Vorbereitung auf einen Angriff. Nach seinen Angaben soll

sich eine Gruppe rumänischer Offiziere, die auf Einladung des deutschen Generalstabs nach Deutschland gereist waren, über einen bevorstehenden Krieg mit der Sowjetunion unterhalten haben. Séven ging daher von einem unmittelbar bevorstehenden Krieg aus, und nicht nur er.

Auch sowjetische Sicherheitsbehörden hatten bereits entsprechende Informationen aus sicheren Quellen. Stalin wurde Bericht erstattet, dass Hitler grünes Licht für das „Unternehmen Barbarossa" gegeben sowie die Anordnung erlassen hätte, sich auf einen Krieg vorzubereiten. Wann genau der Angriff auf die UdSSR erfolgen sollte, konnte jedoch nicht in Erfahrung gebracht werden. Stalin bekam mehrere falsche Daten genannt und glaubte daher wohl zuletzt nicht mehr an einen tatsächlichen Angriff. Er ging offenbar davon aus, dass Deutschland erst nach einem Sieg über Großbritannien die Sowjetunion überfallen würde – andere Kriegsszenarien erschienen ihm unwahrscheinlich.

Stalin wusste, dass Hitler für einen Krieg gegen England unbedingt Erdöl und Nahrungsmittel, die Deutschland zu dieser Zeit von der UdSSR bezog, benötigte. Es schien leichter, diese Mittel zu erhalten, wenn Frieden zwischen den beiden Ländern herrschte, denn ein Krieg würde sich nicht gerade positiv auf sowjetische Lieferungen aus besetzten Gebieten

auswirken. Ein weiterer Faktor, der eine beruhigende Wirkung auf Stalin hatte, war die Tatsache, dass die Sowjetunion und Japan, ein Verbündeter Deutschlands, ihre Streitigkeiten beigelegt hatten. Dies wurde am 13. April 1941 durch den Japanisch-Sowjetischen Neutralitätspakt besiegelt, der von den Außenministern Japans und der Sowjetunion in Moskau unterzeichnet wurde und fünf Jahre halten sollte.

Die politische Führung der Sowjetunion versuchte mit allen Mitteln, den sich bereits anbahnenden Krieg so lange wie möglich hinauszuzögern. Dies hing unter anderem damit zusammen, dass sich die Rote Armee im europäischen Teil der UdSSR nicht wirklich erholen und neu formieren konnte. Stalin erklärte dem damaligen britischen Premierminister Winston Churchill, dass die Sowjetunion dazu noch etwa ein halbes Jahr Frieden mit Deutschland brauche. Am 22. Juni 1941 fiel Hitlerdeutschland in der Sowjetunion ein.

Der Autor des Artikels ist Historiker. Der Artikel selbst ist erstmals in der Zeitschrift „Rodina", Nr. 6 2014 erschienen.

 

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