Bilder von der Front: Wie der Kameramann Boris Sokolow den Krieg sah

Kameramann Boris Sokolow in Berlin. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Kameramann Boris Sokolow in Berlin. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Boris Sokolow war im Zweiten Weltkrieg einer von 258 sowjetischen Kameramännern, die von der Front berichteten. Der heute 95-Jährige ist ein hochdekorierter Veteran. Im Interview mit RBTH berichtet er, wie er den Krieg durch das Kameraobjektiv erlebte.

RBTH: Wie kamen Sie an die Front?

Sokolow: 1941 war ich 21 Jahre alt. Wegen des Krieges konnten wir das Studium vorzeitig abschließen (Sokolow studierte an der Gerasimow-Hochschule für Kinematografie – Anm. der Red.). Ich absolvierte gerade mein Abschlusspraktikum, als Gruppen für die Berichterstattung von der Front gebildet wurden. Ich wollte mit, aber es hieß „Nein". Natürlich hatte ich Verständnis dafür, dass man zunächst erfahrene Kameraleute hinschicken wollte. Andererseits waren die auch nicht für das Filmen unter Kriegsbedingungen ausgebildet. Bei der Wehrmacht gab es Kurse für Kriegsreporter, bei uns nicht.

Warum war es für Sie so wichtig, von der Front zu berichten?

Das ganze Land war im Krieg, es lebte für die Front. „Alles für die Front, alles für den Sieg!", lautete die Losung. Auch ich wollte dabei sein. Leider war es erst 1944 soweit. Es war das letzte Aufgebot. Die Front stand bei Warschau, drei Monate lang. Wir filmten dort den Alltag der Armee.

Als die Offensive begann, hatten Sie da Angst?

Die Angst war da, doch bei der Arbeit vergaßen wir sie. Obwohl die Verluste auf unserer Seite groß waren. Während des gesamten Krieges arbeiteten 258 Menschen an der Front, die mehr als dreieinhalb Millionen Meter 35-mm-Film aufgenommen haben. Jeder Fünfte starb. Es gab Verletzte, viele waren durch die Erfahrungen traumatisiert. Oft wurden wir gefragt: „Hat euch bei den Dreharbeiten jemand geschützt?" Nein, es gab keinen Schutz. Wir waren uns selbst überlassen.

Gab es auch Ereignisse, die Sie nicht filmen durften, zum Beispiel Rückzüge?

Aufnehmen durften wir alles. Ob es dann auch gezeigt wurde, hing von der Zensur ab. Ich war noch nicht an der Front, als wir Niederlagen erlitten, doch Freunde erzählten, dass Rückzüge wenig gefilmt wurden. Ich kenne Fälle, dass Kameraleute versucht haben, Rückzüge zu filmen, aber Soldaten oder Flüchtlinge sie aufforderten, das zu unterlassen, oft auch unter Drohungen.

Wie haben Sie den Umgang der Sowjetarmee mit der Berliner Zivilbevölkerung erlebt?

Ich glaube, in der Sowjetunion gab es keine einzige Familie, die wegen des Krieges nicht gelitten hätte. Deshalb waren alle gegenüber den Deutschen sehr aggressiv eingestellt. Unsere Führung musste diesen Hass eindämmen. Als wir eines Tages zu Dreharbeiten ins Zentrum von Berlin fuhren, sahen wir eine Parole: „Hier ist es, das faschistische Nest – Berlin!". Einen Tag später wurde sie entfernt, um die Soldaten nicht gegen die Zivilbevölkerung aufzuhetzen.

Mai 1945. Boris Sokolow mit seinen Kollegen von der Roten Armee in Berlin. Foto aus dem persönlichen Archiv

War es damals schon möglich, die Aggression teilweise zu überwinden?

Die Beziehungen waren beinahe neutral. Natürlich konnten sich nicht alle mit dem Ende des Kriegs abfinden. Man kann nicht sagen, dass alle auf einmal Freunde wurden. Freunde wurden wir nicht, aber friedlichen Menschen half die Armee.

Welche Aufnahmen blieben vor allem im Gedächtnis?

Natürlich blieb vor allem die Unterzeichnung der Kapitulation Deutschlands im Gedächtnis. Ich war besonders erstaunt über das Verhalten des Feldmarschalls Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht – Anm.

der Red.). Als ob er nicht der Besiegte, sondern der Sieger wäre. Als er aus dem Flugzeug stieg, grüßte er mit seinem Feldherrenstab, obwohl er nur von den Wachleuten am Flugplatz abgeholt wurde. Im Saal der Unterzeichnung grüßte er auch mit dem Stab, aber niemand ging darauf ein. Als Keitel den Kapitulationsakt unterzeichnet hatte, war ich mir sicher, dass der Krieg in diesem Augenblick zu Ende war. Der allgemeine Zustand war Erleichterung. Leider habe ich mich getäuscht. Aber in dem Augenblick hatte ich genau dieses Gefühl.

Das Hissen der Siegesfahne auf dem Reichstag haben Sie nicht gefilmt. Waren Sie enttäuscht?

Nein. Während der Filmaufnahmen dachten wir nicht so sehr über die Symbolik der wehenden Flagge nach. Das war nur eine weitere Kriegsepisode. Das Gebäude wurde eingenommen und das war es. Zum Siegessymbol wurde der Reichstag erst später, nicht in dem Moment, als wir filmten. Er hätte es auch nicht werden können.

März 2015. Boris Sokolow zu Besuch bei RBTH. Foto: Pawel Inschelewskij/RBTH

Mittlerweile ist bekannt, dass die Aufnahmen der Siegesfahne über dem Reichstag inszeniert wurden...

Während der Kämpfe erschienen die Fahnen – zehn Stück gab es insgesamt – in unterschiedlichen Stockwerken des Reichstags. Sie wurden aus den Fenstern gehängt. In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai wurde die Fahne auf der Kuppel angebracht. Doch nachts konnten wir nicht drehen. Es gab zu wenig Licht, trotz der Brände. Viele halten die Aufnahmen daher für eine Inszenierung. Dabei sind sie eigentlich eine Wiederherstellung der Fakten.

Sich die eigenen Aufnahmen anzuschauen war Ihnen an der Front nicht möglich. Haben sie ihre Arbeiten nach dem Krieg gesehen?

Eigentlich nur zufällig, als man damit begann, unser Material in Spielfilmen zu verwenden. In dem Film „Der Große Vaterländische" – im Auslandsverleih hieß der Film „Der unbekannte Krieg" – konnten wir einige unserer Aufnahmen sehen. Sonst habe ich persönlich nichts gesehen.

Boris Sokolow wurde mehrfach für seinen Einsatz im Krieg ausgezeichnet. Er ist zweifacher Träger des Roten-Stern-Ordens und 31 weiterer Auszeichnungen.

 

Mehr zum Thema: Zeitzeugen erinnern sich an die Befreiung von Auschwitz

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland