Völkermord an den Armeniern: Wie erging es den Überlebenden?

Foto: Getty Images/Fotobank

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Die massenhafte Ermordung von Armeniern während der Jahre 1915 bis 1917 soll endlich weltweit Anerkennung als Völkermord finden, fordern die Armenier. RBTH hat Nachfahren von Opfern getroffen, die erzählen, wie die Massaker ihre Familiengeschichte beeinflusst haben.

In diesem Jahr gedenkt Armenien des 100. Jahrestages des Völkermords an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich. Auf Initiative des Russischen Reichs erkannten viele europäische Staaten dieses Ereignis bereits 1915 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Der Begriff „Völkermord" wurde dagegen lange Zeit mit Rücksicht auf die Türkei gemieden. Das will unter anderem die Bewegung „Ich gedenke und fordere" ändern. Sie verlangen eine weltweite Anerkennung der Ereignisse als Völkermord an den Armeniern. Die Armenier selbst nennen diese Zeit Aghet – auf Deutsch heißt das Katastrophe. Angehörige der Bewegung berichten bei RBTH vom bewegenden Schicksal ihrer Familienangehörigen.

 

Owannes, 51 Jahre


Der Großvater von Owanes Sarkis (dritter von links). Foto aus dem persönlichen Archiv

Mein Großvater Sarkis war erst acht Jahre alt, als er all seine Verwandten verlor. Er ist als einziger Überlebender aus seiner Familie mit einer Gruppe armenischer Flüchtlinge aus Westarmenien nach Ostarmenien geflohen. Da er Waise war und auch keine Verwandten ausfindig gemacht werden konnten, wuchs er in einem Kinderheim auf. Eines Tages hörte er, dass einige der Heimkinder ins Ausland gebracht werden sollten. Er bekam Angst und riss aus. Er gelangte in ein Dorf in der Nähe von Gjumri im Norden Armeniens. Dort nahm ihn eine Familie auf. Im Großen Vaterländischen Krieg kämpfte er im russischen Süden auf Malaja Semlja in einer der längsten Schlachten der Weltgeschichte. 225 Tage dauerte sie. Großvater Sarkis starb 1983.

Grigori, 22 Jahre

Der Urgroßvater von Grigori. Foto

aus dem persönlichen Archiv

Mein Urgroßvater väterlicherseits stammte aus der Stadt Muş (armenisch für Finsternis, Anm. d. R.). Er war einer von fünf Söhnen der Familie. Nach den Massakern kam er mit einem seiner Brüder in die Region Stawropol im Süden des Russischen Reichs. Sein jüngster Bruder verschwand spurlos, nachdem ihn die Mutter in die Obhut eines kurdischen Kindermädchens gegeben hatte. Von den beiden verbliebenen Brüdern ging einer mit der französischen humanitären Mission per Schiff nach Marseille, der andere zog in die USA, nach Ohio. Später zog mein Großonkel von Marseille zurück in die Sowjetunion zu seiner Mutter und seinen Brüdern. Er war überzeugter Kommunist, lebte jedoch nicht lange, weil er unter Stalin hingerichtet wurde.

Goar, 38 Jahre

Der Großvater von Goar. Foto

aus dem persönlichen Archiv

Mein Großvater war sieben Jahre alt, als die Massaker anfingen. Er war der älteste Sohn und hatte noch zwei Brüder und eine Schwester, seine Mutter erwartete ein weiteres Kind. Die Mutter wusste, dass sie mit drei kleinen Kindern nicht würde fliehen können. So schickte sie den ältesten Sohn mit dem Vater fort. Mein Opa und sein Vater zogen lange umher. Sie hatten nichts zu essen und oft auch keine Übernachtungsmöglichkeit. Was aus der Mutter und den Geschwistern geworden ist, hat er nie erfahren. Mit seiner späteren Frau hatte er zehn Kinder. Uns Enkelkindern erzählte er immer wieder von dieser Tragödie, manchmal zwei oder drei Mal am Tag. Dabei musste er weinen. Aber er weinte nicht so sehr über das Leid, das über das armenische Volk hereingebrochen war, sondern vielmehr über den Schmerz, den er als Siebenjähriger empfand, als er seine Mutter verlassen musste. Mein Großvater sagte immer wieder, dass es wichtig wäre, viele Kinder zu bekommen, so dass auf jeden Fall einer aus der Familie überleben würde. Seinen Kindern hat er die Namen seiner Mutter und der Geschwister gegeben.

Aik, 18 Jahre

Der Urgroßvater von Aik. Foto

aus dem persönlichen Archiv

Mein Urgroßvater besaß Werkstätten in der Westtürkei, in der Umgebung von Muş. Als alles begann, nahm er nur ein Buch des Heiligen Gregor von Narek, eines armenischen Dichters und Philosophen des Mittelalters, mit auf die Flucht. Dieses Buch versteckte er unter der Kleidung an seiner Brust. Eines Tages begegneten ihm zwei Türken, die ihn umbringen wollten. Der Erste richtete seine Flinte auf ihn und wollte abdrücken, doch das Gewehr versagte. Er sah meinen Urgroßvater und den zweiten Türken entrüstet an. Daraufhin schoss der Zweite, doch auch er hatte keinen Erfolg. Beide glaubten, dass es wohl etwas geben müsse, was meinen Urgroßvater beschütze. Das Buch des Heiligen Gregor haben wir daher bis heute aufbewahrt.

Aida, 17 Jahre

Die Urgroßmutter von Aida (in der Mitte). Foto aus dem persönlichen Archiv

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits lebte in Westarmenien in der Stadt Kars. Kars ist die frühere Hauptstadt Armeniens und eine der ältesten Städte der Welt. Urgroßmutter war zwölf Jahre alt, als ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester zusammen mit deren Bräutigam umgebracht wurden. Meine Uroma flüchtete mit ihrem Vater und Bruder in das armenische Dorf Amamlu, das heutige Spitak. 1918 kehrte ihr Vater nach Kars zurück und wurde dort ebenfalls umgebracht. In Spitak wurde meine Urgroßmutter von einer liebevollen Familie aufgenommen, sie war damals 14. Später heiratete sie den Sohn dieser Familie. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, zog ihr Mann in den Krieg und kehrte nie wieder zurück. Damals war meine Urgroßmutter schwanger. Sie bekam einen Sohn, der seinen Vater niemals kennengelernt hat.

 

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