„Die Verbindung der Zeiten": Fotocollagen gegen das Vergessen

Das Projekt „Die Verbindung der Zeiten“ ist eine umfangreiche Sammlung von Fotocollagen russischer und europäischer Städte — von Moskau über Berlin bis nach Paris. Foto: Sergej Larenkow

Das Projekt „Die Verbindung der Zeiten“ ist eine umfangreiche Sammlung von Fotocollagen russischer und europäischer Städte — von Moskau über Berlin bis nach Paris. Foto: Sergej Larenkow

In den Händen des Sankt Petersburger Seelotsen Sergej Larenkow wird die Fotokamera zu einer 
Zeitmaschine. Seit nunmehr sechs Jahren stellt er Archivaufnahmen russischer und europäischer 
Städte in Kriegszeiten mit Bildern von heute zu Fotomontagen zusammen. Die RBTH-Korrespondentin Jelena Bobrowa sprach mit dem Refotografen über seine Arbeit und seine Motive.

Wie ist das Projekt „Die Verbindung der Zeiten" entstanden?

Meine beiden Großmütter haben die Blockade von Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, überlebt. Meine Großväter haben in der Einkesselung gekämpft. Vieles von dem, was ich über die Zeit weiß, habe ich von ihnen gehört. Als ich eines Tages meine Töchter fragte, was sie in der Schule über den Krieg lernen, wurde mir klar, dass mit dem Dahinscheiden der alten Generation die Verbindung zu damals abreißt. Einst sagten die Kriegsnarben meines Großvaters oder der sorgsame Umgang meiner Großmutter mit einem Stück Brot mehr für mich aus als die 
Kapitel in einem Geschichtsbuch. Ich beschloss, die Lücke zu schließen und meinen Töchtern zu zeigen, was im Krieg dort passiert war, wo sie täglich langgehen. Im Jahr 2009 zog ich Archivbilder heran, fotografierte meine Stadt aus der gleichen Perspektive und kopierte die Fotos Leningrads während der Blockade auf die Aufnahmen des heutigen Sankt Petersburgs. Das Ergebnis war für mich selbst überwältigend. Es zog mich derart in seinen Bann, dass ich die Vergangenheit mit meiner Kamera noch tiefer ergründen wollte.

Wie entscheiden Sie sich für ein Motiv?

Ich bereite mich rechtzeitig und gründlich auf eine Stadt vor, wenn ich sie besuchen will. Vor allem erforsche ich ihre Vergangenheit und präge mir die örtlichen Gegebenheiten ein. Die Fotos suche ich vorher aus und versuche bereits zu Hause einzuschätzen, wo sie aufgenommen wurden. In einigen Städten, die ich ausgesucht habe, helfen mir auch Freunde, die sich in ihrer Stadt gut auskennen und an ihrer Geschichte interessiert sind. Im Vorfeld bereiten wir gemeinsam das Material für unsere „Expeditionen" vor.

Der Amateur-Fotograf Sergej Larenkow bringt die Vergangenheit näher. Foto aus dem persönlichen Archiv

Wo finden Sie alte Fotos für die Collagen?

Erste Bilder nahm ich aus offen zugänglichen Internetquellen. Später wollte ich meine Arbeit professioneller gestalten und ging in die Archive. Sehr behilflich ist mir dabei das Russische Staatsarchiv für Film- und Fotozeugnisse in Krasnogorsk bei Moskau. Außerdem stellten Heimatkundler und örtliche Museen dem Projekt viele Quellen zur Verfügung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie vor Ort erst feststellen müssen, dass die Spuren der Vergangenheit dort nicht mehr aufzufinden sind?

Ich versuche, wenigstens indirekte Anhaltspunkte zu finden. Die örtliche Beschaffenheit oder alte Bäume sind dabei besonders aufschlussreich. Im Schlosspark von Peterhof etwa fand ich „verwundete" Eichen aus Zeiten Katharinas der Großen. Solche Spuren sagen viel aus. Und als ich auf den Straßen des heutigen Wolgograds Stalingrad zu entdecken versuchte, musste ich auf Luftaufnahmen aus dem Krieg zurückgreifen.

Im Jahr 2010 haben Sie Berlin, Prag und Wien fotografiert. Was hat Sie dazu bewogen?

Auf mich hat unvorstellbar viel Bildmaterial eingewirkt. Nachdem ich zahlreiche Bilder rekonstruiert und den Film „Das Blockade-Album" erstellt hatte, empfand ich eine erdrückende Schwere. So, als ob ich selber dort gewesen wäre. Dabei konnte ich viele Blockade-Bilder nicht noch einmal aufnehmen, wegen moralischer Bedenken. Dieses Gefühl saß so tief, dass ich dachte, nach den Schrecken der Blockade auch den Sieg sehen zu müssen. Also ging ich auf Erkundungsreise durch das Europa von 1945.

Die Fotomontagen von Sergej Larenkow führen auf eindrucksvolle Weise die Vergangegheit vor Augen. Foto: Sergej Larenkow

2014 wurden Ihre Arbeiten in Berlin, Dresden und Hamburg ausgestellt. Wie waren die Reaktionen?

In Deutschland haben die Kriegsaufnahmen eine große Resonanz erfahren. Gerade die eigenen Städte zu sehen, hat die Menschen bewegt. In ihrer Seele regt sich etwas, wenn sie diese Bilder betrachten. Die mittlere Generation zeigte in der Tat das größte Interesse.

Wie weit erstrecken sich Ihre Arbeiten und was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Mein Moskau-Projekt habe ich zwischen 2009 und 2010 abgeschlossen. Dann kam Europa – Wien, Prag, Berlin, Paris, die Normandie. Danach waren Kiew, Odes
sa, Sewastopol, Kertsch und viele andere Städte an der Reihe. 2014 habe ich das Projekt auf Noworossijsk und Murmansk ausgeweitet. Insgesamt umfasst „Die Verbindung der Zeiten" mehr als 
1 000 Arbeiten. Es gibt aber noch viele Orte, die ich gern aufnehmen würde: den Kaukasus, das Baltikum, Polen, Ungarn, Serbien. Übrigens, während der Ausstellungen in Deutschland habe ich ein neues Projekt über die Zerstörung Dresdens infolge der Luftangriffe ins Leben gerufen. Bei den Deutschen stößt es auf reges Interesse. Die Dresdner Collagen waren insgesamt weniger aufwendig herzustellen als die Berliner. Denn die Berliner Bilder zeigten alle möglichen Winkel der Stadt und ich musste viel umherfahren.

Hinter Ihnen liegen viele Ausstellungen. Bleibt die Fotografie für Sie bloß ein Hobby?

Ich bin schon ein Amateur, doch als Hobby würde ich das nicht bezeichnen. Das ist eine andere Seite meines Lebens, die es bewusster macht.

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