Vom Todfeind zum Partner

Der sowjetische Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew (l.) und Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (r.) nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Handelsabkommens am 
1. Februar 1970 in Essen. Foto: DPA/Vostock Photo

Der sowjetische Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew (l.) und Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (r.) nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Handelsabkommens am 
1. Februar 1970 in Essen. Foto: DPA/Vostock Photo

Es war ein langer Weg vom Schützengraben an den Verhandlungstisch. Am Ende wurde Deutschland zum wichtigsten Partner erst für die UdSSR und später für Russland.

Es ist eine wahrhaft epochale Feststellung: Obwohl sie den furchtbarsten Krieg der Menschheitsgeschichte gegeneinander kämpften, wurden Deutsche und Russen danach wieder wichtige Handelspartner. Langsam fanden Sieger und Besiegte auch 
inmitten neuer Spannungen zur Kooperation zurück. Trotzdem galten diese Beziehungen seitdem seltenals Normalität: Gehörte man zunächst entgegengesetzten geopolitischen Bündnissen an, konnten die Bundesrepublik und Russland auch nach 1990 kein „gemeinsames Haus" aufbauen.

Seit nunmehr 70 Jahren bremsen immer wieder politische Krisen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch oder 
stellen ihn gar komplett infrage, wie es wegen der Ukraine-Krise 
aktuell erneut der Fall ist.

Der schwere Anfang des neuen Osthandels

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ruhten die Waffen zwischen den ehemaligen Alliierten in Ost und West, ihre geopolitischen Gegensätze traten aber offen zutage. Insbesondere für die USA war es entscheidend, den Ostblock wirtschaftlich klein zu halten.

Mit Embargos meinte man, die UdSSR einhegen zu können. Es wurde ein Ausschuss gegründet, der den Handel mit dem Osten überwachen sollte, das „Coordinating Commitee" (kurz CoCom). Dieses stellte Listen von „strategisch wichtigen" Waren zusammen, die den Sowjets vorenthalten werden sollten. Wer sich nicht daran hielt, dem drohten die 
Amerikaner mit Entzug der Marshall-Plan-Hilfen. Für das be
setzte Westdeutschland galt eine besonders umfassende Liste. Der Handelsverweigerung konnte es sich nicht entziehen.

Der Ost-West-Handel brach folglich ein: Hatten 1948 die westeuropäischen Länder noch 13 Prozent ihrer Waren nach Osteuropa exportiert, waren es 1951 nur sieben Prozent. Im Vergleich dazu erschien der Zustand vor dem Krieg fast schon märchenhaft: 1938 
verkaufte man ein Drittel seiner Waren an die östlichen Nachbarn. Und zehn Jahre zuvor hatte die deutsche Industrie gar jede zweite Maschine an die Sowjetunion geliefert.

Trotz der Embargopolitik gab es auf beiden Seiten den Wunsch, wieder miteinander Handel zu treiben. Die Wirtschaft der UdSSR wuchs zwar weiterhin stark, allerdings brauchte sie immer mehr Konsumgüter, deren Produktion ihr zunehmend Probleme bereitete. Westdeutschland wies 1949 seinerseits ein großes Handelsbilanzdefizit aus. Ihm gingen schlicht die Dollar aus. Der Handel mit dem Osten könnte den Ausgleich bringen, dachte man.

1951 kam schließlich Bewegung in die Sache: Die Sowjets luden die ganze Welt zu einer großen Wirtschaftskonferenz nach Moskau, „um den Frieden zu stärken". Das westdeutsche Establishment wehrte sich gegen die „Propagandaveranstaltung", wie man den Schachzug des Kremls einschätzte. Trotzdem weckten solche Zusammen
treffen den Wunsch nach mehr. Es häuften sich kleinere Initiativen von Unternehmern, die den Handel mit den Russen auf eigene Faust aufzunehmen suchten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) wollte aber die Übersicht und die Kontrolle über das Russlandgeschäft behalten. So kam es zur Idee eines eigenen Gremiums für den Osthandel. Nachdem 1952 der Bundestag und später auch die Regierung Adenauer den Osthandel grundsätzlich erlaubten, wurde der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft gegründet. Der Handel wuchs beständig und erste Kontakte von deutschen Unternehmern und sowjetischen Handelsfunktionären wurden geknüpft. Mit dem Auslaufen des Marshall-Plans verloren auch die CoCom-Embargolisten allmählich an Bedeutung.

Moskau-Reise von Adenauer 8. bis 14. September 1955

Die Entwicklung geregelter Beziehungen zwischen der BRD und der Sowjetunion wurde lange Zeit durch starke politische Barrieren behindert. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Nikita Chruschtschow und Konrad Adenauer war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen gegen die langersehnte Freilassung der übrigen rund 10 000 deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischer Gefangenschaft.

Adenauer und der erste Frühling im Russlandgeschäft

In den 1950er-Jahren wurde die BRD zu einem Wirtschaftsriesen. Die UdSSR wiederum arbeitete sich von einem Fünfjahresplan zum nächsten, wobei ihre Industrie hauptsächlich extensiv wuchs – Quantität

statt Qualität. Westdeutschland konnte ihr gegenüber zunehmend eine Position der Stärke einnehmen: Es war weniger auf den Warenaustausch mit dem Osten angewiesen als dessen Planwirtschaften. Bundeskanzler Konrad Adenauer versuchte denn auch, die Handelsfrage als Druckmittel einzusetzen, um den Kreml zu politischen Zugeständnissen zu bewegen. Beide Seiten waren aber zu keinem Kompromiss in essenziellen Punkten wie der Deutschlandfrage oder dem Status von 
Berlin bereit.

Erst ab 1958 fanden Bonn und Moskau einen gemeinsamen Nenner in zweitrangigen Fragen wie der Rückkehr von deutschen Kriegsgefangenen und dem Austausch von Botschaftern. Der Lohn davon waren auch die ersten Wirtschaftsabkommen zwischen der BRD und der UdSSR – deutsche Maschinen und Chemieerzeugnisse gegen sowjetisches Öl, Metalle und andere Rohstoffe. Trotz der kurz nach Vertragsunterzeichnung ausgebrochenen Berlin-Krise wuchs der deutsch-sowjetische Handel von etwa 160 Millionen US-Dollar im Jahr 1958 auf fast 400 Millionen im Jahr 1962. Verglichen mit dem gesamten Außenhandel der beiden Staaten war dieser Umsatz zwar immer noch unbedeutend. Trotzdem erlangte das Geschäft mit Westdeutschland für den Kreml all
mählich strategische Bedeutung.

Regierungschef Nikita Chruschtschow hatte der sowjetischen Planwirtschaft den Umstieg von Kohle auf Öl und Erdgas verordnet, und dazu musste die Infrastruktur 
geschaffen werden: Pipelines für den Transport der Rohstoffe mussten her. Der Krupp-Konzern lieferte schon seit Jahren Rohre für den Pipeline-Bau, nun kamen noch 
weitere deutsche Firmen wie Mannesmann hinzu. Tauschgeschäfte nach dem Muster „Rohstahl für Rohre" ließen den deutschen Export ansteigen – bis die USA wieder Sanktionen verhängten.

Streit um Röhren: Die Angst vor der roten Energie-Supermacht

Seit Beginn des Kalten Kriegs standen beide Kontrahenten vor einem Dilemma: Obwohl der Handel 
miteinander gut für Wirtschaftswachstum und Völkerverständigung war, konnte zu viel davon die eigene Sicherheit gefährden. Die UdSSR musste fürchten, sich in wirtschaftlicher und finanzieller Abhängigkeit vom Westen zu 
verstricken; dieser sorgte sich 
wiederum, dass er dem kommunistischen Koloss technologisch 
auf die Beine helfen könnte. Das rasante Wachstum des sowjetischen Pipeline-Netzes ließ das 
Pendel in Washington wieder in Richtung Sicherheit ausschlagen.

So bewirkten die USA 1962 ein 
Verbot der Lieferung von Großröhren an den Ostblock. Auch 
laufende Verträge sollten nicht mehr bedient werden. In der Wirtschaft war die Empörung groß: „Pacta sunt servanda" lautet das Ehrenwort des Unternehmers, 
Verträge müssen eingehalten werden. Nur mit Mühe und parlamentarischen Tricks gelang es Adenauer, der amerikanischen Vorgabe 
zu folgen.

Infolge des Röhrenembargos brach der deutsche Handelsumsatz mit der UdSSR erstmals in der Nachkriegszeit ein (um etwa 20 Prozent) und stagnierte auch in den Folgejahren. Die westeuropäischen 
Verbündeten waren aber weniger 
gehorsam als die Deutschen. 
Innerhalb weniger Jahre besaß 
die UdSSR daher trotzdem eine 
Pipeline nach Westen („Druschba") und hatte zudem eine solide eigene Produktion von Großröhren aufgebaut. Die westliche Sanktionspolitik war also weitgehend erfolglos.

Die Emanzipation des Osthandels und ihr vorläufiges Ende

Willy Brandt setzte zuerst als Außenminister, dann als Kanzler die Loslösung der Ostpolitik von den Sicherheitsinteressen der USA durch. Für den Ost-Handel bedeutete das, dass er nicht mehr in erster Linie als Instrument der Politik gesehen wurde. Dieser neue Stil schlug sich in mehreren internationalen Verträgen nieder: Dem historischen Gewaltverzichtsvertrag 1970 folgte zwei Jahre später endlich ein neues Handelsabkommen. Jetzt konnte auch das Röhren-für-Rohstoffe-Geschäft aufgenommen werden, das zehn Jahre zuvor vom US-Embargo verhindert worden war. Diesmal wollte die UdSSR allerdings mit Erdgas bezahlen. Der Beginn der Gasimporte ab 1973 leitete eine neue Ära der deutsch-russischen Beziehungen ein, die bis heute anhält: die Energiepartnerschaft mit Russland.

Das gesamte Handelsvolumen explodierte von etwa 800 Millionen Dollar im Jahr 1971 auf sechs Milliarden zum Ende des Jahrzehnts, das in Europa als Periode der Entspannung empfunden wurde. Doch die sowjetische Invasion in Afghanistan, die Verlegung moderner US-Atomraketen nach Westeuropa und Ronald Reagans US-Präsidentschaft trübten das Ost-West-Klima wieder deutlich ein. Diese neue Konfrontation mündete abermals in Sanktionen vonseiten der USA. Anders als in den beiden Jahrzehnten zuvor ließ sich die BRD unter Brandts Nachfolger Helmut Schmidt aber nicht mehr ausbremsen: Zwar folgte man dem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, das bisher größte Gasgeschäft mit der UdSSR 
über Mannesmann, Ruhrgas und die Deutsche Bank wollte man trotzdem nicht aufgegeben. Und Schmidts konservativer Nachfolger Helmut Kohl hielt an dem Projekt fest: Die Pipeline „Jamburg" nahm nach Verzögerungen 1989 ihren Betrieb auf.

Schließlich war es die russische Seite, die für Entspannung sorgte. Michail Gorbatschows Reformprojekt der „Perestrojka" räumte letztlich – sicher unabsichtlich – das größte Hindernis für das deutsche Russlandgeschäft aus dem Weg: den kommunistischen Einparteienstaat. Nach dem Zerfall der UdSSR brach der gegenseitige Handel nach stetigem Wachstum in den 1980er-Jahren zwar wieder ein, stieg aber bis 2012 auf das 
bisherige Allzeithoch von 80 Milliarden Euro.

Die Ukraine-Krise hat diese Entwicklung vorerst gestoppt und zu einer neuen Eiszeit zwischen Moskau und dem Westen geführt, einschließlich gegenseitiger Aus- und Einfuhrverbote. Nicht nur brechen die deutschen Exporte ein, auch die Wirtschaft sieht sich politischen Zwängen ausgesetzt, bis hin zu Vorwürfen, mit ihrem Russland-Engagement die Sicherheit Europas zu gefährden.

Zahlen

567 Millionen US-Dollar betrug der gesamte Handel zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion im Jahr 1968. Innerhalb eines Jahres stieg er auf 740 Millionen an.

15 Prozent Anteil am Außenhandel der UdSSR machten die beiden deutschen Staaten BRD und DDR Mitte der 1970er-Jahre aus und waren somit wichtigste Partner.

159 000 Tonnen Großrohre lieferten 1959 die westdeutschen Produzenten in die UdSSR, 1960 180 000 Tonnen und 1961 110 000 Tonnen.

157-fach erhöhte sich der Handelsumsatz zwischen der Sowjetunion und Westdeutschland in den drei Jahrzehnten zwischen 1955 und 1984, als er seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

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