Nach Luxemburg ins Arbeitslager

Ewdokija Karpowa wurde zur Zwangsarbeit nach Luxemburg verschleppt. Und überlebte – trotz harter Arbeit und dank einer Familie. Über ihr Schicksal erzählt ihr Sohn Anatolij Nedokus.

Aus Ewdokijas Fotoalbum (im Uhrzeigersinn): mit ihrer besten Freundin kurz vor der Deportation; Ewdokija im Jahr 1950 in Nikopol, Südukraine, und im Jahr 1945; männliche Familienmitglieder 1943. Foto aus dem persönlichen Archiv

Ewdokija Karpowa war erst 16, als sie 1941 zusammen mit vielen anderen Mädchen und Frauen festgenommen und in Viehwaggons nach Deutschland verschleppt wurde. Kurz davor hatte sie die Schule beendet und hoffte auf einen Ausbildungsplatz in einer technischen Fachschule in Kiew. Darum machte sie sich aus ihrer Heimatstadt Kotelnikowo im Gebiet Stalingrad auf den Weg und blieb eine Weile bei ihren Verwandten im ostukrainischen Roweniki zu Besuch. Dort wurde sie interniert. In überfüllten Waggons ohne Wasser und Kost starben die ersten Menschen bereits nach wenigen Stunden. Die Leichen wurden nur an größeren Bahnhöfen entfernt, so dass die Lebenden lange Zeit mit den Toten zusammengesperrt blieben.

 

Letzte Ehre für namenlose Gefangene

Am 9. Mai wird im kleinen Ort Bous in Luxemburg eine Gedenktafel an zwei russische Kriegsgefangene eingeweiht, deren Namen nicht einmal bekannt sind. Alles, was es über sie zu wissen gibt, hat der Luxemburger Widerstandskämpfer Gaston Wagner in einem lokalhistorischen Buch festgehalten.

Es handelt sich um zwei russische Kriegsgefangene, die aus einem Luxemburger Lager geflüchtet waren. Welches Lager es war, ist nicht bekannt, genauso wenig wie ihre Herkunft. Nur eines ist sicher: Sie hielten sich im Wald bei Bous versteckt. Bis schließlich eines Tages auf Anforderung der Lagerleiterin des sich in der Nähe befindlichen Mädchenlagers eine Razzia organisiert wurde. Die daran teilnehmenden Wachen fanden die beiden Jungen im Wald, erschossen sie und verscharrten sie noch am selben Ort.

Schlimmer als Vieh

Zuerst kamen sie zu einem Verteilerpunkt in Marseille und wurden dann weiter nach Luxemburg transportiert. Sofort nach der Ankunft riss man die Familien rücksichtslos auseinander. Die 16- bis 18-jährigen Mädchen wurden zur Zwangsarbeit eingeteilt.

„Diese Erinnerungen riefen in meiner Mutter unüberwindbare Schmerzen hervor", erzählt Anatolij Nedokus, der Sohn von Ewdokija. Sie habe ihr ganzes Leben lang diese Erinnerungen wach gehalten und ihm die Geschehnisse jener Tage weitererzählt. Daher weißt Anatolij noch ganz genau, dass sie zu Beginn ihres Aufenthalts im Arbeitslager eine vorübergehende Beinlähmung bekam, aber dank der Fürsorge anderer Häftlinge nicht erschossen wurde. Ihr Zustand besserte sich nur langsam im Laufe der Zeit.

Die Gefangenen wurden in einem Zementwerk eingeteilt. Bei dieser anstrengenden körperlichen Arbeit bekamen die Deportierten kaum genügend Nahrung, um zu überleben. „Wir wurden schlimmer als Vieh gefüttert", erzählte Ewdokija Karpowa ihrem Sohn später. Sie war auf dem Lande aufgewachsen und wusste ganz genau, wovon sie redete.

Jeden Morgen gingen die Gefangenen unter der Aufsicht von Soldaten mit Hunden zur Arbeit. Zum Zementwerk führte ein langer Weg, auf dem man mit etwas Glück auf ein wenig Essen stoßen konnte. Die luxemburgische Bevölkerung habe an beiden Straßenseiten in Papier eingewickelte Brotstückchen hinterlassen, erzählte die Mutter später.

 

«Wie kann man das vergessen?»: Russen über den Krieg

 

Anna 
Radischewskaja, Direktorin der russischen Schule in Luxemburg

 

Sie sind Leiterin der Dachorganisation aller russischsprachiger Vereine in Luxemburg. Welche Bedeutung hat der 9. Mai für Sie?

Ohne Zweifel ist er der wichtigste Feiertag für uns. Und unsere größte Herausforderung zugleich: Wir müssen sicherstellen, dass unsere Kinder die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs nie vergessen werden. Wie tief diese Zeit in all unseren Familien ihre Spuren hinterlassen hat, kann ich an einem persönlichen Beispiel zeigen: Mein Großvater starb Ende 1943 im besetzten Odessa, als Kommandant der Partisanen in den Katakomben. Mein Vater diente auf einem Unterseeboot im Schwarzen Meer und war an der Befreiung von Sewastopol und Odessa beteiligt. Wie kann man das vergessen? Im Zweiten Weltkrieg kämpften in der sowjetischen Armee Russen, Weißrussen, Ukrainer und Angehörige vieler anderer Republiken Schulter an Schulter. Heute haben sich die Verhältnisse geändert, und Konflikte spalten die früheren Verbündeten.

Wie geht der Russian Club of Luxembourg damit um?

Ich versuche, die Differenzen zu neutralisieren. Das fängt bei meiner Familie an. Meine Frau hat einen ukrainischen Pass. Wir haben sehr gute Beziehungen mit der Diaspora aus der Ukraine, aus Litauen und Lettland, aus dem Aserbaidschan, aus Bulgarien und Serbien.

Versteckt bei Luxemburgern

Ewdokija blieb im Arbeitslager bis zum Herbst 1944. Zu diesem Zeitpunkt erlitt Deutschland eine Niederlage an der Ostfront, und US-amerikanische Truppen leiteten den Angriff im Westen. Das harte Regime des Arbeitslagers wurde gelockert.

Die lokale Bevölkerung war freundlich zu den Gefangenen, und sobald das Gerücht aufkam, das Lager sollte zusammen mit den Insassen zerstört werden, schnitten mutige Einheimische Löcher in den Stacheldrahtzaun und halfen einem Teil der Inhaftierten, unter denen auch Ewdokija war, zu fliehen. Die Mädchen versteckten sich im Wald. Sie waren ärmlich gekleidet und wärmten sich in Laubhaufen. Ihnen zur Hilfe kamen wieder die Luxemburger.

Trotz Androhung der Todesstrafe haben sie die aus dem Lager geflohenen Mädchen aus dem Wald geholt und sich um eine Unterkunft bemüht. Auf diese Weise kam Ewdokija Karpowa in die Familie von Franz Zuni (die Schreibweise vom Vor- und Nachnamen kann abweichen – Anm. der Red.). Er hatte eine Tochter, die nur etwa vier Jahre jüngerwar als Ewdokija, und er versteckte Ewdokija so lange in seinem Haus, bis die Amerikaner die Stadt befreit hatten.

 

«Wie kann man das vergessen?»: Russen über den Krieg

 

Wsewolod 
Jampolskij,Vorsitzender des Russian Club of Luxembourg

 

Was bedeutet der 9. Mai für Ihre Institution?

Schon zu Schuljahrsbeginn haben wir beschlossen, als Hauptereignis den 
70. Jahrestag des großen Sieges auszuwählen. Seit September haben wir Kurse über die Geschichte Russlands und den Zweiten Weltkrieg auf unserem Programm. Unser Ziel ist es, den Kindern zu erklären, welche Rolle Russland während des Kriegs gespielt hat. Es ist wichtig, Geschichte in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Leider spricht man hier in Westeuropa sehr viel von den Amerikanern als jene, die die Welt vom Faschismus befreit haben, aber nur sehr wenig über die 20 Millionen Menschenleben, die in der Sowjetunion für den großen Sieg geopfert wurden.

Welche Botschaft möchten Sie an Ihre Schulkinder weiterreichen?

Die Erinnerung zu wahren! Alle, die ihr Leben gegeben haben, um uns vor den Nazis zu schützen, dürfen nie vergessen werden. Wir müssen diese Erinnerung von einer Generation an die nächste weitergeben. Es bleiben nur noch wenige Überlebende. Und es ist unsere heilige Pflicht, weiter über die Opfer zu reden, auch wenn sie nicht mehr unter uns sind.

Erinnern gegen Katastrophen

Erst Ende Februar 1945 wurde sie zu einer Verteilerstelle in der Nähe von Metz und schlussendlich über Marseille nach Odessa gebracht. Danach kam sie wieder nach Stalingrad zurück und verbrachte dort noch über die Hälfte ihres Lebens. Am 10. Dezember 1945 brachte Ewdokija ihren Sohn Anatolij zur Welt.

Heute ist er genauso alt wie das Kriegsende. 70 Jahre nach diesem Tag dankt er dieser Luxemburger Familie und ihren Nachkommen dafür, dass sie ihr Leben riskierten und das seiner Mutter retteten. „Dadurch ist auch mein Leben möglich geworden", sagt er.

Während seiner Erzählung kehrt Anatolij immer wieder zu der Bedeutung solcher Erinnerungen zurück. Sie sollten Generationen und Menschen aller Nationalitäten gegen diejenigen vereinen, die den Krieg gewollt und das blutige Menschengemetzel hervorgerufen haben, betont er mehrere Male. Die Erinnerungskultur sei wichtig, um andere Katastrophen zu verhindern. Und dafür sei der 9. Mai, der Tag des Kriegsendes, auch da.

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