Spaziergänge mit Brodsky

 Eine Szene aus dem Film "Spaziergänge mit Brodsky". Foto: Bildschirmabbild

Eine Szene aus dem Film "Spaziergänge mit Brodsky". Foto: Bildschirmabbild

Am 24. Mai wäre Joseph Brodsky 75 Jahre alt geworden. Anlässlich des Feiertages sprach RBTH mit der Regisseurin eines Dokumentarfilms über den Dichter. Es war das einzige Mal, dass sich Brodsky für das russische Fernsehen filmen ließ.

Im Jahr 1993 drehten die Regisseure Jelena Jakowitsch und Alexei Schischow den zweiteiligen Dokumentarfilm „Progulki s Brdoskim", zu Deutsch „Spaziergänge mit Brodski". Er begleitet den Dichter auf seinen Spaziergängen durch Venedig, zeigt dessen Lieblingsorte und erzählt von seinen Gedanken über die Heimat, über Kultur und Politik, Dichtung und Philosophie, die Zeit und sich selbst. Es war das einzige Mal, dass sich der Literaturnobelpreisträger und große Dichter des 20. Jahrhunderts für das russische Fernsehen filmen ließ. Die Zeitung „Rossijskaja Gaseta" sprach mit Regisseurin Jelena Jakowitsch.

 

Wie führte Sie das Schicksal zu Brodsky?

Jelena Jakowitsch: Ich arbeitete damals für die „Literaturnaja Gaseta", und gerade in dieser Zeit wurden bis dahin geheime Archive geöffnet. Man bekam damit die Möglichkeit, die Unterlagen zum sogenannten Brodsky-Verfahren aus dem Jahr 1964 und den erstaunlichen Schriftwechsel von Parteiführern über die Verleihung des Nobelpreises an den Dichter einzusehen.

In der Sowjetunion war die Perestroika in der Mitte der Gesellschaft angekommen, während ein paar Parteifunktionäre allen Ernstes darüber diskutierten, ob die Verleihung des Nobelpreises an Brodsky in der sowjetischen Presse veröffentlicht werden sollte. Ich produzierte zu dem Thema eine ganze Seite für die „Literaturnaja Gaseta" und kam auf einmal auf die wahnsinnige Idee, Brodsky selbst um eine Kommentierung der Dokumente zu bitten. Wir besorgten uns seine Telefonnummer. Brodsky antwortete sehr freundlich. Der einzige Kommentar, den er geben könne, sei der, dass die Sache keines Kommentars bedürfe. Es habe alles nur so weit kommen können, weil sich Menschen auf höchster Ebene mit solchen Nichtigkeiten befassten.

Da fragte ich unvermittelt, ob er einverstanden wäre, wenn wir einen Film über ihn drehten. Er antwortete freundlich: „Nun, schauen wir ...". Es war klar, dass er uns loswerden wollte.

Damals aber, Anfang der 1990er-Jahre, war alles möglich. Wir unterbreiteten unsere Idee einem Freund Brodskys, dem Dichter Jewgeni Rejn. Wir beschlossen sofort – der Schauplatz muss Venedig sein. Die Stadt ist so schön, und außerdem spielt dort Brodskys Essay „Ufer der Verlorenen". Die Handlung also war schon gestrickt, so dachten wir damals zumindest. Und so schrieben wir alle gemeinsam Briefe an Brodsky. Rejn verfasste einen eigenen, der Kulturminister Jewgeni Sidorow seinen, mein Co-Autor bereitete ein Schreiben vom Fernsehen vor. Wie sich später herausstellte, kamen die Briefe nicht an. Und da wir keine Antwort erhielten, unternahm ich zusammen mit Rejn einen weiteren Versuch am Telefon. Brodsky stimmte ohne Vorbehalte einfach zu: „Ich bin im Oktober in Italien, Ihr könnt also kommen".

Jelena Jakowitsch: Brodskys Genie war sofort und unbedingt erkennbar. Foto: Wiktor Wasenin/Rossijskaja Gaseta

Welchen Eindruck machte Brodsky auf Sie?

Er sah sehr gut und elegant aus in seinem gewalkten Mantel und Borsalino-Hut, wie Rejn bemerkte. Wir kannten damals solche Wörter überhaupt nicht. Er rauchte pausenlos seine geliebten Zigaretten der Marke Merit und scherzte: „Die italienische Familie: Mama, Papa, Grappa".

Sein Genie war sofort und unbedingt erkennbar. Im Falle Brodsky klingt das fast banal, aber die Genialität äußerte sich bei ihm sogar jenseits seines Werkes und seiner Autorität. Sie sprach aus jeder Geste, aus jedem Wort. Ein Gespräch mit ihm forderte höchste Aufmerksamkeit und Wahrung von Distanz. Uns schien, es hätte eine unangebrachte Frage, eine falsche Bewegung gereicht, um das Gespräch abreißen zu lassen.

Brodsky sagte, Venedig sei eine Stadt, in der man jemandem unablässig etwas zeigen, nicht in erster Linie selbst schauen, sondern das Gesehene

mit jemandem teilen wolle. Er sagte einmal: „Wenn Sie wüssten, wie glücklich es mich macht, Venedig nun auch Russen zeigen zu können!" Es war das einzige Mal, dass ich ihn bat, etwas vor der Kamera zu wiederholen. Das wollte er aber nicht tun.

Es war kaum möglich, mit dem Tempo, in dem er durch Venedig lief, mitzuhalten. Am dritten Tag schien es, als wolle er uns eine weitere geliebte Kirche zeigen. Aber dort fand eine Trauerfeier statt. Mit einem ganz anderen Ausdruck im Gesicht sagte Brodsky zu uns: „Wenn Ihr dort hingeht, könnt Ihr sehen, wie die Särge in eine Trauergondel gelegt werden". Nichts ereignete sich in seinem Beisein zufällig. Niemand konnte damals ahnen, dass er selbst einmal in Venedig begraben sein würde und wir mit unseren Aufnahmen der Gondel, die die Lagune zum Friedhof San Michele überquert, zur „Insel der Toten", das Szenario seiner eigenen Bestattung vorwegnehmen würden.

Wie reagierte Brodsky auf die Auszeichnung des Films und des Kamerateams mit dem angesehenen russischen TV-Preis Tefi?

Über den Film sagte er: „Ich komme ein bisschen zu oft vor, es hätte mehr Venedig im Bild sein können". Seine Reaktion auf den Tefi kenne ich nicht. Wir riefen ihn natürlich an, denn der erste Tefi-Preis wurde am 24. Mai 1995 verliehen. An seinem Geburtstag also, der sein letzter sein sollte.

 

Die vollständige Version des Interviews erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.

 

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