Leiterin der Inostranka-Bibliothek Jekaterina Genijewa verstorben

Foto: RIA Novosti/Artem Zhitenev

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Jekaterina Genijewa widmete ihr Leben der Literatur. 25 Jahre lang leitete sie die Rudomino-Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau und setzte sich unermüdlich für die Kulturförderung in Russland ein. Im Alter von 69 Jahren starb sie am Donnerstag nach langer Krankheit in Israel.

Jekaterina Genijewa ist tot. Die Leiterin der Rudomino-Bibliothek für Ausländische Literatur, im Volksmund Inostranka genannt, ist nach langer Krankheit im Alter von 69 Jahren verstorben. Genijewa galt als herausragende Übersetzerin und Philologin. Sie war eine „unermüdliche Literaturpatronin" und ein „gutherziger und einfühlender Mensch", erinnert sich der Schriftsteller Alexandr Kabakow. Wladimir Wojnowitsch, ein Freund Genijewas und Autor des in viele Sprachen übersetzten Romans „Moskau 2042", erzählt: „Sie war ein ungewöhnlich gebildeter und begabter Mensch. Dabei hat sich ihre Tätigkeit nie auf die Arbeit in der Bibliothek beschränkt. Sie hat englischsprachige Romane übersetzt und veröffentlicht, sie hat unendlich viele Literaturveranstaltungen organisiert."

Die unglaubliche Energie der charismatischen Jekaterina Genijewa spiegelte sich in ihren vielfältigen Aktivitäten wieder: Sie leitete mit der Inostranka-Bibliothek nicht nur eine der größten Bibliotheken Russlands, sie war zudem Verlegerin, stand dem karitativen Soros-Fonds in Russland vor, setzte sich für die Errichtung von Denkmälern ein und engagierte sich in der russischen Unesco-Kommission ebenso wie in der Internationalen Bibliotheksföderation.

 

„Wenn nicht ich, wer sonst?"

In den Achtzigerjahren gehörte Genijewa zu den Unterstützern der Perestroika und befürwortete Gorbatschows Reformvorschläge. Jegor Gajdar, zu Boris Jelzins Zeiten Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, war ein guter Freund, dem sie auch noch zur Seite stand, als er schwer krank wurde. Sie verwaltete nach seinem Tod seinen Nachlass und initiierte ein Denkmal für ihn. Gleichzeitig widmete sie sich mit großer Begeisterung der englischsprachigen Literatur, schrieb Artikel, initiierte Übersetzungen und Veröffentlichungen. Sie gilt unter anderem als „unübertroffene Joyce-Kennerin". Genijewa begann, sich aktiv in der Inostranka-Bibliothek zu engagieren.

Sergej Tschuprin, der Schriftsteller und Chefredakteur von „Snamja", einer der ältesten und angesehensten Literaturzeitschriften Russlands, erinnert sich an den nahezu endlosen Tatendrang von Jekaterina Genijewa, die er Katja nennt: „Mitte der Neunziger habe ich Katja ein Projekt vorgeschlagen, das mir selbst wie der schiere Wahnsinn vorkam: ein Nachschlagewörterbuch der modernen russischen Literatur. Das hatte weder etwas mit meiner Zeitschrift zu tun noch mit ihrer Tätigkeit in der Bibliothek. Aber sie hörte mir zu und sagte: ‚Was heißt hier, es hat damit nichts zu tun? Wenn nicht ich, wer denn sonst?' Dieser Satz ist zeitlebens ihr Motto gewesen."

Tschuprin erinnert sich weiter: „Damals, Mitte der 1980er-Jahre, waren die Zeiten hart in Russland. Sie waren geprägt von globalen, drastischen Umbrüchen." Zu dieser Zeit übernahm Genijewa den Vorsitz im Angestelltenrat der Inostranka-Bibliothek, „eine im Grunde unbedeutende Institution", wie Tschuprin erzählt. „Doch sie machte in ihrer Position etwas daraus: Schon bald war es der Angestelltenrat, der bedeutende und weitreichende Entscheidungen traf und nicht mehr die Bibliotheksverwaltung."

Als der weltbekannte Philologe Wjatscheslaw Iwanow auf den Direktorenposten berufen wurde, lud er sie ein, seine Stellvertreterin zu werden. „Dann nahm der Soros-Fonds in Russland seine karitative Arbeit auf – und wenn nicht Katja, wem sonst hätte man den Vorsitz antragen können?", fragt Sergej Tschuprin. „Sie wurde die Direktorin des Fonds und nur ihrer überbordenden Energie ist es zu verdanken, dass in Russland viele historische, kulturelle und literarische Denkmäler erhalten blieben. Alles was sie je in Angriff genommen hat, hat sie auch zu Ende gebracht und voller Hingabe und stets mit absoluter Aufrichtigkeit erledigt – auch das Nachschlagewörterbuch, das wir schließlich gemeinsam veröffentlicht haben."

 

Treue Dienerin der Inostranka

Alle Verdienste und Auszeichnungen Jekaterina Genijewas könnten nur schwerlich vollständig aufgelistet werden. Ihr liebstes Kind und ihr großer Stolz war die Rudomino-Bibliothek für Ausländische Literatur. Hier hatte sie ihre Berufung gefunden. Dieser Bibliothek hat Genijewa 43 Jahre ihres Lebens gewidmet, 22 Jahre lang hat sie sie geleitet. Sie war Initiatorin einer Vielzahl von Übersetzungen ausländischer Autoren ins Russische, sie hegte und vergrößerte sorgfältig den Bestand.

Als treue Dienerin der Inostranka verteidigte Genijewa auch in schweren Zeiten die Interessen „ihrer" Bibliothek und erwies sich damit als würdige Nachfolgerin der Gründerin Margarita Rudomino. Diese hatte die Bibliothek 1922 gegründet und konnte den größten Teil der bibliothekseigenen Bücher und auch die durch das Sowjet-Regime verbotenen Bücher retten.

Heute findet man in der Inostranka über fünf Millionen Werke in 144 Sprachen der Welt. Im Innenhof der Bibliothek ließ Jekaterina Genijewa Statuen von Menschen aufstellen, die sie für Genies hielt und um sich haben wollte. Die Bibliotheksbenutzer begegnen dort unter anderem Abraham Lincoln, Papst Johannes Paul II., Charles Dickens, Heinrich Heine und James Joyce.

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